Regierungspläne enthüllt Großbritannien beansprucht riesigen Teil der Antarktis

Der Kampf um Rohstoffe erreicht die unwirtlichsten Gebiete der Welt: Am Nordpol drängen Russland, USA, Kanada, Dänemark und Norwegen zu den Öl- und Gasfeldern - jetzt erheben die Briten Ansprüche auf Seegebiete am Südpol.

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London - Der Streit um Rohstofflager am Nordpol ist bereits im vollen Gange. Jetzt könnte sich das Gerangel verschiedener Länder um die besten Pfründe auch auf die Antarktis ausdehnen. Nach einem Bericht des "Guardian" will die britische Regierung ein großes unterseeisches Territorium vor der Küste des Kontinentes am Südpol beanspruchen. Insgesamt eine Million Quadratkilometer umfasse das Gebiet, berichtet die Zeitung. Ein entsprechender Antrag solle an die Uno gestellt werden.

"Es gibt insgesamt fünf verschiedene Gebietsansprüche", sagte ein Beamter des Außenministeriums. Darunter seien neben dem Territorium in der Antarktis auch Gebiete nahe der Falkland-Inseln und im Golf von Biskaya nördlich der spanischen Küste und westlich von Frankreich.

Das plötzliche Interesse der Briten für die Antarktis könnte auch damit zu tun haben, dass das Land beim Wettlauf um die Rohstoffe am Nordpol nur Zuschauer ist. Dort sind es vor allem Russland, die USA, Kanada, Dänemark und Norwegen, die einander beharken. Im Sommer hatte Russland mit einer spektakulären Unterwasseraktion seine Vorrechte angemeldet: Taucher hissten auf dem Meeresboden unter dem Nordpol die russische Flagge.

Die britischen Ansprüche auf die Antarktis sind rechtlich fragwürdig. Großbritannien hatte 1959 gemeinsam mit elf weiteren Staaten den Antarktisvertrag unterschrieben. Er macht den weißen Kontinent zu einer Art Niemandsland, einem "dem Frieden und der Wissenschaft" gewidmeten Naturreservat, wie es in dem Vertrag heißt. Territoriale Forderungen werden ausdrücklich nicht anerkannt.

Überlappende Tortenstücke

Laut "The Guardian" beruft sich die britische Regierung bei ihren Ansprüchen auf Artikel 76 der Uno-Seerechtskonvention. Mit diesem Paragrafen begründet auch Russland seine Rechte auf ausgedehnte Regionen am Nordpol. Das Seeterritorium eines Landes kann demnach so weit reichen wie sein Festlandsockel. Russland hat beispielsweise erklärt, der sogenannte Lomonossow-Rücken reiche bis zum Nordpol, damit gehörten die Gebiete auch zu Russland.

Britische Gebietsansprüche in der Antarktis sind nicht neu, sie wurden erstmals 1908 nach einer Expedition definiert. Zu dem ursprünglich als britisch definierten Gebiet, das aussieht wie ein aus dem Kontinent geschnittenes Tortenstück (siehe Fotostecke), gehören auch zwei permanent besetzte Forschungsstationen. Es umfasst 1,7 Millionen Quadratkilometer auf dem Festland, bei der Uno will die Regierung nun rund eine Million Quadratkilometer Seegebiet beanspruchen.

Offenbar geht Großbritannien nach wie vor davon aus, ein Stück des antarktischen Festlands zu besitzen und begründet damit nun seine Vorrechte auf Seegebiete vor der Küste.

Für internationale Verwicklungen dürfte nicht nur das Ignorieren des Antarktisvertrages sorgen. Auch andere Länder haben Ambitionen auf dem eisbedeckten Kontinent: Chile, Argentinien, Brasilien, Norwegen, Frankreich und Neuseeland. Die Ansprüche ruhen jedoch - wegen des Antarktisvertrages. Diese Staaten könnten nun dem Beispiel Großbritanniens folgen.

Bergbau verboten

Dabei ist Ärger programmiert, denn die beanspruchten Territorien überschneiden sich teilweise. Manches Gebiet der Antarktis betrachten gleich drei Staaten als ihr Eigentum, beispielsweise Großbritannien, Chile und Argentinien.

Infolge der Energiekrise war die Antarktis in den siebziger Jahren schon einmal in den Mittelpunkt wirtschaftlicher Interessen gerückt. Damals war der Kontinent sogar Schauplatz des Ost-West-Wettstreits. Die DDR errichtete mit sowjetischer Unterstützung eine eigene Forschungsstation, die Bundesrepublik folgte später.

Die Natur rund um den Südpol ist vergleichsweise wenig erforscht. Im Wasser entdecken Forscher immer wieder neue Arten. Wissenschaftler wollen die Antarktis deshalb als unberührtes Naturparadies erhalten - die Förderung von Rohstoffen könnte dieses Vorhaben gefährden. Zumindest kurzfristig darf in der Antarktis nicht gebaggert und gebohrt werden. 1991 hatten sich die Unterzeichner des Antarktisvertags im sogenannten Umweltschutzprotokoll dazu verpflichtet, mindestens 50 Jahre keinen Bergbau zu betreiben. Der Vertrag trägt auch die Unterschrift Großbritanniens.

Womöglich denkt die britische Regierung ja einfach nur in sehr langen Zeiträumen, wenn sie nun ihre Ansprüche formuliert.

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