Richard Dawkins "Religion? Die Wirklichkeit hat ihre eigene Magie"

Skulptur von Damien Hirst: Ist Evolution eine Tatsache?
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Skulptur von Damien Hirst: Ist Evolution eine Tatsache?

2. Teil: Richard Dawkins über außerirdisches Leben, den Vorwurf, ein Dogmatiker zu sein, und die Sorge ums eigene öffentliche Image


SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch sprechen Sie der Evolutionstheorie den Status eines mathematischen Theorems zu. Sind sie nicht genauso dogmatisch wie Ihre fundamentalistisch religiösen Gegner?

Dawkins: Es gab eine Zeit, da dachten die Menschen, die Erde sei flach. Dann wurde die Hypothese aufgestellt, die Sonne sei das Zentrum des Universums und danach die, sie sei das doch nicht. In dem Sinne, wie unsere Alltagssprache das Wort Tatsache versteht, ist es eine anerkannte Tatsache, dass die Erde um die Sonne kreist und unser Sonnensystem Teil der Galaxie ist, die wir Milchstraße nennen. Es gibt keine festgelegte Grenze, an der etwas aufhört, eine Hypothese zu sein und zur Tatsache wird. Man registriert erst im Blick zurück, dass etwas zur Tatsache geworden ist. Wissenschaftsphilosophen werden sagen, dass alles nur Hypothesen sind, die niemals endgültig bestätigt werden können, und dass wir alle aufwachen könnten und entdecken, dass alles nur ein Traum war. Aber in dem Sinne, wie wir alle normalerweise das Wort Tatsache benutzen, ist Evolution eine.

SPIEGEL ONLINE: Ohne jedes Fragezeichen? Ist die Evolutionstheorie nicht weiterhin offen für Veränderungen?

Dawkins: Aber natürlich! So ist die Frage ernsthaft umstritten, in welchem Maße Evolution von natürlicher Selektion getrieben wird oder durch Zufälle. Das ist eine offene Diskussion, offen für neue Beweise.

SPIEGEL ONLINE: Könnte die Evolutionstheorie, wie wir sie heute sehen, nicht auch aufgehen in ein übergeordnetes Theoriengebäude, wenn wir beispielsweise ganz anderes Leben auf anderen Planeten entdecken?

Dawkins: Es gibt natürlich Beispiele dafür, dass etablierte Ideen der Wissenschaft in größeren Zusammenhängen aufgehen. Ich finde die Möglichkeit außerirdischen Lebens sehr interessant. Es gibt eine Menge Fragen, mit denen wir uns mehr auseinandersetzen sollten: Wie viel von dem, was wir über das Leben auf diesem Planeten erfahren haben, musste so sein, weil es keine andere Möglichkeit für die Existenz von Lebens gibt? Und wie viel davon ist nur eine örtlich begrenzte, auf diesen Planeten beschränkte Tatsache des Lebens?

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Dawkins: Wäre es nicht vermessen zu behaupten, alles Leben müsse auf DNA basieren? Aber vielleicht könnten wir sagen, dass jede Form des Lebens auf etwas beruhen muss, dass in ausreichendem Maße wie DNA funktioniert? Auf diesem Planeten ist die Funktion der Replikation an DNA gebunden und die exekutive Funktion an Proteine, sie sind streng voneinander getrennt. Musste das so sein, ist das immer so? Oder könnte es andere Formen des Lebens geben, in denen ein Molekül beide Aufgaben erledigt? Das sind alles unbeantwortete Fragen, weil wir bisher nur eine Form von Leben kennen.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Dawkins, wenn Sie 60 Jahre nach vorn denken, an wen sollten sich die Menschen erinnern: An den Wissenschaftler, der mit dem Konzept des "egoistischen Gens" zur Evolutionslehre beigetragen hat, oder an den vehementen Religionskritiker?

Dawkins: Am liebsten an beide, ich sehe sie nicht getrennt voneinander. Aber es täte mir sehr leid, wenn mein Angriff auf die Religion das überschatten würde, was ich zur Wissenschaft beigetragen habe. Das wäre wirklich sehr bedauerlich. Aber ich sehe keinen Gegensatz zwischen diesen beiden Dingen, sie gehören zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Dawkins: Ich bin dabei, ein Kinderbuch zu schreiben, das "Die Magie der Realität" heißen wird. Jedes Kapitel wirft eine Frage auf, wie "Was ist ein Erdbeben?", "Was ist ein Regenbogen?", "Was ist die Sonne?". Jedes Kapitel beginnt mit einer Reihe von Mythen, die diese Fragen scheinbar beantworten, und dann setze ich Erklärungen über die wahre Natur der Dinge dagegen. Magie im Sinne des Übernatürlichen hat etwas sehr billiges, wenn beispielsweise ein Frosch per Zauberstab in einen Prinzen verwandelt wird. Die Wirklichkeit hat eine eigene, erhabenere, poetische Magie. Ich hoffe, die vermitteln zu können.

Die Fragen stellten Markus Becker und Frank Patalong

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kyon 28.02.2011
1. Glauben -Brauchen als psychisches Phänomen
Zitat von sysopEr gilt als einer der einflussreichsten Evolutionsbiologen der letzten Jahrzehnte. Vor allem aber macht Richard Dawkins mit vehementen Attacken gegen Kreationismus und fundamentalistische Religiösität von sich reden. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er keinen Glauben braucht. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,745672,00.html
Wenn jemand einen Glauben braucht, hat er ein psychisches Defizit, das er durch überirdische Größenvorstellungen mit persönlicher Partizipation auszugleichen versucht, mit anderen Worten ein unteroptimaler Lösungsansatz zur Überwindung der eigenen existentiellen Hilflosigkeit und Unvermeidlichkeit des eigenen Todes. Über die psychologische und soziologische Bedeutung der Religionen kann man also reden, über deren Wahrheitsanspruch nicht. Der ist absurd.
tactical-user 28.02.2011
2. Gut auf den Punkt gebracht!
---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie selbst denn nie eine religiöse Phase in Ihrem Leben? Dawkins: Aber sicher, ich war ja auch einmal ein Kind. ---Zitatende--- Herrlich, dieser Dawkins. Es sollte mehr Menschen wie Ihn geben, die öffentlich Ihren "Nicht-Glauben" vertreten! Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass man als "Nicht-Gläubiger" in der Welt auf verlorenem Posten steht.
BrucyLee 28.02.2011
3. "Holocaust-Leugner", "ungebildet" wäre nicht passend
"lächerlich" und "bis an Perversion grenzend verblendet" passt dagegen sehr gut für einen "Wissenschaftler", der es glänzend versteht Bekanntes immer wieder mit demselben Regelwerk zu erklären. Natürlich gibt es die Evolution. Es ist auch durchaus reizvoll sie zu beobachten und zu analysieren. Aber was bitte sagt sie uns über den Ursprung oder den Sinn des Lebens?
Kniefall 28.02.2011
4. Es lebe der Humanismus!
Ich habe bereits Werke von ihm gelesen und mag den Mann. Endlich mal ein hehrer Streiter wider diesem weltweiten Religions-Hokuspokus. Auch zu empfehlen: Der Astrophysiker Neil deGrasse Tyson. Nicht falsch verstehen, ich kann mich mit einigen Moralvorstellungen insbesondere der christlichen Religion gut anfreunden. Mir ist es allerdings lieber, wenn die Menschen miteinander freundlich verkehren können, ohne daß ihnen das ein metaphysisches Wesen auferlegen muß. Zumal ich Schwierigkeiten habe, mit Menschen zu diskutieren, die irgendwann irgendwelche uralten Bücher oder angeblichen Götter für ihre barbarischen Handlungen vorschieben. P.S.: Dawkins kann übrigens froh sein, daß er bei uns im Westen lebt. In Weltreligionen mit intoleranteren Religionen hätte ihm wahrscheinlich bereits ein wütender Mob den Kopf abgesägt.
kallistos 28.02.2011
5. Religionen
Die meisten Religionen sind dadurch entstanden, dass ein erleuchteter spiritueller Meister (z.B. Buddha oder Jesus) seine Erfahrung an seine Schüler weitergeben wollte. Eine solche Erleuchtungserfahrung ist aber jenseits von Worten, sie kann nicht hinlänglich mit Worten beschrieben werden. Manche Meister (z.B. Buddha) haben versucht, möglichst treffende Worte zu benutzen (Nirvana, Leere etc.), andere wiederum drückten sich sehr bildhaft aus, wie z.B. Jesus, der sich z.B. als Gottes Sohn bezeichnete. Eine solche Aussage muss einem aufgeklärten Menschen natürlich als völlig inakzeptabel erscheinen, und doch besitzt sie Wahrheit, eben weil sie nur ein Bild ist. Und vor allem aus dieser bildhaften Sprache entstehen dann religiöse Traditionen, die die unaussprechliche innere Erfahrung ihrer Begründer nach außen projizieren und versuchen, das Beschriebene mit dem Verstand zu erfassen, und das notwendigerweise Missverstandene mit Überzeugung zu verbreiten. Es lässt sich aber nur im Innern erfahren (Jesus: "Das Reich Gottes ist inwendig in euch"). Allen echten spirituellen Wegen ist eines gemeinsam: Das Ego muss vollständig verschwinden. Das ist z.B. die Bedeutung des Gleichnisses mit der anderen Wange, die man hinhalten soll, wenn man auf die eine geschlagen wird. Das Ziel eines echten spirituellen Weges ist nicht seine eigene Erhaltung und Verbreitung, sondern ausschließlich das Auslöschen des Egos des spirituell Strebenden, mit dem Ziel, die begrenzte Existenz und somit das Leiden zu überwinden.
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