Polarmeer Warum Eisbären zu Kannibalen werden

Klimaforscher warnen, dass sich die Tierwelt im Polarmeer dramatisch verändern wird. Verliert eine Spezies ihren Lebensraum, kann das den Tod für weitere Arten bedeuten. Die Nahrungskette bricht zusammen.

Gletscher auf Spitzbergen
Jens Büttner/dpa

Gletscher auf Spitzbergen


Die Wissenschaftler bei der Rostocker Fachtagung deutscher Polarforscher sind sich einig: Der Klimawandel wird die Tier- und Pflanzenwelt in den Polarregionen und den angrenzenden Meeren erheblich verändern. Wie genau, sei aber noch unklar.

Zu vermuten seien aber ähnliche Effekte wie in den tropischen Regenwäldern. Forscher gehen davon aus, dass dort durch Klimawandel und Rodungen jährlich Hunderte Arten verschwinden könnten - darunter viele noch gar nicht wissenschaftlich beschriebene.

"Für die riesigen Ozeane in den Polarregionen ist Ähnliches zu vermuten", sagt Ulf Karsten vom Lehrstuhl für angewandte Ökologie und Phykologie der Universität Rostock.

Die Unsicherheit der Wissenschaft habe einen einfachen Grund, sagt er: Die Polarmeere sind meist mit Eis bedeckt, ein Schiff muss in der verbleibenden eisfreien Zeit unter großem technischem und finanziellem Aufwand hinfahren, und es können nur punktuell Proben aus mehreren Kilometern Tiefe geholt werden. "Was einen Kilometer daneben passiert, wissen wir nicht." Ohne dieses Wissen aber könnten Änderungen kaum großflächig erfasst werden, erklärt Karsten.

Weniger Futter für Vögel und große Meeressäuger

Doch schon das, was bekannt ist, sollte ausreichen, um rasche und massive Änderungen der internationalen Klimapolitik herbeizuführen, sind sich die Forscher einig. So war das Weddell-Meer vor der antarktischen Halbinsel noch vor wenigen Jahren dicht mit Eis bedeckt. "Das Eis ist wichtig für den Krill, um sich erfolgreich fortzupflanzen", sagt Karsten. Als Krill werden kleine Krebstiere bezeichnet, die riesige Schwärme bilden.

Gehe das Eis zurück, gebe es weniger Krill und damit weniger Nahrung für viele Wal-, Fisch- und Vogelarten. "Dann gibt es einen Dominoeffekt, der wiederum nur schwer einzuschätzen ist", erklärt Karsten. Es sei zwar bekannt, dass der Lebensraum des Krills durch andere Organismen wie Salpen besetzt wird. Dies sind bis zu acht Zentimeter große, wirbellose Tiere. "Es ist nur die Frage, ob Salpen genauso gerne gefressen werden wie Krill - die Antwort heißt wohl eher 'Nein'."

Dreizehen-Möwen am Ericbreen Gletscher
imago

Dreizehen-Möwen am Ericbreen Gletscher

Im Norden schmilzt das Eis, im Süden wächst es

Schätzungen zufolge ist das Wasser im arktischen Ozean in den vergangenen Jahrzehnten um etwa 1,5 bis 2 Grad wärmer geworden. Es gebe aktuelle Spitzen wie etwa bei Grönland, wo das Oberflächenwasser um 4 bis 6 Grad wärmer als bei früheren Messungen war.

Allerdings ist diese Erwärmung in der zentralen Antarktis kaum zu beobachten, sagt Oliver Huhn, Physiker von der Universität Bremen. Es gebe eher den umgekehrten Trend, dass dort eine Zunahme des Eispanzers zu beobachten ist.

Trotzdem werden künftige Generationen die Folgen der Erwärmung erheblich spüren, ist Huhn, ein Experte für Meeresströmungen, überzeugt. Bei einer weiteren Erwärmung der Meere und der Atmosphäre werde es zum Abschmelzen der Polargletscher kommen. Diese könnten instabil werden und abrutschen - mit dramatischen Folgen.

"In der Arktis sind die Effekte schon deutlich zu spüren, die Klimamodelle sagen das auch für die nächsten Jahrzehnte für die Antarktis voraus", erklärt Huhn.

Der Lebensraum für den Eisbär wird knapp

Ein Symboltier für den Klimawandel ist der Eisbär: Das größte Landraubtier leide schon jetzt erheblich unter den Veränderungen. "Das Eis als Lebensraum ist teilweise weggefallen, die Robben als Nahrungsgrundlage fallen weg und Kannibalismus wird beobachtet", sagt Karsten.

Die Bären näherten sich verstärkt menschlichen Siedlungen. Erst kürzlich hatte eine Gruppe der Tiere fünf russische Wetterforscher mehrere Tage lang belagert. Die Wissenschaftler mussten auf Hilfsmittel aus einem Helikopter warten, um die Eisbären loszuwerden. Teils fräßen die Bären auch Gelege bodenbrütender Vögel, die wiederum ein Problem mit ihrer Vermehrung bekämen, so Karsten.

"Schon das, was wir heute wissen, muss als dramatisch bezeichnet werden", betonen die Forscher. Für den Einzelnen aber sei die Entwicklung oft schwer fassbar und gefühlt weit weg vom eigenen Leben. "Das ist mit gesundem Menschenverstand nicht mehr zu verstehen."

jme/dpa



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