Prähistorische Nüsse Hamster grub älteste Speisekammer der Welt

Ausgerechnet im Braunkohle-Tagebau bei Garzweiler haben Archäologen die älteste Speisekammer der Welt entdeckt. Ein prähistorischer Hamster hat vor etwa 17 Millionen Jahren rund 1200 Nüsse verbuddelt - und nie an ihnen geknabbert.


Fundstücke aus der Hamster-Speisekammer: Fossile Nüsse in stachliger Schale
Uni Bonn

Fundstücke aus der Hamster-Speisekammer: Fossile Nüsse in stachliger Schale

Der kleine Geselle musste Angst vor harten Zeiten gehabt haben, doch seine prall gefüllte Vorratskammer konnte ihm nicht mehr nützen: Nachdem er die letzte Nuss in seiner Höhle versteckt hatte, kehrte der Nager nie wieder zurück. Erst 17 Millionen Jahre später sollten seine Nüsse wieder ans Tageslicht gelangen - ausgegraben von Menschen auf dem Gebiet des Braunkohle-Tagebaus bei Garzweiler.

Die Bonner Paläontologin Carole Gee entdeckte die Vorratskammer in einer von einem Bagger gerissenen Schneise. Die Lage der mehr als 1200 Nüsse erlaubte präzise Rückschlüsse auf die Größe des Baus und die Form der Gänge. "Der Bau stammt mit Sicherheit von einem Nagetier, und zwar am wahrscheinlichsten von einem großen Hamster oder möglicherweise einem Erdhörnchen", schreiben Gee und ihre Kollegen Martin Sander und Bianka Petzelberger im Fachblatt "Palaeontology".

Das Alter der Nüsse sei durch die so genannte Lithostratigraphie, eine Analyse der Sedimente, auf 17 Millionen Jahre bestimmt worden. Möglich sei eine Abweichung von höchstens 500.000 Jahren, wie Gee gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärte.

Im frühen Miozän lag das Gebiet des heutigen Köln am Meeresufer und die Hamsterhöhle in Dünen, die von Blumen und Sträuchern bewachsen waren. Das zumindest legen die zahlreichen fossilen Wurzeln nahe, die in der Umgebung des Baus gefunden wurden. Die Nüsse wiederum stammen den Forschern zufolge von einer seltenen Baumart, einer Verwandten der südeuropäischen Esskastanie, die heute nur noch an der nordamerikanischen Pazifikküste und in Ostasien vorkomme. "Wir haben die Pflanzenfossilien in den Unikliniken mit einem Computertomographen untersuchen lassen", erklärt Gee. "Sie waren so gut erhalten, dass man den zweigeteilten Kern in der Schale deutlich erkennen konnte."

Das Rheinland war während des warmen Miozäns von Krokodilen und Affen bevölkert. Die meisten heute lebenden Nagetiere legen aber nur große Vorräte an, wenn sie sich auf schlechte Zeiten mit großer Kälte oder Trockenheit vorbereiten, wie die Wissenschaftler anmerken. "Vielleicht deuteten die prall gefüllten Speisekammern bereits den klimatischen Wechsel zu ausgeprägteren Jahreszeiten an", meint Gee.



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