Plastikabfälle Der vermüllte Planet

Die Menschheit produziert immer mehr Plastik - und große Mengen landen über kurz oder lang in der Natur. Welche Wege führen aus der Abfallkrise?
Strand in Bali, Indonesien.

Strand in Bali, Indonesien.

Foto: Getty Images/ NurPhoto/ Muhammad Fauzy

In den ersten Sekundenbruchteilen sieht das Katastrophenvideo aus wie eine Aufnahme aus einer heilen Unterwasserwelt: Ein Taucher am "Manta Point" nahe der indonesischen Trauminsel Bali gleitet langsam durch einen großen, farbenprächtigen Schwarm. Aber dann wird klar: die bunten Fetzen um Rich Horner herum sind keine Fische. Nein: der Taucher schwimmt in einem Meer voller Plastikmüll.

Vielleicht hat Rich Horner den Weltmeeren einen großen Dienst erwiesen, als er zu Jahresanfang durch diese Müllsuppe tauchte, um sie zu filmen und die Bilder ins Internet zu stellen. Sein Video ist viral gegangen, Tausende Male geteilt worden. Es hat Millionen Menschen entsetzt - und sie sensibilisiert für die Verschmutzung der Natur durch Plastikmüll. Vielleicht hat es den einen oder anderen Entscheider in Wirtschaft und Politik bewogen, jetzt ernsthaft das Problem anzugehen. Auch in Deutschland.

Nur etwa neun Prozent der neun Milliarden Tonnen Plastik, die bisher weltweit hergestellt worden sind, wurden laut einem Uno-Bericht wiederverwertet, nur zwölf Prozent verbrannt. Die übrigen 79 Prozent landeten auf Müllhalden, in Ozeanen, Flüssen, Seen oder irgendwo in der Natur, wo es Dutzende, Hunderte, Tausende Jahre dauern kann, bis sie zersetzt sind. Das Material besteht aber fort: als Mikroplastik, winzige Teilchen, die in die menschliche Nahrungskette gelangen können. Weltweit werden zurzeit im Schnitt mehr als 900.000 Plastikflaschen hergestellt: pro Minute.

Unser Plastikmüll entspricht dem Leergewicht von mehr als 160.000 Airbus-A320

Heute widmet sich SPIEGEL ONLINE einen Tag lang intensiv dem Thema Plastikmüll: in Videos, Texten und Grafiken. Unser Hauptaugenmerk liegt dabei auf Deutschland. Denn kein Staat in Europa erzeugt so viel Plastikmüll wie wir: rund 6 Millionen Tonnen pro Jahr. Das entspricht dem Leergewicht von mehr als 160.000 Airbus-A320-Jets.

Indonesien ist weit entfernt. Und doch kann man nicht ausschließen, dass Rich Horner vor Bali auch durch deutschen Abfall schwamm. Schließlich verschiffen deutsche Unternehmen seit Jahren massenhaft Plastikmüll nach Asien. 2016 war die Bundesrepublik viertgrößter Müllexporteur der Welt.

Dabei sind wir offiziell Europameister im Müllrecycling. Seit Jahrzehnten trennen viele Deutsche ihren Abfall in schwarze, grüne, blaue Tonnen oder gelbe Säcke. Laut der Europäischen Umweltagentur EEA werden fast zwei Drittel des hiesigen Haushaltsmülls wiederverwertet. Das ist EU-Rekord. Aber auch Augenwischerei.

Denn diese Statistik erfasst den Abfall bereits als recycelt, wenn er nur zur Wiederverwertung gesammelt oder vorsortiert wird. Und gerade in Deutschland wird dieser Müll oft nicht wieder zu einem Rohstoff umgewandelt - sondern in Kraftwerken verheizt. Plastikmüll ist wegen seines hohen Energiegehalts besonders gefragt als Brennstoff.

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Bis Ende 2017 hat Deutschlands Abfallwirtschaft einen beachtlichen Teil des Plastikmülls in die Volksrepublik China verschifft. Dort wurde er zum Teil recycelt. Doch zum Jahreswechsel hat das Regime in Peking hat den Import von recycelbarem Plastikabfall zunächst eingeschränkt - und dann ganz verboten. Der deutsche Müllexport nach China ist zusammengebrochen.

Zwar haben einige andere asiatische Staaten ihre Einfuhren erhöht - das reichte aber längst nicht, um den Ausfall der Hauptabnehmernation zu kompensieren. Entsprechend mehr muss in Deutschland verfeuert werden. "Ich schätze, dass jetzt 65 bis 70 Prozent unseres Altplastiks als Ersatzbrennstoff, beispielsweise in der Zementindustrie, verwendet oder anderweitig thermisch verwertet werden", sagte Peter Kurth, der Verbandsvorsitzende der Deutschen Entsorgungswirtschaft, dem SPIEGEL.

Der Plastikmüll hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten verdoppelt

"Es wäre besser, das Plastik ganz zu vermeiden oder es zu anderen Kunststoffprodukten zu recyceln, als solch enorme Mengen zu verbrennen", sagt Erik Solheim, der Chef des Uno-Umweltprogramms. Und Müll fällt in Deutschland in immer raueren Mengen an. Während die Abfallmenge in Europa zwischen 2005 und 2016 um vier Prozent gesunken ist, stieg sie in Deutschland um 11 Prozent an - auf 626 Kilo pro Kopf. Die Menge des Plastikmülls hat sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten sogar mehr als verdoppelt.

Plastik ist preiswert, Plastik ist praktisch, zum Beispiel als Material für Einweggeschirr. Plastikbecher, -Teller, -Messer oder -Gabeln. Und auch bei den Getränkeverpackungen wird Einweg in Deutschland immer beliebter. Welche Massen an Abfall anfallen, zeigt sich nach Großveranstaltungen wie Musikfestivals. In Wacken etwa sind rund 140 Arbeiter fünf Tage lang damit beschäftigt, den Müll der Besucher zu beseitigen.

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Die unsichtbare Gefahr - Mikroplastik

Für das Auge kaum sichtbar, für Menschen und Tiere aber potenziell gefährlich ist Mikroplastik: winzige Kunststoff-Teilchen, die in manchen Kosmetika enthalten sind, aber auch beim Auswaschen beschichteter Textilien, beim Zersetzen von Plastikmüll, oder durch den Abrieb von Autoreifen in Gewässer gelangen.

Beim Anfahren und Bremsen von Autos lösen sich beispielsweise kleine Gummiteilchen aus den Reifen und gelangen über die Kanalisation ins Meer. Ihr Anteil am Müllproblem ist beträchtlich.

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Fische und andere Lebewesen halten Mikroplastik im Meer für Plankton, fressen es. Je kleiner der Plastikmüll im Wasser, desto problematischer. Im Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven untersuchen Forscher die Gefahren von Mikroplastik.

Könnten Kunststoffpartikel am Ende auch auf unseren Tellern landen? (Video)

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Erste Studien deuten darauf hin, dass Mikroplastikpartikel sich in der Nahrungskette anreichern - und am Ende von Menschen mitverspeist oder -getrunken werden. Welche gesundheitlichen Auswirkungen das hat, ist noch nicht endgültig geklärt.

"Wir stehen vor einem Ozean-Armageddon", sagt Uno-Umweltchef Solheim. Die weltweite Plastikproduktion könne sich Prognosen zufolge in den nächsten 15 Jahren nochmals verdoppeln. "Wenn es so weitergeht, haben wir 2050 mehr Plastik in den Weltmeeren als Fisch." Wie lässt sich das Plastik-Problem in den Griff kriegen?

Wissenschaftler Braungart fordert ein radikales Umdenken: Anders verpacken! (Video)

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Aber vieles lässt darauf hoffen, dass es nicht so weitergeht. Einige Staaten und Konzerne beginnen umzudenken: getrieben von Wählern und Konsumenten. Indien etwa hat kürzlich angekündigt, Einwegplastik bis 2022 komplett zu untersagen. Das bettelarme Ruanda verbietet schon seit langem Plastiktüten. Die EU will alle Plastikverpackungen bis 2030 wiederbenutzbar oder recyclingfähig machen.

Getränkemultis wie Coca-Cola, Pepsi oder Danone präsentieren Recyclingprogramme für Kunststoffflaschen. Und viele deutsche Supermärkte haben Plastiktüten verbannt - wenngleich die Ökobilanz der als Ersatz angebotenen Einweg-Papiertüten teilweise sogar schlechter ist.

Wissenschaftler und Unternehmen entwickeln alternative Verpackungsmaterialien aus biologisch abbaubaren Rohstoffen oder Technologien zur Reinigung der Ozeane. Von Mumbai bis zu Wattenmeerinseln in der deutschen Nordsee räumen Freiwillige Strände auf.

Rund um die Welt starten Menschen Projekte, um die Müllflut zu bekämpfen (Video)

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Das globale Problem ist damit noch nicht ansatzweise gelöst. Aber es rührt sich etwas. Denn Plastikmüll bewegt neuerdings viele Menschen. Was auch daran liegt, dass er mittlerweile unübersehbar ist: ob in unserem Alltagsleben oder beim Tauchgang vor Bali.

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