Psychologie Tierische Persönlichkeit

Ihr Haustier hat Charakter, finden Sie? Das kann sogar sein: Affen, Hunde und Kraken zeigen eine große Vielfalt im Verhalten - selbst unter Taufliegen gibt es träge und mutige Exemplare. Einige Forscher vermuten in den tierischen Differenzen den Ursprung der menschlichen Persönlichkeit.
Von Joachim Marschall
Hund im Rasta-Outfit: Mindestens sieben Charaktermerkmale unterscheiden sich

Hund im Rasta-Outfit: Mindestens sieben Charaktermerkmale unterscheiden sich

Foto: ? Jaime Saldarriaga / Reuters/ REUTERS

Ein Ratgeber über Hundenamen wirbt auf dem Umschlag mit einem "Hunde-Charaktertest ". Laut Verlag kann man damit die Persönlichkeit seines Vierbeiners bestimmen - um dazu passend den treffenden Namen auszuwählen. Auch auf Dutzenden von Web-Seiten zum Thema lautet der einhellige Ratschlag: Der Name müsse nicht nur zum Erscheinungsbild des Tiers passen, sondern auch dessen Gemüt widerspiegeln.

Gemüt, Persönlichkeit, Charakter? Kaum ein Hunde- oder Katzenhalter wird bei diesen Begriffen stutzen - dabei sind sie doch traditionell dem Menschen und seinen Eigenarten vorbehalten. Aber vielleicht liegen die Tierfreunde gar nicht so falsch.

Unterstützung kommt von wissenschaftlicher Seite: Der Persönlichkeitspsychologe Samuel Gosling von der University of Texas in Austin veröffentlichte bereits 2005 gemeinsam mit seiner Kollegin Amanda Jones eine Übersichtsarbeit über 51 Studien, in denen das Temperament von Hunden beobachtet oder auf die Probe gestellt wurde. Demnach unterscheiden sich einzelne Tiere in mindestens sieben Merkmalen voneinander: ihrer Erregbarkeit, Zutraulichkeit, Aggressivität, Geselligkeit und Trainierbarkeit, ihrer Dominanz und ihrem generellen Aktivitätsniveau.

Gosling ist der zurzeit wohl prominenteste Vertreter einer Forscherriege, die überzeugt ist: Nicht jedes Tier ist gleich. Bei fast allen Spezies, die Wissenschaftler studieren, finden sich beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen. Trennt man beispielsweise Kühe von ihrer Herde, so beginnen manche, auf eigene Faust die neue Umgebung zu erkunden, andere warten deutlich zurückhaltender darauf, wieder mit dem Rest der Herde vereint zu sein.

Auch wie viel Cortisol sie als Reaktion auf diesen Stresstest ausschütten, ist von Tier zu Tier verschieden. Manche Pferde sind besonders ängstlich, andere geselliger und wieder andere berührungsempfindlicher als ihre Artgenossen. Laborratten können mehr oder weniger neugierig sein und sich vor drohendem Schaden fürchten.

Verhalten

"Sowohl Menschen als auch Tiere zeigen beständige individuelle Unterschiede in ihren kognitiven Fähigkeiten, ihrer Empfindsamkeit und ihrem ", so Gosling. Mittlerweile trauen sich Forscher sogar, bei diesen tierischen Eigenheiten von "Persönlichkeit" zu sprechen - lange Zeit war der Begriff verpönt, sahen doch viele darin eine unzulässige Vermenschlichung der Vierbeiner. Dabei bezeichnet er nüchtern betrachtet nur eine bestimmte Kombination von Merkmalen, die sich messen und vergleichen lassen.

Beim Menschen geht man inzwischen von mindestens fünf großen Charaktereigenschaften aus, den sogenannten Big Five: Extraversion, Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen. Doch unsere Einzigartigkeit zeigt sich vor allem in etlichen kleineren Unterschieden, von denen manche unter den großen Fünf subsumiert werden, während andere wie Kreativität oder Intelligenz als davon unabhängig gelten.

Selbst Oktopoden und Taufliegen haben Persönlichkeit

Natürlich erwarten Forscher nicht, bei Tieren auf dieselben Typen zu stoßen wie bei Menschen. "Die Merkmale, in denen sich Individuen unterscheiden, sind wahrscheinlich von den körperlichen Eigenheiten einer Tierart abhängig. So etwas wie Gewissenhaftigkeit können nur Tiere mit einem hochentwickelten Frontalhirn hervorbringen", erklärt Gosling.

Doch je weiter Forscher in die Stammesgeschichte zurückblicken, desto verwunderter stellen sie noch immer Unterschiede zwischen einzelnen Individuen fest. Selbst Wirbellose wie Oktopoden, deren Entwicklungslinie sich von der unseren vor mindestens 500 Millionen Jahren trennte, haben Persönlichkeit! Schon 1993 untersuchten Jennifer Mather von der University of Lethbridge (Kanada) und David Anderson, Biologe am Seattle Aquarium im US-Bundesstaat Washington, 44 Exemplare des Pazifischen Roten Kraken (Octopus rubescens). Die Weichtiere reagierten alle unterschiedlich auf Tests wie Berührungen mit einer Bürste und zeigten ein individuelles Jagd- und Fressverhalten - und diese Eigenheiten blieben für jedes Tier über den gesamten Beobachtungszeitraum stabil. Laut Mather und Anderson unterschieden sich die Mollusken vor allem darin, wie aktiv sie waren, wie heftig sie auf Überraschungen und Bedrohungen reagierten und wie zurückgezogen sie in ihrem Aquarium lebten.

Sogar Taufliegen der in Laboren millionenfach gehaltenen Art Drosophila melanogaster zeigen in begrenztem Umfang individuelle Verhaltensmuster. Schon im Larvenstadium gibt es "Rover", die weite Wege zurücklegen, um an Nahrung zu gelangen, und die weniger mobilen "Sitter" - abhängig von einem einzigen Gen. Die Biologin Judy Stamps von der University of California in Davis demonstrierte 2005, dass diese individuelle Vorliebe auch bei ausgewachsenen Fliegen noch anhält und die Größe ihres Flugradius beeinflusst.

Mutige Meisen

Einige Eigenschaften sind offenbar bei allen Tierarten bis hin zum Menschen zu finden: Manche Individuen sind unerschrocken und erkundungsfreudig, andere sind eher ängstlich und neigen zur Sesshaftigkeit. Könnten gemeinsame biologische Mechanismen nicht nur diese tierischen Unterschiede, sondern auch die menschliche Persönlichkeit zumindest teilweise erklären?

2007 entdeckten Forscher um Bart Kempenaers am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen, dass Kohlmeisen mit einer bestimmten Genvariante deutlich neugieriger waren und mehr Zeit damit verbrachten, die Umgebung zu erforschen, als ihre Artgenossen. Das DRD4-Gen beeinflusst, wie der Botenstoff Dopamin im Gehirn wirkt. Die längere Version des Erbgutabschnitts führt dazu, dass die entsprechenden Rezeptoren weniger stark auf Dopaminmoleküle reagieren, was Individuen offenbar unerschrockener macht. Dieselbe Genvariante tragen Studien zufolge auch Menschen, die mehr als andere immer wieder nach neuen Anregungen suchen.

Doch solche Zusammenhänge zuverlässig zu bestätigen, ist mühsam. 2010 untersuchte ein internationales Team, wieder unter der Leitung von Kempenaers, vier Kohlmeisenpopulationen in Europa - doch nur bei einem der vier Stämme hingen Erbgut und Verhalten eindeutig zusammen. Für Menschen erbrachte eine große Studie jüngst ähnlich ernüchternde Ergebnisse. Forscher des Queensland Institute of Medical Research in Brisbane (Australien) glichen das komplette Genom von über 5000 Probanden mit deren Werten in einem Persönlichkeitstest ab. In dieser großen Stichprobe fanden sie kein einziges Gen, das mit einer Charaktereigenschaft in Verbindung gebracht werden konnte!

Tatsächlich ist es schon bei einfachen Spezies enorm schwierig, individuelle Unterschiede genetisch zu erklären. Selbst bei Taufliegen entscheidet nicht allein das Erbgut über das Verhalten, sondern auch ihre frühe Prägung bestimmt etwa darüber, welche Fruchtsorte die Tiere bevorzugen. Noch steckt unser Wissen über die Zusammenhänge zwischen Genen und Persönlichkeit in den Kinderschuhen. Doch für die meisten Forscher steht fest: Die weitere Erkundung tierischer Eigenschaften kann uns Menschen mehr darüber verraten, wie unsere große charakterliche Vielfalt entstand.

Joachim Marschall ist Diplompsychologe und G&G-Redakteur
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