Regenwald Tropische Ameisen verschmähen Fleisch

Statt an tierischer Nahrung knabbern viele tropische Ameisen lieber an den Bäumen, auf denen sie leben. Die jetzt entdeckte Vorliebe könnte Auswirkungen auf die Entwicklung des weltweiten Klimas haben.


Bäume im Regenwald: Leibspeise der Ameisen
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Bäume im Regenwald: Leibspeise der Ameisen

Ihr Reich sind die Baumwipfel der tropischen Regenwälder: Auf der Suche nach allerlei Krabbelgetier treffen Biologen in den luftigen Höhen vor allem auf eine Tierart - Ameisen. In den Proben, die Forscher nach dem Einnebeln der Baumkronen mit Insektiziden auffangen, machen die kleinen Tiere 94 Prozent aller Gliederfüßer aus. Und immerhin 86 Prozent der tierischen Biomasse in den Wipfeln setzt sich aus Ameisen zusammen.

Im gesamten Regenwald machen die nützlichen Insekten immerhin noch 20 bis 40 Prozent aus - weit mehr als alle Säugetiere zusammen. Als größter tierischer Biomasse-Faktor in tropischen Wäldern müssten die Ameisen, einem grundlegenden Prinzip der Thermodynamik folgend, auf der zweiten Stufe der Nahrungspyramide stehen und sich vornehmlich von der alles dominierenden pflanzlichen Biomasse ernähren.

Allerdings gelten Ameisen seit jeher als Fleischfresser, die entweder Jagd auf andere Tiere machen oder Aas beseitigen. Damit aber würden sie in der Nahrungskette mindestens zwei Stufen über den Pflanzen stehen - ein Widerspruch, der Diane Davidson und Kollegen keine Ruhe gelassen hat. Die Biologen aus Brunei und den USA haben daher, wie sie jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten, Ameisenarten in Peru und auf Borneo näher untersucht. Dabei sind sie auf jede Menge Pflanzenfresser gestoßen.

Um die Nahrungsvorlieben der Krabbeltiere besser zu verstehen, konzentrierten sich die Forscher auf das Vorkommen verschiedener Ausprägungen des Elements Stickstoff im Körper der Ameisen. Die Konzentration der einzelnen Elemente ändert sich mit dem Abstand zum Ursprung der Nahrungskette - dadurch konnten die Wissenschaftler Pflanzen- von Fleischfressern unterscheiden.

Offensichtlich ernähren sich die vegetarischen Ameisen vom Nektar, den die Pflanzen absondern, und von den Ausscheidungen der Blätter, die sie anknabbern. Andere wiederum verspeisen Pollen oder Pilzsporen. Aber auch die Pflanzen profitieren von den Ameisen, da allein deren Präsenz andere Pflanzenfresser und Parasiten abschreckt.

Der Preis, den die Pflanzen für diesen Schutz zahlen, dürfte allerdings deutlich höher sein als bislang angenommen, so Davidson und Kollegen. Gerade in Zeiten weltweit steigender Temperaturen und zunehmender Kohlendioxidkonzentrationen, die die tropischen Wälder an ihre physiologischen Grenzen treiben, könnten die gefräßigen Ameisen gravierende Effekte auf das Wachstum der Pflanzen haben - und damit auf den weltweiten Kohlenstoff-Kreislauf. Nur ein weiterer Grund, so "Science", den Regenwald zu schützen.

Alexander Stirn



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