Forschungsschiff in der Antarktis »Polarstern« entdeckt verborgene Welt – auf Umwegen

In der Antarktis ist kürzlich der Rieseneisberg A74 abgebrochen – und das Forschungsschiff »Polarstern« war zufällig in der Nähe. Nun gelang den Forschern an Bord ein seltener Blick auf den Ozeanboden.
Die »Polarstern« zwischen Brunt-Eisschelf (l.) und Eisberg A74 (r.)

Die »Polarstern« zwischen Brunt-Eisschelf (l.) und Eisberg A74 (r.)

Foto: Ralph Timmermann / Alfred-Wegener-Institut

Hartmut Hellmer hält in bester norddeutscher Gelassenheit erst mal den Ball flach. »Nein«, sagt der Ozeanograf und Klimamodellierer am Alfred-Wegener-Institut (AWI), »historisch ist die Fahrt nicht«. Hellmer ruft aus dem Südpolarmeer an. Dort leitet er die aktuelle Expedition des Forschungseisbrechers »Polarstern«. In der Region ist am Brunt-Eisschelf gerade ein riesiger Eisberg abgebrochen, er heißt A74 und ist mit 1270 Quadratkilometern mehr als anderthalbmal so groß wie Berlin.

Eisberg A74 mit »Polarstern«: Das Forschungsschiff ist mit einem roten Pfeil markiert

Eisberg A74 mit »Polarstern«: Das Forschungsschiff ist mit einem roten Pfeil markiert

Foto: TSX data / DLR

Das Schiff war eigentlich für andere Forschungsarbeiten in diesem Teil der Ostantarktis. Die Wissenschaftler an Bord haben trotzdem die Chance genutzt, um den Eisberg komplett zu umrunden. Dazu musste sich Kapitän Stefan Schwarze in die Öffnung zwischen Schelf und Eisberg vorwagen. Wobei, und dieser Punkt ist Expeditionschef Hellmer augenscheinlich wichtig: Wirklich eng sei es gar nicht gewesen. Und außerdem habe die »Polarstern« schon im Jahr 1986 einmal diese Stelle erreicht.

Irgendwann brechen die Schelfe ab

Zur Erklärung, warum das damals möglich war, muss man verstehen, wie die Eisschelfe der Antarktis funktionieren. Diese kann man sich grob als riesige schwimmende Eisplatten vorstellen, die ins Meer hinausragen. Weil die Gletscher aus dem Inneren des Südkontinents immer neue Eismassen Richtung Meer befördern, werden diese Platten zunächst immer größer, bis sie irgendwann abbrechen. Dann schwimmen die Rieseneisberge langsam in wärmere Ozeanbereiche und schmelzen.

Beim Besuch der »Polarstern« im Jahr 1986 lag der letzte Abbruch noch nicht lange zurück. Die Schelfkante lag weit im Süden, das Schiff konnte damals an eine Stelle fahren, die kurz danach schon wieder nicht mehr zugänglich war.

An der Eiskante: Die »Polarstern« kam dem Schelf teils auf bis zu zwei Schiffslängen nahe

An der Eiskante: Die »Polarstern« kam dem Schelf teils auf bis zu zwei Schiffslängen nahe

Foto: Ralph Timmermann / Alfred-Wegener-Institut

Dennoch, die aktuelle Fahrt der »Polarstern« ist bemerkenswert. Zwischen etwa 16 Meter hohen Eiskanten auf beiden Seiten konnte das Schiff in Meeresbereiche vordringen, die mehrere Jahrzehnte unter mehr als 150 Meter Eis verborgen waren – und zwar nur wenige Wochen, nachdem der frostige Panzer verschwunden ist.

Goldener Streifen zwischen Wolken und Schelf

»Es ist mehr als beeindruckend, so ein Naturspektakel so nah zu sehen und zu erleben«, berichtet die AWI-Meereisphysikerin Stefanie Arndt in einer Nachricht an den SPIEGEL. Nach stürmischen Tagen auf See kam sogar die Sonne heraus, als die »Polarstern« in der eisigen Rinne unterwegs war. Als er den »goldenen Streifen zwischen Wolken und Schelf« beschreibt, zeigt selbst Fahrtleiter Hellmer kurz Gefühle. Sein AWI-Kollege, der Tiefsee-Ökologe Autun Purser, nennt den Moment sogar »atemberaubend« und »super dramatisch«.

Ohnehin ist Purser bei seinem Telefonanruf aus dem Südatlantik deutlich euphorischer. »Es war großartig, dorthin zu schauen, wo eben noch ein Eisschelf war«, sagt er. Der Forscher hat dazu ein Unterwasser-Kamerasystem, das Ocean Floor Observation and Bathymetry System, an einem dicken Draht hinter der »Polarstern« herschleppen lassen. Auf den Bildern hätten sich verblüffend viele Arten gefunden, teils in mehr als 500 Metern Wassertiefe, sagt er: »Es gab eine Menge Leben am Meeresboden. Eigentlich war jeder Stein mit Lebewesen bedeckt.«

Leben am Meersboden: Auf den Steinen fanden die Forscher unter anderem Schwämme, Moostierchen und Korallen. Dazu kamen mobile Tiere wie der Wurm, der links im Bild eine spiralförmige Kotspur hinterlassen hat

Leben am Meersboden: Auf den Steinen fanden die Forscher unter anderem Schwämme, Moostierchen und Korallen. Dazu kamen mobile Tiere wie der Wurm, der links im Bild eine spiralförmige Kotspur hinterlassen hat

Foto: Alfred-Wegener-Institut

Die Steine kommen mit dem Gletschereis aus dem Inneren der Antarktis ins Meer. Dort dienen sie als Lebensraum. Kapitän Schwarze steuerte das Schiff während Pursers Aufnahmen so dicht an der neuen Eiskante entlang wie möglich. Nur zwei Schiffslängen, also rund 240 Meter weit entfernt, sei das Brunt-Schelf da noch gewesen, sagt Purser. »Wenn man zur Steuerbordseite des Schiffes schaut, sieht man da nur noch Eis.« Wobei Purser vor allem auf die Monitore vor sich geblickt haben dürfte. Die gaben ihm Einblick in eine lange verborgene Welt.

Mit diesem Kamerasystem hat Purser seine Aufnahmen gemacht

Mit diesem Kamerasystem hat Purser seine Aufnahmen gemacht

Foto: Esther Horvath / Alfred-Wegener-Institut

Er habe am Meeresboden, so beschreibt der Forscher seine Beobachtungen, eine Lebensgemeinschaft gesehen, die nicht erst nach dem Abbruch des Rieseneisbergs entstanden sei. All die Schwämme, die Seegurken, die Fische und Tintenfische seien mit Sicherheit auch vorher schon dort zu Hause gewesen, als der Bereich noch von dickem Eis bedeckt gewesen war und kein Sonnenlicht das Wasser erreichen konnte. Die meisten der gefundenen Organismen ernährten sich wohl von Algenresten oder von organischen Partikeln, die über das Eis in den Ozean gekommen seien, sagt Purser.

Auf der aktuellen Expedition hat der Forscher seine Kamera insgesamt 21-mal herunter zum Meeresboden lassen können. Die Fahrt zwischen Eisberg und Abbruchkante war dabei das Highlight. »Die ganze Expedition war sehr erfolgreich für uns«, sagt Purser. Jetzt muss sich die »Polarstern« allerdings beeilen. Sie soll die Besatzung der Forschungsstation »Neumayer III« abholen – und dort hat sich ein Sturmtief angekündigt. Aber auch in diesem Fall behält Expeditionsleiter Hellmer die Ruhe. »Wir sind ein bisschen im Stress«, sagt er nur zum Abschied. Auch diesmal ganz norddeutsch gelassen.