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Rattenplage in Berlin Gefährliche Nager

Berlin bietet Ratten ideale Lebensbedingungen. Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Tiere bevölkern die Hauptstadt. Forscher haben jetzt gefährliche Bakterien in den Nagern entdeckt - und fürchten eine Übertragung auf Menschen.

Wenn Derk Ehlert über die Ratten in Berlin sinniert, findet er "erstaunlich viele Parallelen" zum Verhalten der Menschen in der Hauptstadt. Die Nager "leben mal monogam, mal polygam und gern in Patchwork-Familien", sagt der Wildtierbeauftragte des Senats. Sie "erobern oder verteidigen ihren Kiez, lieben Fast Food, gründen Clans" - und nutzen mit dem mehrere tausend Kilometer langen Kanalisationssystem "ein gut ausgebautes Verkehrsnetz".


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Leider ähneln die unbeliebten Untermieter den Menschen inzwischen in einer weiteren Hinsicht. Forscher der Freien Universität (FU) Berlin entdeckten in den Tieren multiresistente Keime, gegen die kaum noch ein Antibiotikum wirkt. Die Keime verbreiteten sich in den vergangenen Jahren durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika in Tiermast und Humanmedizin vor allem in Krankenhäusern.

Über Lebensmittelreste und Abwässer fanden sie offenbar aus Kliniken den Weg in die Welt der Ratten. Die wiederum tragen die gefährlichen Erreger zurück zu den Menschen, auch außerhalb von Krankenhäusern.

Sebastian Günther vom Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen der FU Berlin spricht von einer "unterschätzten Gefahr". Ungefähr jede sechste Ratte, die der Forscher und seine Kollegen untersuchten, wies multiresistente Darmkeime auf. Ratten aus der Kanalisation nahe der Charité waren doppelt so häufig befallen - für die Forscher ein Indiz dafür, dass Krankenhausabwässer verantwortlich sind.

Hauptstadtratten sind vermehrungsfreudige Bewohner

Noch gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis einer Rückübertragung von der Ratte auf den Menschen. Aber die Gefahr bestehe auf jeden Fall durch eine Schmierinfektion, also den Kontakt etwa mit "Rattenkot und -urin auf Spielplätzen und Liegewiesen", so Günther.

Und die Gefahr wächst. Denn die Hauptstadtratten erweisen sich als hartnäckige, vermehrungsfreudige Bewohner.

Zu sehen sind sie an vielen Orten: in den U-Bahnhöfen, auf Spielplätzen, in Kellern, in den Grünanlagen, neben überquellenden Mülleimern. Der allgegenwärtige Dreck Berlins - vom Hundekot bis zum Dönerrest - ist für die Nager eine ergiebige Nahrungsquelle.

Nichts kann sie abhalten, im März drangen sie sogar in eine der abgeriegelten Netzstationen des Energieversorgers Vattenfall vor. Eine Ratte sorgte mit einem beherzten - und für sie tödlichen - Biss in ein Kabel dafür, dass in 2200 Haushalten und 170 Gewerbebetrieben das Licht ausging.

Die intelligenten Vierbeiner stellen die Berliner Kammerjäger vor Probleme. Sie lernen schnell, tödlichen Ködern auszuweichen: Bekommen sie mit, wie ein Artgenosse einen Köder frisst und daraufhin stirbt, werden sie ein ähnliches Präparat nicht zu sich nehmen.

Die Berliner Wasserbetriebe beschäftigen sechs Rattenjäger

Die Berliner müssen mittlerweile den Behörden melden, wenn sie Ratten entdecken. So wollen die Gesundheitsämter Brennpunkte identifizieren. Einer davon ist der Arnimplatz in Prenzlauer Berg. In der Grünanlage mit zwei Spielplätzen huschen die Tiere durch kniehohes Gras und wuchernde Pflanzen. Die Bezirksverwaltung hat einen Gärtner abgestellt, der den Wildwuchs bekämpfen soll. Alarmierte Anwohner bitten auf Zetteln darum, keine Speisereste liegen zu lassen. Bisher ohne Erfolg.

Verzweifelt setzt das Bezirksamt auf die Hilfe von Experten, die hier schon "Rattenflüsterer" genannt werden: Mitarbeiter des Instituts für Tier- und Umwelthygiene vom Fachbereich Veterinärmedizin der FU Berlin sollen erforschen, warum die Ratten am Arnimplatz so hartnäckig und zahlreich sind.

Verlässliche Angaben darüber, wie viele Nager mittlerweile die Hauptstadt bevölkern, existieren nicht. Die Schätzungen reichen von einigen hunderttausend Tieren bis zu Horrorzahlen von zwei Ratten pro Einwohner - das wären etwa sieben Millionen.

Ein Indiz für eine große Population sind die gemeldeten "Rattenbekämpfungen". 2010 rückten Berliner Kammerjäger rund 4500 Mal aus, im vorigen Jahr wurden sie mehr als 5000 Mal gerufen. Die Berliner Wasserbetriebe beschäftigen sechs hauptamtliche Rattenjäger. Alles in allem, schätzt der Kammerjägerverein, sichern die Tiere rund 200 Arbeitsplätze in der Hauptstadt.

Seuchenforscher Günther befürchtet, dass nicht nur Berlin betroffen ist. Er fordert großangelegte, verlässliche Studien, "auch um Panik zu vermeiden". Bis dahin müssen die besorgten Berliner auf Schützenhilfe der rund 1600 Hauptstadt-Füchse hoffen: Die Berliner Ratten seien eine beliebte Beute, so der Wildtierexperte Ehlert, "weil sie besonders fett und nahrhaft sind".

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