Rekord-Zugvogel 65.000 Kilometer in 200 Tagen

Forscher haben eine reiselustige Vogelart mit elektronischen Spionen versehen. Die aufgezeichneten Strecken sind atemberaubend: 65.000 Kilometer legte der Sturmtaucher in 200 Tagen zurück - nie wurde eine weitere Reise gemessen.


Die Reise ist unübertroffen weit und führt fast ausschließlich über freies Meer: Die zu den Seevögeln gehörenden Sturmtaucher legen auf ihrer jährlichen Wanderung von Neuseeland und Chile auf die Nordhalbkugel in 200 Tagen rund 65.000 Kilometer zurück. Damit halten die Vögel den Rekord über die längste je mit einem elektronischen Sender gemessene Wanderungsstrecke im Tierreich, haben Forscher aus den USA, Neuseeland und Frankreich herausgefunden.

Sturmtaucher: Reiselustige Vogelart
USGS

Sturmtaucher: Reiselustige Vogelart

Die einzige andere Vogelart, deren Wanderung derjenigen des dunklen Sturmtauchers gleichkommen könnte, wäre die Küstenseeschwalbe. Allerdings sei nicht bekannt, ob diese ihren Weg von der Arktis in die Antarktis in einer einzigen Saison zurücklegt, schreiben Scott Shaffer von der University of California in Santa Cruz und seine Kollegen in einer Online-Vorabveröffentlichung der Fachzeitschrift "PNAS".

Die dunklen Sturmtaucher gehören mit rund 20 Millionen Individuen zu den häufigsten Vogelarten der Erde. Trotzdem stellen Fachleute in letzter Zeit einen Rückgang der Brutkolonien fest, möglicherweise aufgrund von Veränderungen im Nahrungsangebot. Die Vögel fressen Fische, Tintenfische und Krill. Poetisch beschreiben die Wissenschaftler die Route des reisefreudigen kleinen Vogels als "endlosen Sommer". Als echter Globetrotter, der somit auch mehr Veränderungen zu spüren bekommt als jede andere Art, könnte der gefiederte Vielflieger Klimatologen und Umweltforschern künftig als "Indikator" dienen, empfiehlt das Team.

Um dem Bestandsrückgang der dunklen Sturmtaucher auf den Grund zu gehen, untersuchte das Team um den Vogelforscher Shaffer nun die genauen Wanderrouten der Tiere. Bisher war lediglich bekannt, dass jeden Sommer Millionen von dunklen Sturmtauchern auf der Suche nach Nahrung von ihren Brutgebieten in Neuseeland und Chile an die Küste Kaliforniens fliegen. Als ähnlich überraschend beschreibt das Team um Shaffer die Tauchgänge des kleinen Meeresvogels: bis zu einer Tiefe von 68,2 Metern.

Riesige Acht über dem Pazifik

Die Wissenschaftler befestigten für ihre Arbeit auf den Rücken einiger Sturmtaucher elektronische Geräte, die die Position der Tiere sowie den zugehörigen Luftdruck und die Temperatur aufzeichneten. Die Biologen stellten fest, dass die Vögel auf ihrer Wanderung in die nördliche Hemisphäre den Äquator innerhalb von rund einem Monat an verschiedenen Stellen überquerten. Im Gegensatz dazu scheint die Reise in den Süden synchroner zu verlaufen: Alle untersuchten Sturmtaucher flogen im Oktober in einem Zeitraum von nur zehn Tagen über den Äquator in den Süden, und zwar in einem relativ engen Korridor.

"Endloser Sommer": In 200 Tagen fliegt der Sturmtaucher 65.000 Kilometer weit
UCSC/PNAS

"Endloser Sommer": In 200 Tagen fliegt der Sturmtaucher 65.000 Kilometer weit

Außerdem fanden die Forscher heraus, dass die Tiere auf ihrer Reise über dem Stillen Ozean eine große Acht fliegen: von der Antarktis im Süden bis zur Bering-See im Norden, im Osten bis Chile und im Westen bis Japan. Laut Shaffer fliegen die Sturmtaucher sehr rasch über die Region um den Äquator und unterbrechen ihren Flug nicht oder nur ganz kurz, um zu fressen. Im Norden suchen die Vögel dann einen der drei reichhaltigsten Nahrungsgründe auf, die Küsten von Kalifornien, Alaska oder Japan. Die Wahl des jeweiligen Gebiets hängt aber offenbar nicht davon ab, aus welcher Population die Tiere stammen. Ob die Vögel jeweils ein bestimmtes Gebiet bevorzugen, sollen nun weitere Untersuchungen zeigen.

stx/ddp/dpa



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