Lernen bei Kindern Warum Achtjährige Vögel überflügeln

Wie lässt sich eine kleine schwimmende Marke aus einer wassergefüllten Glasröhre holen, ohne hineinzugreifen? Forscher haben kleinen Kindern und Vögeln dieselbe Aufgabe gestellt - und verblüffende Parallelen bei der Lösung bemerkt.

Kind mit Vogel (Archivbild): Lange Zeit ähnliche Lernstrategie
Corbis

Kind mit Vogel (Archivbild): Lange Zeit ähnliche Lernstrategie


Cambridge - Viel haben Forscher in den vergangenen Jahren über die kognitiven Leistungen von Vögeln gelernt. Rabenvögel etwa wissen, wann sich strategisches Warten auf gutes Fressen lohnt. Und um Artgenossen auf etwas aufmerksam zu machen, nutzen sie spezielle Gesten - ganz ähnlich, wie es Kleinkinder tun. Die Liste lässt sich beinahe beliebig fortsetzen: Krähen sind extrem clevere Werkzeugnutzer, Buschhäher können sich die Zukunft vorstellen, Spottdrosseln Menschen wiedererkennen.

Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Rabenvögel und Menschen beim Lernen lange Zeit gleichauf liegen. Bis zum Alter von sieben Jahren lernen Kinder demnach ähnlich wie die Tiere: Sie lösen Aufgaben auf vergleichbare Weise und mit gleichem Erfolg. Erst danach überflügeln die Kinder ihre gefiederten Konkurrenten, berichten Verhaltensforscher im Fachjournal "PLoS One".

Die Wissenschaftler um Nicola Clayton von der britischen University of Cambridge hatten 80 Kinder zwischen vier und zehn Jahren mit Aufgaben konfrontiert, wie sie in Versuchen mit Krähen und anderen Rabenvögeln verwendet werden. Sie sollten eine kleine schwimmende Marke - die sie gegen einen bunten Sticker umtauschen konnten - aus einer schmalen, halb mit Wasser gefüllten Glasröhre holen, ohne hineinzugreifen. Dafür standen ihnen leichte, schwimmende sowie schwere Kugeln zur Verfügung.

Kinder unter acht Jahren nicht besser als Vögel

In durchschnittlich fünf Versuchen lernten die bis zu sieben Jahre alten Kinder, dass schwere Kugeln den Wasserstand erhöhen, so dass sie die Marke greifen können. Ähnlich schnell begriffen sie, dass die Methode nur funktioniert, wenn die Röhren mit Wasser gefüllt sind - nicht aber, wenn Sägemehl in ihnen ist.

Diese Lernleistung sei nicht besser als die besonders lernfähiger Tiere, berichten die Forscher: Krähen und Eichelhäher hätten ähnlich schnell gelernt, schwimmendes Futter aus den Röhren zu holen. Anders wurde dies erst bei Kindern ab etwa acht Jahren: Sie durchschauten die Tests auf Anhieb und lösten die Aufgaben ohne Probleme.

Darüber hinaus absolvierten sie auch Tests, bei denen dies zunächst unmöglich schien - etwa, wenn sich der Wasserspiegel nicht so rasch änderte, weil mehrere Röhren unterhalb des Tisches miteinander verbunden waren. Die Kinder stellten sich schnell darauf ein, Rabenvögel scheitern dagegen regelmäßig.

Während ältere Kinder bei der Befragung teilweise nach einer Erklärung suchten, sagten jüngere einfach: "Wenn ich das so und so mache, dann geht es." Dieses offene Probieren könne der Schlüssel sein, so die Forscher. "Es ist die Aufgabe der Kinder, die Welt zu verstehen", so Mitautorin Lucy Cheke. "Das könnten sie nicht, wenn sie eine vorgefasste Meinung darüber hätten, was möglich ist und was nicht."

chs/dpa



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