Rechnung bis 2050 Klimaschutz kostet EU-Industrie 10,8 Billionen Euro

Gigantisch hohes Resultat der EU-Kommission: Europas Wirtschaft müsste bis 2050 jährlich 270 Milliarden Euro in den Klimaschutz investieren, um den CO2-Ausstoß wirksam zu begrenzen. Nach 40 Jahren summierten sich die Kosten auf fast 11 Billionen Euro - für die Umstellung des Energieverbrauchs.
Abgase über Erfurt: Teure Umstellung der Wirtschaft

Abgase über Erfurt: Teure Umstellung der Wirtschaft

Foto: DDP

Brüssel - Europa muss nach Berechnungen der EU-Kommission in den kommenden Jahrzehnten gigantische Investitionen für den Kampf gegen den Klimawandel aufbringen. Bis 2050 müsst die Wirtschaft jährlich 270 Milliarden Euro in den Abbau des schädlichen Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) stecken, hieß es in einem Entwurf des Fahrplans der EU-Kommission zum Klimaschutz, den das Gremium am Dienstag in Straßburg beschließen wollte. Binnen 40 Jahren wäre das die kaum vorstellbare Summe von 10,8 Billionen Euro. Das Geld müsste ausgegeben werden für Umstellungen in der Industrie, die Sanierung von Gebäuden oder klimaschonende Kraftfahrzeuge.

Die Kommission stellte erstmals eine Kalkulation zum Investitionsbedarf für das Ziel der Europäischen Union an, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Dieser Beitrag der EU wäre notwendig, um die umweltschädliche Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Doch da es noch immer kein international rechtlich bindendes Reduktionsziel bis 2020 gibt, ist das EU-Fernziel im Klimaschutz bisher nicht mehr als eine Absichtserklärung.

Der Kampf gegen den Klimawandel kommt nicht nur auf globaler Ebene mühsam voran, auch in der EU wächst die Front der Ablehnung seitens der Industrie gegen verbindliche Vorgaben. Mit ihrem gesetzlich abgesegneten Plan zum CO2-Abbau um 20 Prozent bis 2020 übernahm die EU einst die Rolle der Vorreiterin im Klimaschutz. Doch mangels vergleichbarer Zusagen in den konkurrierenden Weltregionen will die Mehrheit der Staaten und auch der EU-Kommissare keine neuen Verpflichtungen eingehen. Klimaschutz-Kommissarin Connie Hedegaard oder Bundesumweltminister Norbert Röttgen beißen mit ihrer Forderung einer festen Zusage der EU über 30 Prozent Treibhausgasreduktion bis 2020 bisher auf Granit.

EU-Energiekommissar Oettinger warnt vor zu viel Klimaschutz

Dabei malt der von Hedegaard entworfene Fahrplan bis 2050 aus, dass die EU bis zum Ende des Jahrzehnts auf 25 Prozent CO2-Reduktion kommt, wenn sie ihre ehrgeizigen Ziele zum Energiesparen verwirklichen würde. Vor vier Jahren war unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft verabredet worden, die Energieeffizienz bis 2020 ebenfalls um 20 Prozent zu steigern. Seither stritten Kommission und Mitgliedstaaten jahrelang über die richtige Methode, den Effizienzgewinn zu messen. Das Ziel blieb jedoch unverbindlich.

Nach heutigem Stand würde die EU 2020 nur bei neun Prozent weniger Energieverbrauch landen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger will den Regierungen nun zwei Jahre Zeit geben, bei der Umsetzung ihrer Versprechen ein gutes Stück voranzukommen. Sollte das Ergebnis Ende 2013 erneut ernüchternd ausfallen, wird laut Oettinger "die zweite Raketenstufe gezündet" und ein rechtsverbindliches Effizienzziel vorgeschlagen, wie er am Wochenende sagte. Oettinger warnte vor zu viel Klimaschutz. Der deutsche EU-Kommissar befürchtet Nachteile für die Wirtschaft, sollte Brüssel seine Klimaschutz-Bemühungen verstärken.

Erstmals skizziert die EU-Kommission nun auch Zwischenstationen für den Weg zur CO2-armen Wirtschaft. Ein Minus um 40 Prozent bis 2030 und um 60 Prozent bis 2040 wären die Meilensteine. Allerdings gilt nach diesem Zeitplan, dass nach 2020 noch jährlich größere Anstrengungen zum CO2-Abbau notwendig sind als in diesem Jahrzehnt. Ob Energiekonzerne, Industrie, Staat, Verbraucher oder Bauern - die Einsparpläne betreffen alle.

Um den Investitionskosten den Schrecken zu nehmen, wies die Kommission darauf hin, dies bedeute, dass die jährlichen Investitionen in der EU von derzeit 19 Prozent auf 20,5 Prozent gesteigert werden müssten. Außerdem müssten sinkende Brennstoffkosten gegengerechnet werden. Je nach Szenario nennt die EU-Behörde hier eine Spanne von 175 bis 320 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die Krankenkassen müssten demnach weniger für Atemwegserkrankungen ausgeben - denn der Grad der Luftverschmutzung könnte im Jahr 2030 um 65 Prozent unter dem von 2005 liegen.

boj/Reuters