Müll im Ozean Die 27 Jahre lange Reise von 29.000 Plastikenten

Jedes Jahr landen mutmaßlich bis zu 13 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. Ein US-Forscher hat einer Ladung nachgespürt, die 1992 von Bord ging. Nicht nur ist der Müll unverwüstlich - er legt immense Distanzen zurück.

"Tokio Express": 29.000 Quietscheentchen, Plastik-Frösche und Gummi-Biber über Bord
Curtis Ebbesmeyer

"Tokio Express": 29.000 Quietscheentchen, Plastik-Frösche und Gummi-Biber über Bord

Von Janne Kieselbach


Es war der 10. Januar 1992, als die "Tokio Express" in unruhiger See im Nordpazifik, auf dem Weg von Hongkong nach Seattle, zwölf Container verlor. Einer von ihnen öffnete sich und entließ seine knallbunte Fracht in die Dunkelheit: knapp 29.000 Quietscheentchen, Plastik-Frösche und Gummi-Biber. Die Tierchen verteilten sich schnell - und gingen auf große Reise durch die Fluten. Anfang Mai sind viele von ihnen nun fast 10.000 Tage unterwegs.

Der Sonne, Stürmen, arktischem Eis und Salzwasser ausgeliefert verblassten die Enten und ihre Kameraden mit der Zeit, wurden von Vögeln angepickt und umhergetrieben. Immer wieder fanden Küstenbewohner ramponierte Plastikfiguren an den Stränden - in den Neunzigerjahren nur im Pazifikraum, ab der Jahrtausendwende dann sogar im Atlantik.

Noch immer werden Biber und Frösche angespült

Ein Mann, der die gefundenen Spielzeugtiere von Beginn an dokumentiert hat, ist der US-amerikanische Ozeanograph Curtis Ebbesmeyer. "Es gibt keinen Zweifel, dass viele noch auf den Meeren unterwegs sind und im Laufe der kommenden Jahre gefunden werden", sagt er. Erst im vergangenen Jahr seien ein Biber und ein Frosch in Texas angespült worden. Auch in Schottland habe man einen Frosch entdeckt und im US-Bundesstaat Maine eine Ente.

Für Ebbesmeyer ist das Schicksal der Quietscheentchen zu einer Lebensaufgabe geworden. Viele Menschen schicken ihm Bilder von Plastiktieren aus aller Welt. "Ich erhalte zahlreiche Berichte über angespülte Enten. Und es sind tatsächlich schöne Enten, aber leider nicht die richtigen", erzählt der 75-Jährige. Nur selten seien Funde dabei, die er zweifelsfrei der Ladung von 1992 zuordnen könne.

Auch wenn es der erste Eindruck nahelegen mag: Ebbesmeyer hat keinen Hang zum Sammeln wertloser Gegenstände.

Ebbesmeyer ist als Forscher an wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert. Denn was da wirklich im Meer schwimmt und von verschiedenen Strömungen umhergetrieben wird, gerät bei aller Quietscheentchen-Romantik schnell in Vergessenheit: Plastikmüll, der erst nach Jahrhunderten vollständig biologisch abgebaut sein wird.

Jedes Jahr landen zwischen vier und 13 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen, je nach Schätzung. Auch das Unglück der "Tokio Express" ist kein Einzelfall: Pro Jahr rutschen etwa 10.000 Container über Bord - wie zuletzt Anfang Januar bei der Havarie des Schiffes "MSC Zoe" vor der niederländischen und deutschen Küste. Mindestens 345 Container fielen damals ins Wasser.

Quietscheentchen im Strömungsk arussell

Ebbesmeyer verfolgt den Weg des Mülls in den Ozeanen seit Jahrzehnten und hat mit seinen Kollegen Methoden entwickelt, um auf der Basis des gefundenen Treibgutes komplexe Oberflächenströmungen zu berechnen. Zwar sind Ozeanografen schon lange in der Lage, Meeresströmungen sehr genau mithilfe von Hightech-Bojen zu messen. Aber die Methode von Ebbesmeyer erweist sich in zweierlei Hinsicht als praktisch: Sie ist einerseits spottbillig, weil der angespülte Müll von freiwilligen Helfern weltweit beobachtet werden kann, und andererseits öffentlichkeitswirksam.

Plastikmüll im Meer: So könnten die Ozeane gereinigt werden

You Tube/ Seabin

Die Erkenntnisse der Strömungsanalysen am Beispiel der Quietscheentchen sind deutlich: Direkt nach der Havarie gerieten die Plastiktiere in den subpolaren Wirbel, einen gewaltigen Strömungsring, der gegen den Uhrzeigersinn fließt und sie erst vorbei an den Küsten Alaskas in Richtung Japan trieb, bevor sie der mächtige Kuroshio-Drift wieder zurück nach Nordamerika trug. Diese etwa drei Jahre dauernde Rundreise sollte sich in den Folgejahren etliche Male wiederholen.

Nach 3200 Kilometern und zehn Monaten wurden die ersten Enten in der Nähe der Hafenstadt Sitka in Alaska an Land gespült - und anhand der Prägung des Herstellers identifiziert. Die nächsten fand man erst anderthalb Jahre später an den Küsten Hawaiis.

Kurz darauf gelangten einige der Plastikfiguren über die Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien ins Arktische Meer - vermutlich eingefroren im Packeis. Sie trieben Richtung Grönland und von dort in den Nordatlantik. 2003 wurde ein Spielzeug-Frosch in Schottland gefunden - und damit der erste Beweis für diese zigtausend Kilometer lange Odyssee geliefert.

Die Weltreise der kleinen Plastiktiere legt ein trauriges Zeugnis davon ab, wie weit und wie lange sich der Müll in unseren Ozeanen ausbreitet. "Am Ende werden die Spielzeuge in kleine Partikel zerfallen sein und die Schicht aus Plastikpuder auf den Weltmeeren vergrößern", sagt Ebbesmeyer.

Diese Verschmutzung zerstört nicht nur marine Ökosysteme, sondern beeinflusst auch den Menschen. Britische Forscher errechneten unlängst, dass die Plastikmassen in den Meeren die Weltwirtschaft bis zu 2,2 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Der Müll in den Ozeanen schadet der Fischerei, dem Tourismus und allen voran unserer Gesundheit.

Im Video: DER SPIEGEL live - Vom Umgang mit den Meeren

DER SPIEGEL
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hoeffertobias 02.05.2019
1. Wahnsinn, ...
... was so alles an Müll im Meer landet. Leider wird es noch eine ganze Weile so weiter gehen, wenn wir am Thema vorbei diskutieren. Wer den (Plastik-)Müll, der - fachgerecht entsorgt - eben nicht im Meer landet, stark reglementiert und damit den Eindruck erweckt, er tue etwas sinnvolles gegen die Meervermüllung, der handelt eindeutig vorsätzlich. Für ein paar Wählerstimmen und ein (zu Unrecht) beruhigtes Gewissen wird die Zukunft dieser Erde leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Es ist ein Trauerspiel!
weltverbesserer75 02.05.2019
2.
Während die jungen Menschen um Luisa Neubauer dieses Problem jeden Freitag anprangern, diskutieren die meist männlichen Politiker regelmäßig vor Wahlen über Rentenerhöhungen. Die gelten in diesem überalterten Land inzwischen als nachhaltige und zukunftssichernde Politik.
Andreas-Schindler 02.05.2019
3. Plastik Verpackungen Verbieten
Es braucht als Verpackung kein Plastik. Die Produkte im Handel würden dadurch jeweils nur um wenige Cent steigen. Der Grund für Plastik ist nur seine leichter Verarbeitung durch Verpackungsmaschinen. Wenn Container durch Unfälle ins Meer fallen ist das zwar Tragisch. Aber der Großteil des Plastikmülls kommt nicht durch Unfälle in die Umwelt. Auch stellt sich die Frage ob man Güter nicht viel mehr über Land auf Schienen Transportieren sollte. Im meinen Mülleimer landet mehr Plastik in Form von Verpackungen als durch ein gekauftes Produkt das ich nicht mehr haben will. Unsere Politiker schieben die Schuld nach Brüssel. Viele Fehlentwicklungen seinen nur durch Brüssel Entstanden. Das ist Falsch. Unsere Nationalen Politiker könnten sich mehr dafür Einsetzen das es weniger Plastik in unseren Mülltonnen gibt. Ebenso das unsere Elektrogeräte wieder ein richtigen Aus-Schalter VORNE am Gerät haben wie Früher. Für Verpackungen Reicht Pappe. Selbst für Farbeimer kann man Beschichtete Pappe nehmen.
Hajojunge 02.05.2019
4. Auf lange Sicht hilft nur die thermische Verwertung
Es gibt ca. 400 verschiedene Kunststoffarten. Zwar werden nicht alle im täglichen Gebrauch eingesetzt, aber das anfallende Gemisch ist nur sehr aufwendig zu trennen, automatisiert geht das praktisch nicht. Bei der Wiederverwertung entsteht ein minderwertiger Kunststoff, der nur für einfache Zwecke verwendbar ist. - Es ist allerhöchste Zeit, ideologische Scheuklappen abzulegen und die Fachleute zu Wort kommen zu lassen. Plastik ist im Prinzip geronnenes Erdöl und hat einen sehr hohen Energieinhalt. Die bei der Verbrennung freigesetzte Energie kann zur Strom- und Fernwärmeerzeugung genutzt werden, wie z.B. in Berlin-Ruhleben, wo der Dampf im benachbarten Kraftwerk Reuter bis zu 36 Megawatt erzeugen kann, unter erheblicher Einsparung an Kohle. Verbrannter Kunststoff belastet keine Deponien und vor allem nicht unsere Weltmeere. Das vielfach unterschätzte Hygieneproblem mit verschimmelten und bakterienverseuchten Restinhalten wird elegant gelöst. Und die moderne Abgasreinigung ist längst Stand der Technik. Die Umwelt kann unter dem Strich nur gewinnen.
Teutonengriller 02.05.2019
5. Also wissen wir jetzt wie die
Meeresströmungen funktionieren. Die über Bord gegangene Ladung , die eigentlich nicht im Meer landen sollte, sorgt dafür. Jetzt müssen wir dann denn Alltagsmüll vermeiden und dafür sorgen, daß das Zeug nicht im Meer landet
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.