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16. März 2011, 16:29 Uhr

Radioaktive Strahlung

Tokio bleibt vorerst verschont

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Tokio hat Glück im Unglück: Derzeit droht in der Metropole kaum Gefahr durch Radioaktivität aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima. Der Wind hat gerade noch rechtzeitig gedreht, wie aktuelle Strahlungswerte aus Japans Hauptstadt zeigen.

Tagelang haben Meteorologen befürchtet, dass Tokio eine hohe Strahlenbelastung droht: Der Wind hatte - ungewöhnlich für die Jahreszeit - auf Nordost gedreht und hätte damit alles in die Hauptstadt tragen können, was aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in die Luft gelangt. Nach mehreren Explosionen und Bränden in unterschiedlichen Reaktorblöcken ( zur aktuellen Entwicklung hier der Liveticker) gingen Fachleute davon aus, dass beachtliche Mengen strahlenden Materials in der Luft waren.

Doch wie sich jetzt herausstellt, hat Tokio Glück im Unglück: Der Wind blies zu schwach und nicht lange genug aus Nordost, um bedeutende Mengen radioaktiver Partikel in die Metropole zu bringen - siehe die Animation: Aktuelle Messdaten zur Strahlungsintensität in Tokio, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zeigen zwar leicht erhöhte Werte - diese sind aber nach Meinung von Experten nicht akut gefährlich.

Die natürliche Strahlung in Tokio liegt nach Angaben der japanischen Behörden zwischen 0,028 und 0,079 Mikrosievert pro Stunde. Die aktuellen Messungen, die von Dienstag 17 Uhr bis Mittwoch 9 Uhr Ortszeit durchgeführt wurden, ergaben nun Werte zwischen 0,054 und 0,200 Mikrosievert. Aufs Jahr hochgerechnet entspricht das einer Belastung von 0,47 bis 1,8 Millisievert. Zum Vergleich: Erst eine Belastung von 250 Millisievert kann Strahlenkrankheit auslösen - und auch das nur, wenn sie in kurzer Zeit auf den Körper einwirkt - siehe Grafik:

Selbst in Deutschland ist man einer natürlichen radioaktiven Strahlung von durchschnittlich 0,4 Millisievert im Jahr ausgesetzt, wobei es starke regionale Unterschiede gibt. Während die Werte in Norddeutschland am niedrigsten sind, können sie in den Mittelgebirgen Werte von bis zu 1,3 Millisievert pro Jahr erreichen. Demnach wäre die aktuelle Strahlung in Tokio selbst dann nicht gefährlich, wenn sie ein ganzes Jahr andauerte.

Entsprechend erleichtert reagieren Experten auf die Messungen. "Selbst eine erhöhte Strahlung ist relativ unbedenklich, wenn sie nicht länger andauert", sagt Andreas Bockisch, Direkter der Abteilung für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Essen. Gefährlicher wäre die Situation erst dann, wenn radioaktives Material mit dem Wind nach Tokio und dort durch Niederschläge zu Boden gelangte, so dass die Radioaktivität über längere Zeit auf die Bewohner einwirken könnte.

Danach sieht es zumindest derzeit nicht aus. "Der Wind weht jetzt aus Nordwest, dreht in den nächsten Tagen voraussichtlich auf West und wird schwächer", erklärte der Deutsche Wetterdienst.

Unklar ist allerdings, was bis zum Ende der Woche geschehen wird. Die US-Wetterbehörde NOAA, die Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und andere Dienste sagen für die Nacht zum Samstag eine erneute Änderung voraus: Der Wind soll dann auf Süd bis Südost drehen. Falls zu diesem Zeitpunkt weiterhin radioaktives Material aus dem AKW Fukushima in die Luft gelangt, könnte es direkt in die vom Tsunami am schlimmsten betroffenen Gebiete im Nordosten Japans getragen werden. Zudem soll die erneute Änderung der Windrichtung mit dem Eintreffen einer Schlechtwetterfront einhergehen - die Wahrscheinlichkeit von Niederschlägen würde steigen.

Ob es aber so kommt, ist unsicher. "Windprognosen sind für die ersten drei Tage meist sehr gut und noch brauchbar, wenn sie drei bis sechs Tage in die Zukunft reichen", sagt ZAMG-Meteorologe Gerhard Wotawa.

WHO: Keine Gefahr außerhalb Japans

Keine Sorgen muss man sich derzeit außerhalb von Japan machen, wie die Weltgesundheitsbehörde (WHO) betont: "Für eine Verbreitung der Radioaktivität in andere Länder gebe es derzeit keinerlei Hinweise", sagte Michael O'Leary, der die WHO in China vertritt. Auch in Deutschland und Europa besteht nach Einschätzung von Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, kein erhöhtes gesundheitliches Risiko. Die Messgeräte könnten hierzulande schon feinste Spuren von Radioaktivität entdecken, sagte König am Mittwoch im ARD-"Morgenmagazin". Doch gegenwärtig gebe es keine Anzeichen, dass es zu einer "irgendwie gearteten Konzentration" in Europa komme, die gesundheitsgefährdend sein könnte.

Selbst bei einem Super-GAU in Fukushima wird es nach Einschätzung von Greenpeace nicht zu weiträumigen atomaren Verseuchungen wie nach Tschernobyl kommen. In dem ukrainischen Meiler sei durch die Grafit-Brennstäbe und durch die Bauweise ein Kamineffekt entstanden, der die Radioaktivität hoch in die Atmosphäre geschleudert habe, sagte Greenpeace-Atomexperte Jan Haverkamp. Das sei in Japan ausgeschlossen.

Dafür aber könnte dort die lokale Verseuchung im direkten Umfeld des Kraftwerks stärker ausfallen, da das strahlende Material nicht über ein so weites Gebiet verteilt würde wie in der Ukraine. Zudem ist die Krisenregion in Japan viel dichter bevölkert, gab Haverkamp zu bedenken.

Nach seinen Angaben geht die größte Gefahr von den Brennstäbe-Kühlbecken aus, die sich auf den vier Reaktoren befänden. Nach Explosionen lägen die Becken in Block 2 und Block 4 unter freiem Himmel. Wegen ihrer Lage sei es extrem schwierig, die Kühlung sicherzustellen.

Fukushima ist nach seiner Einschätzung in einem kritischen Stadium. "Der schlimmste Fall ist noch nicht eingetreten, aber er kann noch kommen", sagte er. Selbst eine sichergestellte Kühlung werde die Hitzeproduktion nicht stoppen, sondern die Hitze nur ableiten, um Kernschmelzen zu verhindern. Die Energieproduktion hänge allein an der Radioaktivität in den Brennstäben. Sie gehe zunächst sehr schnell runter und dann immer langsamer. "Deswegen muss noch wochenlang gekühlt werden."

Mit Material von dpa und dapd

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