Rekordtemperaturen Zahlenverwirrung um wärmsten Herbst

Der diesjährige Herbst ist unbestritten ein Rekordherbst - und zwar je nach Lesart der wärmste seit 100, 150, 500 oder 1300 Jahren. Welche Zahl stimmt wirklich?

Das Frühlingswetter im diesjährigen Herbst bringt nicht nur Abläufe in der Natur durcheinander - manche Bäume blühen bereits -, es sorgt auch für eine erstaunliche Vielfalt an Rekordherbst-Vergleichen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) etwa meint, es handle sich um den wärmsten Herbst in Deutschland seit Beginn der flächendeckenden Temperaturaufzeichnungen - also seit 1901. Der österreichische Klimaforscher Reinhard Böhm spricht vom "wärmsten Herbst seit 250 Jahren", meint damit aber nur die Alpenregion. Eine Wissenschaftlergruppe aus der Schweiz erklärte gar, man erlebe derzeit den wärmsten Herbst seit 500 Jahren.

Mehr als gewagt erscheint dagegen die Schlagzeile aus der "Bild"-Zeitung, die heute, am 7. Dezember, bereits den "wämsten Dezember seit 1300 Jahren" verkündet. Das klingt spektakulär, ist jedoch gleich in doppelter Hinsicht Unsinn. Zum einen hat der Dezember gerade erst angefangen. Zum anderen stammen die ominösen 1300 Jahre aus einer Studie des Wiener Zentralinstituts für Meteorologie und Geodynamik, in der nur die Jahresdurchschnittstemperaturen für den Alpenraum berechnet wurden - nicht jedoch Monatswerte.

Die verschiedenen Jahresangaben lassen sich - sieht man von der "Bild"-Schlagzeile einmal ab - sämtlich schlüssig erklären. Bei der Klimastudie der Alpenregion haben Forscher bis ins achte Jahrhundert zurückblicken können. Sie durchforsteten unzählige Archive nach alten Wetteraufzeichnungen, untersuchten Tausende Baumring-Strukturen, entnahmen Eisbohrkerne, trugen Gletscherdaten zusammen.

Sichere Aussage für die vergangenen 250 Jahre

Aus den Wetterdaten errechneten die Forscher um Reinhard Böhm, der das Zentralinstitut für Meteorologie und Geodynamik leitet, die Jahresdurchschnittstemperaturen vom achten Jahrhundert bis heute. "Wir erleben gerade die wärmste Periode in den vergangenen 1300 Jahren", bilanzierte Böhm. Deutlich genauer als nur auf Jahresmittelwerte konnten die Wissenschaftler das Wetter der vergangenen 250 Jahren rekonstruieren. Deshalb konnte Böhm auch "mit Sicherheit" sagen, dass der diesjährige Herbst der wärmste seit 250 Jahren ist.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) kann nicht ganz so weit zurückblicken, weil die Temperaturen hierzulande erst seit 1901 flächendeckend an rund 90 Stationen erfasst werden. "Wir interpolieren aus diesen Einzelwerten dann ein Gebietsmittel für ganz Deutschland", sagte DWD-Sprecher Gerhard Lux zu SPIEGEL ONLINE. Das Gebietsmittel könne man auch ermitteln, in dem man das Land in Tausende gleich große Quadrate aufteile, darin jeweils die Temperatur messe und daraus den Mittelwert bestimme.

Spurensuche in alten Archiven

Messungen mit dem Thermometer sind natürlich die exakteste Grundlage von Temperaturstatistiken. Aus Baumringen, Eisbohrkernen und Gletscherdaten lassen sich vielleicht noch qualitative Abschätzungen für eine bestimmte, weit zurückliegende Jahreszeit machen, kaum jedoch für einzelne Monate.

Klimaforscher der Universität Bern, die eine 500 Jahre lange Temperaturreihe für Europa erstellt haben, werten deshalb beispielsweise auch Tagebücher aus Klöstern aus, um Hinweise auf das Wetter in früheren Zeiten zu bekommen. "Umwelthistoriker haben alle für einen bestimmten Monat gefundenen Informationen zusammengefasst", sagte der Berner Klimaforscher Jürg Luterbacher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Daraus sei dann die Temperatur qualitativ abgeleitet worden - beispielsweise normal, wärmer oder wesentlich kälter als im Durchschnitt. Diese qualitativen Aussagen kombinierten die Forscher anschließend mit ihrem statistischen Modell, um die tatsächlichen Temperaturen eines Monats mit Hilfe von Durchschnittswerten zu berechnen.

So konnte das Team von Elena Xoplaki und Jürg Luterbacher schließlich gezielt das Herbstwetter der vergangenen Jahrhunderte mit dem diesjährigen vergleichen und zu dem Schluss kommen, dass es sich um den wärmsten Herbst seit 500 Jahren handelt. Die Aussage gelte für ganz Europa, erklärte Luterbacher, denn die Daten seien konsistent von Island bis nach Griechenland.

hda

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