Replik von Wolfgang Cramer Sprechblasen im Ungleichgewicht

Der Münchner Sachbuchautor Josef H. Reichholf klärt uns über Ungleichgewichte in der Natur auf. Gern möchte er seiner treuen Leserschaft vermitteln, dass "wir Menschen" unnötigerweise eine Art Gleichgewichts-Junkies zu sein scheinen. Und das, wo wir doch eigentlich dankbar dafür sein müssten, dass uns die Natur so viel "Spannung" schenkt! Man könnte über derlei Betrachtung spotten oder sie ignorieren – da sie aber neben viel Wolkigem ihre zentrale These von der natürlichen Bedeutung des Krieges für die Kultur der Menschen auf mehreren Falschaussagen aufbaut, scheint ein Widerspruch doch geboten zu sein.

Bevor Reichholf allerdings zum Thema kommt, wird erst einmal kräftig ausgeteilt, und fast jeder darf sich angesprochen fühlen. Zuerst trifft es die Wissenschaftler, die nachgewiesen haben, dass der vom Menschen geschaffene Klimawandel zu erheblichen Schäden geführt hat und noch weit Schlimmeres erwarten lässt. Reichholf greift dabei wieder einmal tief in die Klimaskeptiker-Mottenkiste, indem er suggeriert, das bisschen Zuwachs an Kohlendioxid (ein "Fünftel eines Drittelpromilles") in der Atmosphäre täte doch niemandem was zu Leide. Sachargumente gibt es hierfür nicht – im Gegenteil: auch nur ein "weiteres Fünftel" wird zu weiterem Klimawandel führen, mit schwerwiegenden Folgen für Mensch und Natur. Aber so entsteht eine kalkulierte Grundstimmung, der Boden wird bereitet für gewichtigere Aussagen, und diese betreffen nicht das Klima.

Vorerst wird aber erst einmal munter in alle Richtungen kritisiert, wenngleich auch nicht klar wird, wer eigentlich gemeint sein könnte. Die "Grünen"? Nicht wirklich, eher die "'im Grünen' Tätigen" - wer immer das sein mag. "Die Landwirtschaft"? "Am meisten" sind es natürlich "die Naturschützer". Sie alle sind offenbar einem großen Irrtum aufgesessen, der endlich entlarvt werden muss. Sie streben, so scheint es, nach Harmonie und Gleichklang, sie hassen das Ungleichgewicht. Sie freuen sich nicht, wenn auf die Nacht der Tag folgt und auf den Sommer der Herbst. Sie verharren in einer Art Schockstarre und sie folgen nicht Josef Reichholf, obwohl sie doch von ihm die Wahrheit längst hätten erfahren können.

Verlassen wir aber die Frage, wer hier eigentlich belehrt werden soll und warum, und untersuchen wir lieber, ob in den suggestiven, vermeintlichen Sachaussagen des Reichholf'schen Traktats Wahrheiten verborgen liegen, die der Öffentlichkeit bisher entgangen waren. Gehen wir auch großzügig über die dumme These vom "Drittelpromille" hinweg – sie wurde inzwischen auch in der kleinsten Lokalzeitung widerlegt.

Reichholf nennt keinen Autor beim Namen, aber er beklagt "blumige Beschreibungen" "vermeintlicher Ökosysteme", die viele Zustände einnähmen, "ohne dass einer der richtige wäre". Wobei doch aus Jahres- und Tageszeiten "Spannungen" entstünden, die niemand zur Kenntnis nehme nimmt. Die Natur dieser Spannungen wird nicht recht klar. Aber wir brauchen sie, das steht fest, denn: "Unsere klimatisch gemäßigten Breiten sind deshalb weit produktiver als die meisten tropischen Regionen, weil über die Jahreszeiten günstigere Produktionsbedingungen zustande kommen als bei immer gleicher Umwelt", schreibt Reichholf.

Sind aber "unsere ... Breiten" tatsächlich so viel produktiver als "die meisten tropischen Regionen"? In der Fachliteratur lässt sich Reichholfs Behauptung nicht belegen. Auf der geografischen Breite Mitteleuropas findet sich mancherorts (dank Düngung und Bewässerung) produktive Landwirtschaft. Ebenso gibt es aber auch fast unproduktive Grassteppen oder Wüsten. Umgekehrt gibt es tropische und subtropische Regionen, in denen drei Reisernten im Jahr möglich sind, und das ohne jeden beißenden Münchner Winter. Wer schließlich eine Weltkarte der pflanzlichen Produktivität an Land betrachtet, stellt fest: Die bei weitem höchste Produktivität tritt in den feuchten Tropen auf, fast doppelt so hoch wie bei uns. Durch die Falschaussage aber verliert die krude Behauptung, "Spannungen" seien irgendwie nötig für Produktivität, ihre Glaubwürdigkeit.

Die vorher gescholtene Landwirtschaft wird nun zur Kronzeugin der Reichholf'schen Lehre vom Ungleichgewicht. Justus von Liebig, der gezeigt hatte, dass man zur bestmöglichen Produktion jeden Mangel am besten gezielt ausgleicht, und zwar dort, wo er am Größten ist, soll nun beweisen, dass gerade das Ungleichgewicht von Vorteil sei. Ohne Nährstoffmangel kein Liebig, und ohne Liebig keine Landwirtschaft! Zwar gibt auch Reichholf zu, dass Übernutzung oder Überdüngung von Nachteil sein kann. Dennoch folgert er kühn, "die günstigsten Spannungen, die aus Ungleichgewichten hervorgehen", wären sozusagen das Urprinzip der Landwirtschaft. Wie das zusammengeht, bleibt offen.

Wie Reichholf die Forschung vieler Jahrzehnte ignoriert

Einzig die "hochgradig produktiven Ungleichgewichte" seien nachhaltig, aber leider sucht ja niemand nach ihnen. Hier wird deutlich, dass Reichholf die Essenz der wissenschaftlichen Forschung vieler Jahrzehnte ignoriert. In keinem Lehrbuch der modernen Ökologie steht geschrieben, Veränderungen in der Natur seien schädlich und daher dringend zu verhindern. Schon seit den 1930er Jahren wissen wir, in welcher Weise gerade Feuer, Insekten, und Stürme zu nützlichen Effekten in vielen Wäldern der Erde führen. Erst durch solche "Störungen" wird die Fortpflanzung vieler Arten möglich, erst durch sie werden Nährstoffe für neues Leben frei gesetzt.

Auch die Populationsbiologie untersucht seit langem, wie sich Tiere und Pflanzen immer neu an wechselnde Bedingungen anpassen. Eines ihrer zentralen Ergebnisse ist, dass es Wandel selbst dort gibt, wo die stabilen Umweltbedingungen diesen eigentlich gar nicht nahe zu legen scheinen. Schließlich: "Nachhaltigkeit", ein Begriff aus der Forstwissenschaft, beinhaltet für die Fachwelt nicht, dass in zwanghafter Weise ein statischer Zustand angestrebt würde.

Am Ende der verquasten Theorien in der Grauzone zwischen Unbestimmtheit und dumpfen Angriffen nach irgendwohin wird es dann doch noch bitter ernst: Mit kühnem Schwung entlarvt Reichholf die Probleme der Menschheit mit sich selbst als Irrtümer, die dem durch Wissenschaft und Naturschutz propagierten Suchen nach dem imaginären Gleichgewicht zu entspringen scheinen.

Das Entstehen von "Kriegen, Raubzügen und Unterdrückung" will Reichholf zwar nicht wirklich begrüßen. Aber er suggeriert, dass wir uns manchen Kummer ersparen würden, wenn wir diese "Irrtümer" endlich als biologische Notwendigkeit begreifen könnten. Sicherlich würden wir dann einsehen, dass leider auch der Krieg zum produktiven Ungleichgewicht gehört. Denn ohne dieses "käme die Kultur an ihr Ende".

Sollen also Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit damit aufhören, Treibhausgas-Emissionen, die Verarmung der Kulturlandschaft, das Auslöschen von Tier- und Pflanzenarten, die Zerstörung der Lebensgrundlage von Kleinbauern in Entwicklungsländern zum Thema zu machen? In einem Punkt hat Josef Reichholf recht: "Die Natur" insgesamt wird von diesem Planeten nicht verschwinden, auch nicht bei einer Verdopplung des Kohlendioxidgehaltes der Atmosphäre. Aber es ist ein billiger, ja zynischer Standpunkt. Denn die Kultur käme nicht aus Mangel an Ungleichgewicht an ihr Ende, sondern lange vorher: Weil ein kleiner Teil der Menschheit nicht erkennen wollte, dass die von ihm ausgelösten Veränderungen der Umwelt Lebensgrundlagen anderer Menschen vernichten.

Glücklicherweise verbreitet sich inzwischen die Erkenntnis, dass Naturschutz auch Klimaschutz sein kann und umgekehrt. So erlaubt biologische Vielfalt in der Agrarlandschaft nicht nur einen geringeren Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, sondern sie hilft auch der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in den ärmsten Regionen der Welt. Diese aber ernährt nicht nur die Menschen, sie trägt auch deutlich weniger zum Klimawandel bei als unsere hochtechnisierte Landwirtschaft im "Ungleichgewicht". Nachhaltig genutzte Wälder in allen Klimazonen sind biologisch reichhaltiger als Kiefern- oder Ölpalmenplantagen – und sie entziehen bei guter Pflege der Atmosphäre schädliches Kohlendioxid. Alle diese Werte in einer historisch kurzen Phase des Energiehungers zu opfern, heißt diejenigen Ungleichgewichte auf dem Planeten zu fördern, aus denen viele kriegerische Auseinandersetzungen in unserer Zeit entstanden sind.

Zum Essay von Josef H. Reichholf

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