Rechtsstreit in der Arktis Inuit stoppen deutsches Forschungsschiff

Deutsche Arktisforscher auf dem Schiff "Polarstern" müssen eine aufwendige Messkampagne in letzter Sekunde abblasen - wegen eines Rechtsstreits in Kanada. Es geht um die Frage, wer das Sagen im Eis hat: Bürokraten oder die Bewohner?
Forschungsschiff "Polarstern" in der Arktis: "Da haben viele Alarmglocken geläutet."

Forschungsschiff "Polarstern" in der Arktis: "Da haben viele Alarmglocken geläutet."

Foto: AWI / Margarete Pauls

Stephen Bathory ist ein besonnener Zeitgenosse. Doch wenn er an den Fall denkt, der gerade auf seinem Schreibtisch liegt, kann er sich in Rage reden. Starrköpfig und verbohrt seien die Vertreter der Regierung in Ottawa gewesen, berichtet der leitende Mitarbeiter der Qikiqtani Inuit Association (QIA). Das habe man einfach nicht hinnehmen können.

Im kanadischen Territorium Nunavut (wörtlich "unser Land") haben die traditionellen Bewohner der Arktis, die Inuit, seit kurz vor der Jahrtausendwende weitgehende Mitsprache in politischen und wirtschaftlichen Fragen. Neben anderen Organisationen soll sich die QIA darum kümmern, dass diese Rechte auch effektiv genutzt werden. Bathory, einst Austauschschüler in Ludwigshafen am Rhein, ist Direktor der Organisation für Landfragen.

Im Moment liegt die QIA in einem erbitterten Streit mit der kanadischen Zentralregierung in Ottawa - und wegen des Rechtsstreits hat die Besatzung des deutschen Forschungsschiffs "Polarstern" jetzt ein großes Problem.

Eigentlich sollte das Schiff in diesen Tagen in der kanadischen Arktis, genauer gesagt im Lancaster Sound, wissenschaftliche Untersuchungen unternehmen. Beim geplanten Projekt ECASE ("Eastern Canadian Arctic Seismic Experiment") wollten Wissenschaftler der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover mit Kollegen der Behörde Natural Ressources Canada zusammenarbeiten.

Hubschrauberrundflüge mit Magnet-Messgeräten waren geplant, auch ein paar Sedimentkerne sollten aus dem Meeresboden gezogen werden. Vor allem aber ging es um seismische Tests. Dabei werden Schallwellen ins Wasser geschickt, um aus den Reflexionen die Beschaffenheit des Untergrunds abzulesen. Mit ihren Untersuchungen wollten die Forscher die Geschichte des Meeresgebiets ergründen, das vor rund 60 Millionen Jahren durch die Abspaltung Grönlands von Kanada entstand. Für Wissenschaftler ist die Frage hochspannend, wie sich Europa und Nordamerika einst trennten. Schon seit Jahren untersuchen deutsche Fachleute diese Frage in Kanadas Norden, bisher aber immer von Land aus.

Angst um Meeressäuger in traditionellen Jagdgebieten

Die Inuit an der Baffin Bay waren von dem aktuellen Messprojekt deswegen nur wenig angetan - vor allem weil sie um die Meeressäuger in ihren traditionellen Jagdgebieten fürchteten. Im Lancaster Sound ziehen Narwale, Belugas und Grönlandwale ihre Bahnen. Walrosse und Eisbären leben dort ebenfalls. Die seismischen Tests, so die Befürchtung der Einheimischen, könnten die sensiblen Tiere vertreiben - und damit auch einen Teil der Nahrungsgrundlage. "Da haben viele Alarmglocken geläutet", beschreibt Stephen Bathory die Situation im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die kanadische Regierung in Ottawa und die Provinzregierung in Nunavut erteilten aber trotz der Proteste die Forschungsgenehmigung für die "Polarstern". Ein paar Regierungsbeamte seien zuvor zu Stippvisiten in insgesamt fünf Inuit-Orten angerauscht. Nach einer 45-minütigen Powerpoint-Präsentation und ein paar Fragen im Anschluss seien sie aber schon wieder nach Hause geflogen, klagt Bathory. Die Bedenken der Bewohner habe niemand so recht ernst genommen - also habe man sich entschlossen, vor Gericht zu ziehen. Zum ersten Mal in so einem Fall, wie der Inuit-Vertreter betont.

Und tatsächlich, die Aktivisten hatten Erfolg. Eine Richterin erließ am 8. August auf Antrag der QIA eine einstweilige Verfügung - einen Tag vor dem geplanten Start der Messungen. Die Zentralregierung in Ottawa habe massiv gegen die Rechte der lokalen Bevölkerung verstoßen, deswegen sei das Messprojekt der "Polarstern" einstweilen nicht zulässig, urteilte die Juristin Sue Cooper. Die Forschungsgenehmigung, also die Rechtsgrundlage für die Arbeit des deutsch-kanadischen Wissenschaftlerteams, wurde allerdings nicht widerrufen.

Nach der Gerichtsentscheidung brach bei den deutschen Polarforschern trotzdem Konfusion aus: Wie sollte es nun weitergehen? Würden die kanadischen Partner die Arbeiten vor Gericht doch irgendwie durchboxen? Sollte man mit der noch gültigen Forschungsgenehmigung das Projekt trotzdem starten - oder sich doch lieber so weit wie möglich von kanadischen Wassern fernhalten?

Riesige Schleife im Eismeer

Erst einmal drehte das Schiff (Betriebskosten pro Tag: 55.000 Euro) eine riesige Schleife im Eismeer, um auf neue Anweisungen aus der AWI-Zentrale in Bremerhaven zu warten. Mittlerweile scheint klar: Das Messvorhaben im Lancaster Sound wird komplett abgeblasen. "Wir haben für uns beschlossen, dass wir nicht in kanadische Gewässer fahren", sagt AWI-Vizechef Heinz Miller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der renommierte Glaziologe spricht von einer "innerkanadischen Angelegenheit" und einer "unglücklichen Situation".

Denn seit kurzem stehen die Deutschen ohne ihre bisherigen Partner da: "Natural Ressources Canada hat sich aus dem Projekt zurückgezogen", bestätigt Miller. Pikant daran ist, dass drei kanadische Fachleute der Behörde derzeit an Bord des Schiffs sind. Sie sollen die "Polarstern" nun bei nächster Gelegenheit verlassen. Weil man beim AWI wenig erpicht darauf ist, in kanadische Gewässer zu fahren, wird das aber wohl nur in Grönland klappen.

Dorthin orientiert sich nun die "Polarstern": "Wir sind dabei, das Forschungsprogramm umzustellen", sagt Heinz Miller. Doch auch die grönländische Regierung muss die neuen Pläne erst genehmigen. Bis es soweit ist, kümmert sich das Schiff um bereits vereinbarte wissenschaftliche Programmpunkte vor der riesigen Eisinsel.

Vorarbeiten für die Förderung von Öl und Gas in Kanadas Arktisgebiet?

Für die deutschen Polarforscher ist die Angelegenheit misslich - nicht zuletzt weil einige der Inuit-Vertreter kritisieren, die Messarbeiten seien nichts weiter als eine Vorarbeit für die Förderung von Öl und Gas in Kanadas Arktisgebiet. Beim AWI dementiert man das durchaus glaubhaft. Doch dass das Thema Offshore-Ölförderung in der Arktis nach dem Untergang der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko für Diskussionen sorgen könnte, hätte man sich in Bremerhaven und Hannover möglicherweise trotzdem denken können.

Vielleicht hätte man die Menschen vor Ort mit Argumenten von der Unverfänglichkeit und der Gefahrlosigkeit des Vorhabens überzeugen können. Doch das hat niemand so recht versucht. "Da hätten wir vielleicht im Vorfeld mehr tun müssen", gesteht Glaziologe Miller ein - und wirkt doch einigermaßen ratlos. Hatten doch die kanadischen Kollegen versprochen, die Erklärungsarbeit in den Inuit-Gemeinden zu übernehmen.

Denn gefährlich, sagt Miller, nein, gefährlich seien die geplanten Untersuchungen für Meeressäuger nicht gewesen. Da sei man sich sicher. Wenn sich ein Wal dem Schiff auch nur auf einem Kilometer genähert hätte, wären die Arbeiten sofort gestoppt worden.

Zweites Großexperiment bekommt Probleme

Hätte, wäre.

Tatsache ist, dass bereits im vergangenen Sommer ein Experiment der "Polarstern" für hitzige Debatten gesorgt hatte. Damals ging es um eine groß angelegte Algendüngung im Südozean. Mit ihr wollte ein indisch-deutsches Forscherteam die Frage klären, ob durch Eisen stimuliertes Algenwachstum größere Mengen Kohlendioxid aus der Luft holen kann. Umweltschützer hatten den Plan harsch kritisiert. Durchgeführt wurde der Versuch nach einiger Verzögerung trotzdem. Mittlerweile steht fest, dass die Algen wohl nicht zur Lösung unseres CO2-Problems herangezogen werden können.

Mit dem Kanada-Streit hat die Besatzung der "Polarstern" nun schon wieder ein Problem - auch wenn sie sich, außer vielleicht einer Portion Naivität, im Prinzip nichts vorwerfen lassen muss. Für die kanadische Regierung ist die Angelegenheit hingegen dramatisch: Ottawa erklärt seit Jahren, sich in Zukunft mehr um den hohen Norden kümmern zu wollen. Derzeit sammelt eine gemeinsame Expedition mit den USA sogar Daten zur Ausweitung des kanadischen Gebiets vor den Küsten der nördlichen Inseln.

Doch die einstweilige Verfügung macht den Bürokraten der kanadischen Zentralregierung eines klar: Die Zukunft der Arktis kann nicht ohne deren Bewohner entschieden werden. Dass die durchaus Interesse an der Ausbeutung natürlicher Ressourcen haben können, beweist ein Blick nach Grönland. Dort werden gerade rund 200 Kilometer vor der Küste Testbohrungen nach Öl in den Meeresboden getrieben.

Weil sie sich von der Regierung in Ottawa übergangen fühlen - und weil sie von eventuellen Öleinnahmen nichts behalten dürften - sind die Inuit von Nunavut mit solchen Perspektiven aber nicht zu ködern. Zum Glück möchte man sagen. Einstweilen nutzen sie den Reichtum direkt vor ihrer Tür deswegen anders: Einen Tag nach der Gerichtsentscheidung erlegten die Jäger der Ortschaft Pond Inlet einen Grönlandwal im Lancaster Sound. So habe man beweisen wollen, dass die Tiere wichtig seien und nicht gestört werden dürften, erklärten sie anschließend.

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