SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Juli 2016, 14:34 Uhr

Schmelzendes Eis

Alpengletscher bekommt Sonnenhut

Die Eisriesen in den Alpen werden von Jahr zu Jahr kleiner. Am Rhonegletscher sollen weiße Planen die Schmelze verlangsamen - und eine berühmte Eishöhle schützen.

Einst reichte die Zunge bis weit hinunter ins Tal - inzwischen ist der Rhonegletscher nur noch wenige Kilometer lang. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bereits schrumpft der Gletscher im Schweizer Kanton Wallis. Als Ursache gelten steigende Temperaturen, verursacht durch den Klimawandel.

So wie dem Eis im Quellgebiet der Rhone geht es fast allen Gletschern weltweit: Sie schmelzen und schmelzen - und das immer schneller. "Die Eisdicke nimmt derzeit jedes Jahr zwischen einem halben und einem ganzen Meter ab, das ist zwei- bis dreimal mehr als der entsprechende Durchschnitt im 20. Jahrhundert", sagte Michael Zemp vom World Glacier Monitoring Service in Zürich.

Die Gletscherschmelze verändert nicht nur das Aussehen der Gebirge, sie kann auch zur tödlichen Gefahr für Menschen werden. Im Himalaya beispielsweise entstehen Gletscherseen, deren natürliche Dämme aus Felsen und Geröll plötzlich brechen können, wenn der Druck zu groß wird. Dörfer flussabwärts sind von katastrophalen Überschwemmungen bedroht.

Am Rhonegletscher soll eine Art Sonnenhut die Schmelze verlangsamen. Wie bereits in den vergangenen Jahren wurde ein Teil des Eises mit weißen Planen abgedeckt - siehe folgende Fotostrecke:

Die Planen reflektieren das Sonnenlicht besser als die oft eher graue Gletscheroberfläche. Dadurch wird das Eis weniger warm - so zumindest die Hoffnung. Die Decken im Wallis sollen auch die Höhle schützen, die seit 1870 jedes Jahr neu ins Eis gehauen wird. Sie ist eine Attraktion für Bergsteiger.

Komplett abdecken lassen sich die Gletscher freilich kaum - dafür sind sie trotz Schmelze immer noch zu groß. Ob am Schweizer Gurschengletscher, auf der Zugspitze oder im Rhonequellegebiet, es werden nur vergleichsweise kleine, aber sehr hoch gelegene Flächen abgedeckt.

Doch Experten sind sich einig, dass weiße Planen die Entwicklung höchstens verzögern, aber kaum aufhalten können. Der Rhonegletscher beispielsweise könnte bis zum Jahr 2100 vollständig verschwunden sein. Das ergab eine Simulation von Forschern der ETH Zürich und Lausanne.

Wie dramatisch die Entwicklung verläuft, zeigen Vergleichsfotos von Eiszungen weltweit - etwa aus den Alpen oder aus den Rocky Mountains. Der Anblick ist fast überall der gleiche: Vor 50 oder 100 Jahren waren die Gletscher noch beeindruckend groß - heute sieht man nur noch mickrige Eisreste herumliegen.

hda

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung