Rekord-Mikrobe Tripper-Bakterium ist stärkster Organismus der Erde

Welcher Organismus ist der stärkste auf der Welt? Es ist nicht die Ameise, und Riesen wie Wale und Elefanten sind es erst recht nicht. Sie wirken geradezu schlapp neben dem größten Kraftprotz von allen: dem Tripper-Bakterium.


London - Ein Bakterium kann zwar keine Hanteln stemmen und auch keine Bäume umknicken. Aber im Verhältnis zu seiner Größe kann ein solcher Winzling erstaunlich kraftvoll sein. Den Rekord hält eine Mikrobe, die unter Menschen wenige Freunde hat: das Tripper-Bakterium, das die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe auslöst - umgangssprachlich Tripper genannt.

Bakterium Neisseria Gonorrhoeae (in Fluoreszenz-Färbung): Kleiner Kraftprotz
CDC

Bakterium Neisseria Gonorrhoeae (in Fluoreszenz-Färbung): Kleiner Kraftprotz

Wie Forscher um Michael Sheetz von der Columbia University in New York herausgefunden haben, kann das Bakterium namens Neisseria gonorrhoeae mit seinen fadenförmigen Anhängseln eine Kraft entfachen, die dem 100.000-fachen seines Gewichts entspricht. Die Bakterien schaffen das, indem sie mehrere ihrer Anhängsel zu einem Bündel vereinen. Sie nutzen diesen Mechanismus, um sich an Oberflächen festzuhalten. Die Proteine für das Zusammenziehen der Anhängsel zählten damit zu den stärksten bislang beobachteten biologischen Motoren, schreibt der Onlinedienst des Wissenschaftsmagazins "New Scientist".

Die aus Eiweißen bestehenden Zellanhängsel, sogenannte Pili, sind rund zehn Mal länger als das Bakterium selbst. Mit ihnen haften sich Bakterien auf Zelloberflächen des Körpers fest, um sie dann zu infizieren. Sheetz und seine Kollegen studierten diesen Haftmechanismus, indem sie Tripper-Keime in eine Umgebungen mit dicht beisammen stehenden Pfeilern aus Gel setzten. Die Bakterien suchten mit ihren Anhängseln Kontakt zu den biegbaren Pfeilern und versuchten, sich heranzuziehen. Aus der Verbiegung der Pfeiler errechneten die Forscher die Zugkraft der Pili.

Meist zogen die Bakterien mit einzelnen Anhängseln. Manchmal konnten die Forscher jedoch ein besonderes Phänomen beobachten: Die Zugkraft stieg in mehreren Schritten an, als ob die Bakterien mehrere Pili zusammenbündelten, um mit diesen in einem gemeinsamen, großen Ruck zu ziehen. Unter dem Elektronenmikroskop bestätigte sich dies.

Insgesamt entsprach die maximale Zugkraft der 100.000-fachen Gewichtskraft der Bakterien. Auch die Ausdauer der Bakterien überraschte: Die hohen Zugkräfte konnten sie über mehrere Stunden aufrecht erhalten. Die athletische Hochleistung blieb Wissenschaftlern bislang verborgen, da Bakterienkulturen meist eine Substanz zugegeben wird, die das Bündeln der Pili verhindert, so die Forscher.

mbe/ddp



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