Raffinierte Jäger Krokodile nutzen Stöckchen zur Vogeljagd

Erstmals haben Wissenschaftler bei Reptilien den Gebrauch von Werkzeugen nachgewiesen. Krokodile locken Reiher zu Beginn der Brutsaison mit Material für den Nestbau an. Wenn die Vögel danach greifen wollen, schlagen die Jäger zu.

Alligator in den Everglades: Stundenlang still, um dann blitzschnell zuzuschnappen
Getty Images/AFP

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Herr und Frau Reiher haben's nicht leicht mit dem Häuslebau: Wenn sie ihrem Nachwuchs ein Nest bereitstellen wollen, macht nämlich die gesamte Verwandtschaft dasselbe. Die Folge: Das Baumaterial wird knapp, jedes Stöckchen ist heiß begehrt. So mancher Vogel wird sogar zum Dieb und bedient sich bei den Nachbarn.

Und als wäre das noch nicht genug Stress, scheint ein gewiefter Jäger von diesem Problem zu profitieren: Krokodile, so berichten Biologen im Fachmagazin "Ethology Ecology & Evolution", legen sich extra Stöckchen auf die im Wasser versteckte Schnauze, um die Vögel anzulocken.

Bereits im Jahr 2007 beobachtete Wladimir Dinets von der University of Tennessee in Knoxville, USA, mehrmals stöckchentragende Sumpfkrokodile in einer indischen Forschungsstation nahe Chennai. Dort findet sich eine Seidenreiher-Kolonie dicht an den großen Teichen, in denen die Krokodile leben.

Wie Dinets und seine Kollegen berichten, ist die Nachbarschaft von Schreitvögeln und Krokodilen nicht ungewöhnlich. Die Vögel würden auch davon profitieren, denn die großen Reptilien hielten ihnen einige Fressfeinde - Waschbären, Affen oder auch Schlangen - vom Leib. Als einziger Preis dafür galt bislang, dass die Krokodile aus dem Nest gefallene Küken fressen. Doch Dinets' Beobachtung deutete in eine andere Richtung.

Angeboren oder erlernt?

Zwei Forscher aus dem US-Bundesstaat Florida bestätigten: Sie hätten in dem Zoo, in dem sie arbeiten, häufiger gesehen, dass Mississippi-Alligatoren auf ihrer Schnauze Stöckchen balancieren - und erwachsene Reiher erwischen, die sich den Zweigen genähert hätten.

Nun könnte es natürlich Zufall sein und kein aktives Verhalten der Reptilien. Dinets beobachtete deshalb ein Jahr lang Krokodile an vier verschiedenen Orten - zwei dicht an einer Brutkolonie, zwei weiter davon entfernt - zu verschiedenen Jahreszeiten. Das Ergebnis: Insbesondere zur Nestbau-Zeit trägt das Krokodil Stöckchen, so es denn Vögel in der Nachbarschaft hat. Zwei Aufnahmen sehen Sie hier.

Ob das Verhalten instinktiv, also angeboren ist, oder ob die Krokodile es von Artgenossen erlernen, können die Biologen noch nicht sagen. So oder so können die Reptilien aber in den Club der Werkzeugnutzer aufgenommen werden. Zu dem zählen neben dem Menschen unter anderem Schimpansen, die mit Hilfe von Werkzeug Nüsse knacken sowie Krähen, die per Stöckchen Leckerbissen angeln, und Delfine, die mit Schwamm auf die Jagd gehen.

Dass sogar Weichtiere clevere Werkzeug-Nutzer sein können, hat der Ader-Oktopus bewiesen: Er baut sich schon mal ein Schutzhütte aus einer Kokosnuss-Hälfte - was nicht nur genial ist, sondern auch urkomisch anzusehen.

wbr



insgesamt 9 Beiträge
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Layer_8 07.12.2013
1. Angeborenes Verhalten?
Zitat von sysopGetty Images/AFPErstmals haben Wissenschaftler bei Reptilien den Gebrauch von Werkzeugen nachgewiesen. Krokodile locken Reiher zu Beginn der Brutsaison mit Material für den Nestbau an. Wenn die Vögel danach greifen wollen, schlagen die Jäger zu. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/raffinierte-jaeger-krokodile-nutzen-stoeckchen-zur-vogeljagd-a-937667.html
Hier scheint doch der Fall zu sein, dass sich die Tiere was dabei "denken", sonst würden die das ja das immer machen und nicht nur zur Nestbauzeiten ihrer Beute. Was dann auch irgendwie eine Art "Bewußtsein" voraussetzt. Es wird wohl immer deutlicher, dass hinreichend komplexe Systeme ein wie auch immer geartetes Bewusstsein hervorbringen können. Als Selbstläufer sozusagen...
Zitrone! 07.12.2013
2. Denken ...
Zitat von Layer_8Hier scheint doch der Fall zu sein, dass sich die Tiere was dabei "denken", sonst würden die das ja das immer machen und nicht nur zur Nestbauzeiten ihrer Beute. Was dann auch irgendwie eine Art "Bewußtsein" voraussetzt. Es wird wohl immer deutlicher, dass hinreichend komplexe Systeme ein wie auch immer geartetes Bewusstsein hervorbringen können. Als Selbstläufer sozusagen...
ich weiß nicht so recht. Ich wüßte gern, wie die die Stöckchen dahin bekommen. Sie können sie sich ja nicht mit der Pfote auf die Nase legen, müssen also wohl unter im Wasser liegenden Stöckchen auftauchen. Dies wiederum, "Auftauchen unter Tarnmaterial", könnte sehr wohl angeborenens Verhalten sein. Dazu noch eine gewisse Flexibilität, was die Auswahl der Deckung angeht und eine gewisse Lernfähigkeit, welches Verhalten momentan gerade besonders erfolgreich ist - voila. Ist natürlich alles nur geraten, aber wohl eine Möglichkeit, ohne allzuviel Denkarbeit auszukommen.
FFMer 07.12.2013
3. Tiere generell unterschätzt
Der "Krone der Schöpfung" dämmert es langsam, dass sie ihre Mitgeschöpfe unterschätzt. Schade nur, dass viele ausgerottet worden sind und ausgerottet sein werden, bevor man ihre Fähigkeiten erkennt.
bekassine 07.12.2013
4. Willkommen im Club der so gar nicht blöden Tiere
und das nächste Argument für umfassende Tierrechte, auch für Tiere, die wir bislang für zu archaisch hielten, als dass sie strategisch handeln könnten.
Layer_8 07.12.2013
5. Mitgeschöpfe
Zitat von FFMerDer "Krone der Schöpfung" dämmert es langsam, dass sie ihre Mitgeschöpfe unterschätzt. Schade nur, dass viele ausgerottet worden sind und ausgerottet sein werden, bevor man ihre Fähigkeiten erkennt.
Es geht anscheinend noch "krasser" mit deren Fähigkeiten: Honeybees Can Recognize Individual Human Faces: Scientific American (http://www.scientificamerican.com/article.cfm?id=face-recognition-honeybees&WT.mc_id=SA_Facebook)
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