Regierungsstudie Große Teile Norddeutschlands als Atommüll-Endlager geeignet

Große Teile Norddeutschlands kommen einer Studie zufolge als Atommüll-Endlager in Frage. Forscher haben weit verbreitete Vorkommen an geeignetem Tongestein ausgemacht. Der politische Streit über das Endlager in Gorleben erhält damit neue Nahrung.


Berlin - Die Ergebnisse der Studie, die die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) im Auftrag der Bundesregierung angefertigt hat, dürften nicht überall im Land Freunde finden: Große Gebiete Norddeutschlands sind als Atommüll-Endlager geeignet. Vor allem in Niedersachsen, aber auch in Teilen Nordrhein-Westfalens, Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs befinden sich demnach Tongesteinsformationen, die für eine Endlagerung untersucht werden können.

Potentielle Atommüll-Endlagergebiete: Die grünen Flächen zeigen Tongesteinsschichten, die mindestens 100 Meter dick sind und 300 bis 1000 Meter tief liegen
BGR

Potentielle Atommüll-Endlagergebiete: Die grünen Flächen zeigen Tongesteinsschichten, die mindestens 100 Meter dick sind und 300 bis 1000 Meter tief liegen

Ein deutlich kleineres Gebiet mit "untersuchungswürdigen Tongesteinsformationen" ist der Studie zufolge in Süddeutschland an der Grenze von Baden-Württemberg und Bayern zu finden. Mitautor Volkmar Bräuer betonte, die Studie mit dem Titel "Endlagerung radioaktiver Abfälle in tiefen geologischen Formationen Deutschlands" liefere keine Darstellung von konkreten Standorten. Vielmehr würden als Übersichtskarte größere Regionen ausgewiesen, die für die Endlagerung untersucht werden könnten. Dazu wären aber aufwendige Bohrungen nötig.

Die neue Untersuchung ergänzt die beiden BGR-Studien über die Atommüll-Endlagerung in Steinsalz und Kristallingestein, die bereits 1994 und 1995 vorgestellt wurden. Eine entsprechende Untersuchung für Tongestein fehlte bislang. Insgesamt kommen die Experten aber zu dem Schluss, dass Ton gegenüber Steinsalz ungünstigere Eigenschaften für die Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen aufweist. Unter anderem seien die Temperaturleitfähigkeit und die Hohlraumstabilität von Tongesteinen gering. "Außerdem verfügen wir über weit größere Erfahrungen mit Salzgestein als mit Tongesteinen", sagte Bräuer zu SPIEGEL ONLINE. Eine Endlagerung in Tongestein würde deshalb einen größeren Aufwand voraussetzen.

Bräuer betonte, die Studie sei keine Feld-, sondern in erster Linie eine Schreibtischuntersuchung, die auf Literatur, Archivunterlagen und Bohrungsergebnissen basiere. Untersuchungen vor Ort seien nicht durchgeführt worden.

Ministerium will Arbeiten in Gorleben fortsetzen

Das Wirtschaftsministerium begrüßte die Ergebnisse der Studie. Nun verfüge man über ein wissenschaftlich fundiertes und umfassendes Bild der Regionen aller potentieller Endlagerstellen. Ein Vertreter des Ministeriums forderte, die Erkundung des Standorts Gorleben - bei dem es sich um einen Salzstock handelt - nun "unverzüglich" fortzuführen. Die Ergebnisse der neuen Studie entzögen den immer wieder gestellten Forderungen nach der Suche alternativer Endlagerstandorte in unterschiedlichen Gesteinen "jegliche Grundlage".

Das dürfte ein Versuch sein, den Gegnern des Standorts Gorleben zuvorzukommen. Denn sie könnten die neue Studie zum Anlass nehmen, nun eine Endlagerung in einem der weit verbreiteten Tongesteinsvorkommen prüfen zu wollen. Die Erkundungsarbeiten in dem Gorlebener Salzstock ruhen seit dem Jahr 2000.

In Deutschland werden rund 30 Prozent der Stromversorgung durch Kernkraftwerke gedeckt. Nach dem Atomgesetz ist der Bund für die sichere Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle verantwortlich. Nach dem deutschen Entsorgungskonzept sollen sie konzentriert und isoliert in tiefen geologischen Formationen endgelagert werden.

mbe/AP/AFP



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