Raubtiere Die gefährlichen Helfer

DPA

Von "natur+kosmos"-Autor Peter Laufmann

2. Teil: Die Lehre der Haie, Wölfe und Füchse


Es muss nicht immer der große Beutegreifer sein, der eine große Wirkung hat: Auf den Alëuten zum Beispiel verhindern Arktische Füchse das Graswachstum, indem sie Seevögel beziehungsweise deren Junge erbeuten. Weniger Seevögel bedeuten weniger Kot und damit weniger Dünger. Und so sorgen die Füchse - wenn auch indirekt - für den Erhalt des Ökosystems Tundra.

Nicht nur an Land lässt sich beobachten, was passiert, wenn die Spitze der Nahrungspyramide plötzlich fehlt. Auch im Meer spielen sich zahlreiche Dramen ab, wenn Beutegreifer ausfallen.

Der amerikanische Zoologe Robert Paine bemerkte schon 1966 die unkontrollierbaren Folgen, die ein ausfallendes Glied in der Nahrungskette haben kann: Seesterne in der Rolle des Top-Prädatoren ernähren sich von Muscheln, Seeigeln und anderen Schalentieren. Ohne die Seesterne vermehrten sich die Muscheln unkontrolliert und vertrieben alle anderen Tiere, bis auf die Seeigel, die auch noch den Korallen den Garaus machten.

Wenn eine Art fehlt, hat das Auswirkungen auf andere Arten. Eindrucksvoll zeigen das auch Seeotter vor der amerikanischen Pazifikküste: Die Säuger fressen gerne Seeigel. Sie haben ihre Technik perfektioniert, indem sie die stacheligen Happen auf dem Rücken schwimmend mit Steinen knacken. Wo die Seeotter aber wegen ihres Pelzes ausgerottet wurden, konnten sich die Seeigel ungestört vermehren und in den Kelp-Wäldern fressen. Wenn der Kelp aber rar wird, gibt es weniger Fischbrut.

Bei Haien ließ sich nachweisen, dass sie die Zahl der Rochen kontrollieren. Werden die Haie bis zum Ende gejagt, fressen die Rochen die Muschelbänke leer.

Der Wolf ist in Nordamerika zum Katalysator für die Vielfalt geworden

Allen Beispielen ist gemeinsam: Die Veränderungen vollziehen sich langsam, wenigstens in Jahrzehnten. Wir können die schleichenden Vorgänge kaum wahrnehmen und bemerken die Folgen erst, wenn es zu spät ist. Zumal wenn der Ausrottungsprozess selbst nicht plötzlich, sondern schleichend vonstatten geht, und wenn es wenige Vergleichsdaten gibt. "Zudem gibt es kaum Experimente dazu, in denen exakt ein Beutegreifer und nichts anderes aus dem System genommen wird", so Heribert Hofer vom IZW.

Deswegen wissen wir in Europa auch nicht, inwieweit wir die Ökosysteme auf diese Weise schon beeinflusst haben. Die letzten Löwen wurden bereits in der Antike erlegt. Luchse und Wölfe konnten sich in Mitteleuropa immerhin bis Ende des 19. Jahrhunderts halten. Aber auch ihr Schwinden war schleichend.

Weil es in Nordamerika vergleichsweise weniger Menschen und mehr Raum für die Natur gibt, ist es dort einfacher, Ursachen und Folgen zu untersuchen. So gibt es Hinweise, dass Wölfe die Krankheit Borreliose zumindest eindämmen, indem sie die Hauptwirte der übertragenden Zecken in Schach halten. Ohne Hirsch keine Zecke, die den Erreger der Borreliose in sich trägt.

Im Yellowstone-Nationalpark in den Vereinigten Staaten zeigt sich, wie sich die Lebensgemeinschaft verändert, wenn Wölfe wieder durch den Wald streifen. 70 Jahre gab es dort keine Wölfe mehr, und die Natur schien auch ohne sie zurechtzukommen. Allerdings steckt der Teufel im Detail: Wapiti-Hirsche vermehrten sich ungestört. Sie knabberten munter die Weiden an den kleinen Bächen ab, die Espen in den Tälern, so dass die Ufer kahl wurden und Bäume kaum noch eine angemessene Höhe erreichten. Dadurch fehlten wiederum Nistplätze für Fische und Vögel. Ohne den Wolf vermehrten sich auch die Kojoten, die wiederum anderen Beutegreifern die kleinen, erreichbaren Nager wegschnappten.

Kaum dass die Wölfe 1995 wieder da waren, veränderte sich das Ökosystem erneut. An den Gewässern gediehen wieder Ufergehölze und in deren Schlepptau Fische, Enten und Biber. Bären, Raben, Adler profitierten vom Wolf, denn es waren wieder große Risse und damit große Fleischmengen verfügbar. Kurzum: Eine Art ist zum Katalysator für die Vielfalt des Yellowstone-Gebiets geworden.

"Wir können die großen Beutegreifer nicht einfach so ersetzen"

Das Beispiel zeigt aber auch, dass das System keine Einbahnstraße sein muss, und dass sich Lebensräume wieder fangen können. Aber gilt das auch für unsere heimischen Gefilde? Unsere Wälder mit ihren Reihen strammstehender Bäume, unsere Kulturlandschaft mit ihren Maisfeldern und vereinzelten Heckenstreifen, unsere Straßen - was kann der Wolf hier erreichen? Immerhin wüteten hierzulande gut 2000 Jahre lang die Vernichtungskampagnen. Erst jetzt darf er sich seinen Lebensraum zurückerobern.

"Unsere Kulturlandschaft ist schwer vergleichbar mit der Situation in Nordamerika", sagt Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus. Die Biologin setzt sich seit Jahren gemeinsam mit Gesa Kluth für das Miteinander von Wolf und Mensch ein und begleitete die Wiederkehr des Wolfes von Anfang an. "Grundsätzlich gehören Wölfe als Gegenspieler für Reh-, Rot- und Schwarzwild einfach auch in unsere Ökosysteme. Doch ihr Effekt ist vergleichsweise gering, denn die Dichte menschlicher Jäger ist um ein Vielfaches höher als die des Wolfs. Vereinzelt wird es wohl zu Verhaltensänderungen des Wilds kommen. Dadurch kann für den menschlichen Jäger die Jagd schwieriger werden", so Ilka Reinhardt. Rehe meiden wegen des Wolfs vielleicht die offenen Felder und nutzen wieder vermehrt "deckungsreiche Strukturen". Unterm Strich sei Deutschland aber kulturell zu überformt und zu dicht besiedelt, als dass Wölfe wirklich wieder zu einem ökologischen Korrektiv, zum Regulator der Wilddichten werden könnten.

Das System ist also nicht einfach zu reparieren. Auch der Arterhalt im Zoo und spätere Auswilderung kann nur eine begrenzte Lösung sein. "Der Trend geht deswegen weg von der artfokussierten Sichtweise zu einer systemfokussierten", sagt der Artenschutzexperte Volker Homes vom WWF. "So haben wir in Deutschland angefangen, eine Rote Liste für gefährdete Lebensgemeinschaften zu erstellen." Nur in geeigneten Großschutzgebieten könnten natürliche Prozesse erhalten werden. "Wir wissen immer noch viel zu wenig darüber, wie Lebensräume wirklich funktionieren. Aber klar ist auch, dass unser Versuch gescheitert ist: Wir können die großen Beutegreifer nicht einfach so ersetzen."



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
schönbergwebernberg 05.02.2012
1. Artikel interessant gestartet
Aber ich habe dann abgebrochen, als ich das las: "Über ihren Kot und ihr Ableben entziehen sie das Klimagas Kohlendioxid dem Kreislauf, denn der tote Wal versinkt in den Tiefen der Ozeane und mit ihm das gebundene Kohlendioxid." Kann man nicht endlich damit aufhören, alles auf Klima und CO2 zu reduzieren? Da bekommt man echt die Krise, wenn überall "Klimabilanzen" aufgestellt und der ganze pseudowissenschaftliche Unfug betrieben werden.
Celegorm 05.02.2012
2.
Zitat von schönbergwebernbergAber ich habe dann abgebrochen, als ich das las: "Über ihren Kot und ihr Ableben entziehen sie das Klimagas Kohlendioxid dem Kreislauf, denn der tote Wal versinkt in den Tiefen der Ozeane und mit ihm das gebundene Kohlendioxid." Kann man nicht endlich damit aufhören, alles auf Klima und CO2 zu reduzieren? Da bekommt man echt die Krise, wenn überall "Klimabilanzen" aufgestellt und der ganze pseudowissenschaftliche Unfug betrieben werden.
Gerade im Kontext des Artikels wäre effektiv die andere Seite der Problematik interessant gewesen: Absinkende Biomasse dürfte weit relevanter sein als Eintrag in nährstoffarme Tiefseebereiche. Es stellt sich da also eher die Frage, wie sich etwa Veränderungen in Walpopulationen auf gewisse Tiefseeökosysteme auswirken.
die_piratenbraut 05.02.2012
3. Zusammenhänge verstehen
Zitat von schönbergwebernbergAber ich habe dann abgebrochen, als ich das las: "Über ihren Kot und ihr Ableben entziehen sie das Klimagas Kohlendioxid dem Kreislauf, denn der tote Wal versinkt in den Tiefen der Ozeane und mit ihm das gebundene Kohlendioxid." Kann man nicht endlich damit aufhören, alles auf Klima und CO2 zu reduzieren? Da bekommt man echt die Krise, wenn überall "Klimabilanzen" aufgestellt und der ganze pseudowissenschaftliche Unfug betrieben werden.
Ist es denn so schwer zu verstehen, dass wissenschaftlich vorgehende Menschen nach Zusammenhängen suchen? Der Mensch hat der Welt sein Gesicht aufgedrückt und ahnt nicht einmal, wie weitgehend das gesehen ist. Mit der Ausrottung unserer Raubtiere, allen voran dem Wolf, haben wir sicherlich das Leben des einen oder anderen Pilzsammlers gerettet, und müssen Schafherden weniger beschützen, aber andererseits ist dadurch der Bestand an Rot- und Dammwild sowie Wildschweinen unglaublich gestiegen. So stark, dass nirgendwo in Deutschland neuer Wald ohne Einzäunung wächst, weil jeder junge Trieb verbissen wird. Auch der Walfang war vermutlich kontraproduktiv. Ein Argument für die Aussrottung der Wale war die Nahrungskonkurrenz für Fische. Nun verdichten sich aber die Hinweise, dass Wale über das Binden von Stickstoff der Atemluft im Kot für eine wichtige Düngung der nährstoffarmen Meere sorgten, die das Planktonwachstum erhöht hatte. Das ist sowohl für den Fischbestand, also auch für den CO2 Kreislauf von Bedeutung. Machen Sie die Augen zu, andere übernehmen die Forschung und finden Zusammenhänge, um zu verhindern, dass es in Zukunft weiterhin dauerhaft verkarstete Gegenden wie in Spanien, Italien, Jugoslavien oder Griechenland gibt. Der Einfluß des Menschen das die Vegetation dort schon vor zweitausend Jahren zerstört.
taxidriver 05.02.2012
4. Mensch sollte besser Mitleid mit seinen milliardenfach eingekerkerten Opfern haben
Zitat von sysopWenn ein*Löwe ein Büffelkalb zerfleischt, ein Gepard ein Zebrafohlen reißt, regt sich im Menschen Mitleid mit dem Opfer. Doch ohne Raubtiere droht*den Gejagten das Aussterben: Löwe, Wolf und Weißer Hai sind Garanten einer intakten Umwelt. Wo sie fehlen, ändert sich sogar das Klima. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,811037,00.html
Ein Mensch, bei dem sich Mitleid regt wenn er im warmen Sessel sitzend die Fernsehbilder vom sterbenden Zebra sieht, sollte sich klarmachen dass er nur die letzten Momente eines freien, wohl unter Schock stehenden Tieres sieht und nicht sein Leben. Der durchschnittliche direkte Einfluss eines Räubers auf eine freie Beute bezogen auf die Zeit dürfte im hunderttausendstel- oder Millionstel-Bereich deren Lebenszeit liegen. Die Natur ist ein sehr gutes System. Und er sollte sich klarmachen dass z.B. die Eier und das Fleisch welche er dabei isst von Tieren stammen die dafür IHR GESAMTES LEBEN in brutaler Einkerkerung verbracht haben, das ist gelinde ausgedrückt ein sehr großer Unterschied (zumal am Ende dieses Lebens ebenfalls ein gewaltsamer Tod steht, und zwar ein völlig chancenloser). Lebenslange Gefangenschaft hat es in der Natur nie gegeben und die Perversion und Grausamkeit dieser Einkerkerung nimmt in der Gegenwart stetig extremere Formen an. Die Brutalität der freien Natur ist in weiten Teilen eine Illusion welche die heutige Menschheit sich geschaffen hat um ihre eigenen, in der Geschichte des irdischen Lebens nie auch nur ansatzweise dagewesenen extrem grausamen Verbrechen verdecken zu können.
Rainer Helmbrecht 05.02.2012
5.
Zitat von schönbergwebernbergAber ich habe dann abgebrochen, als ich das las: "Über ihren Kot und ihr Ableben entziehen sie das Klimagas Kohlendioxid dem Kreislauf, denn der tote Wal versinkt in den Tiefen der Ozeane und mit ihm das gebundene Kohlendioxid." Kann man nicht endlich damit aufhören, alles auf Klima und CO2 zu reduzieren? Da bekommt man echt die Krise, wenn überall "Klimabilanzen" aufgestellt und der ganze pseudowissenschaftliche Unfug betrieben werden.
Genau so ist es, während des Gejammers über die Umwelt, führt allein die Bundesrepublik seit 10 Jahren einen unsinnigen Krieg in Afghanistan, ohne auch nur im geringsten an die Umwelt zu denken. Ich weiss gar nicht, wie viele Tonnen Sprengstoffe, Treibstoffe verbraten werden. Der Gedanke, dass die Unfähigkeit zu komplexen Denken, die Welt regiert, wird für mich übermächtig. MfG. Rainer
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