Ritterliche Insekten Grillenmännchen opfern sich für ihre Liebste

Wer darf sich als erster in Sicherheit bringen, wenn der fiese Raubvogel angreift? Grillenmännchen lassen überraschend häufig der Dame den Vortritt - und riskieren damit den eigenen Tod. Und doch werden sie für diese Strategie belohnt.

Feldgrille: Männchen zeigen sich ritterlich
DPA

Feldgrille: Männchen zeigen sich ritterlich


London - Nach ihrer Paarung bleiben Feldgrillenpärchen zusammen. Doch bisher machten Forscher dafür weniger Romantik als vielmehr schnöden Egoismus verantwortlich: Die Herren wollten auf diese Weise ihre Damen davon abhalten, andere Partner an sich heranzulassen. Denn der letzte Partner befruchtet mit großer Wahrscheinlichkeit die Eier - und sichert seine Fortpflanzung.

Doch eine neue Studie legt nun nahe, dass männliche Feldgrillen deutlich weniger egoistisch sind als man dachte - und ein geradezu ritterliches Verhalten an den Tag legen. Wissenschaftler der Universität im britischen Exeter berichten in der Zeitschrift "Current Biology", dass die Insekten ihre Partner auch unter Einsatz ihres Lebens beschützen. "Beziehungen zwischen Grillen sind ziemlich anders als bisher angenommen. Anstatt von ihren Partnern traktiert zu werden, scheinen die Weibchen in der Tat beschützt zu werden. Männchen könnten sogar als 'ritterlich' beschrieben werden", schreibt der Co-Autor der Studie Rolando Rodríguez-Muñoz.

Die Wissenschaftler hatten im nördlichen Spanien Feldgrillen über mehrere Brutzeiten hinweg beobachtet. Den Tieren wurden Rückenschildchen mit Nummern angeklebt. Außerdem entnahmen die Forscher jeder Grille ein winziges Gewebestück für eine DNA-Analyse. Mit Kameras und Mikrofonen wurde erfasst, welche Grille sich mit welchem Partner gepaart hatte und wie lange die Pärchen zusammenblieben. Registriert wurde auch, welche Männchen miteinander um Weibchen kämpften und wie lange die Männchen zur Balz zirpten.

Die Analyse von über 200.000 Stunden Videomaterial zeigte, dass es kein aggressives Verhalten der Männchen gegenüber ihren Weibchen gab. Im Gegenteil: Bei Gefahr - etwa wegen eines angreifenden Vogels - ließen sie ihre Liebsten zuerst in den Bau flüchten, auch wenn sie damit ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. "Männliche und weibliche Grillen werden normalerweise gleich oft gefressen. Aber als Paar steigt die Lebensgefahr des Männchens deutlich an, während die Weibchen die Beutezüge stets überleben", erklärt Rodríguez-Muñoz.

Das ritterliche Verhalten sei aber nicht rein altruistisch: Die Männchen nähmen die erhöhte Lebensgefahr für eine deutlich erhöhte Fortpflanzungsrate in Kauf. "Selbst wenn das Männchen stirbt, trägt das Weibchen die von ihm befruchteten Eier aus und sichert so das Weiterleben seiner DNA", so Rodríguez-Muñoz.

Die Studie gebe einen Einblick in die natürliche Auslese, schreiben die Forscher. Die Verhaltensmuster könnten wahrscheinlich auch auf andere Insektenarten angewandt werden. "Vielleicht werden die Weibchen gar nicht so sehr herumkommandiert, wie wir immer gedacht haben", so Tregenza.

chs/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.