Deutschlands verborgene Rohstoffe Geo-Experten fordern Bohr-Offensive

Welche Rohstoffe schlummern in Deutschlands Böden? Geologen fällt eine genaue Antwort auf diese Frage schwer - weil wichtige Informationen fehlen. Mit einer groß angelegten Suche im tieferen Untergrund könnten interessante Vorkommen aufgespürt werden.

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Wer zu Jens Gutzmer will, muss zunächst an Schätzen vom Tiefseegrund vorbei. Der Lagerstättengeologe residiert hinter den wuchtigen Mauern des Abraham-Gottlob-Werner-Baus der TU Bergakademie Freiberg. Als ich die Treppen zu Gutzmers Büro hinaufsteige, stolpere ich beinahe über einen längs aufgeschnittenen Steinbrocken, den ein aufgeklebtes Schild als Massivsulfiderz ausweist, das einst am Galapagos Rift im Pazifischen Ozean aus 2600 Metern Wassertiefe ans Licht gehoben wurde. Und dann ist da auch der Rest eines Schwarzen Rauchers aus dem Pacmanus-Feld von Neuguinea, geborgen aus 1680 Metern Wassertiefe.

Er sieht, wenn man das so despektierlich sagen darf, wie ein vergammelter Baumstumpf aus. Doch ich bin nicht wegen der Tiefseefunde hier, und auch nicht wegen der steinernen Schätze des Freiberger Lagerstättenreviers, die ein paar Treppenstufen weiter oben in großen, schwarz angestrichenen Glasvitrinen präsentiert werden.

Von Gutzmer erhoffe ich mir vielmehr Antworten auf die Frage, ob uns in den kommenden Jahren ein kleines Rohstoffwunder made in Germany ins Haus stehen könnte. Der Forscher ist Chef des neuen Helmholtz-Instituts für Ressourcentechnologie, das sich mit der möglichst effizienten Nutzung von Ressourcen, mit der Erschließung neuer - und zum Teil bisher unwirtschaftlicher - Lagerstätten, und mit dem Recycling wertvoller Metalle und Ähnlichem mehr befasst.

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Rohstoffsuche: Unbekannter Untergrund
"Es ist wichtig, sich um heimische Rohstoffe zu kümmern, um ein bisschen Unabhängigkeit vom Weltmarkt zu bekommen", erklärt mir Gutzmer beim Gespräch in seinem Büro. Und dann präsentiert der Forscher eine Vision, die mich staunen lässt. Denn möglicherweise, so sagt er, verbergen sich in Deutschlands Böden noch riesige unentdeckte Lagerstätten. Um sie zu finden, müsste im Land ganz systematisch gefahndet werden. "Wir sind unterexploriert. Es gibt Potential für Entdeckungen unter jüngeren Gesteinen", sagt Gutzmer.

Das erinnert mich an etwas, das Volker Steinbach, der Leiter der Deutschen Rohstoffagentur, gesagt hatte: "Die oberen 300 Meter sind gut bekannt. Weiter in der Tiefe gibt es deutlich weniger Erkenntnisse." Und der finnische Geoforscher Gabriel Gaal, er koordiniert das EU-Projekt Nano-particle products from new mineral resources in Europe, kurz ProMine, sieht die Sache so: "Man hört oft, dass Deutschlands Rohstoffe alle erschlossen und Lagerstätten aufgebraucht sind, dem ist nicht so." Ziel seines Projektes ist es, die Frage zu klären, wie Rohstofflagerstätten entstanden sind und welche Stoffe sie in welchen Mengen enthalten.

"Vielleicht haben wir mehr Rohstoffe, als wir gedacht haben"

Auch Gaal vermutet, dass es noch Reserven in den Tiefen unseres Landes geben dürfte, wo bisherige Technologien noch nicht ausgereift genug zum Auffinden und Abbauen von Vorkommen waren: "Vielleicht haben wir mehr Rohstoffe, als wir gedacht haben."

Doch an welchen Stellen müsste man suchen? Auf einer Deutschlandkarte zeigt Jens Gutzmer, wo die bisher bekannten Rohstofflagerstätten zu finden sind. Es sind die klassischen Bergbaureviere: Erzgebirge, Fichtelgebirge, Harz, Bayerischer Wald. Hier treten vergleichsweise alte Gesteine an die Erdoberfläche - und machen so die in ihrem Inneren verborgenen Lagerstätten zugänglich. Wo dagegen jüngere Gesteine die älteren Zonen verdecken, hat es bisher wenig bis keinen Bergbau gegeben, in der Norddeutschen Tiefebene oder auf der Schwäbischen Alb zum Beispiel.

Doch das heißt nicht automatisch, dass es dort nicht irgendwo interessante Vorkommen geben könnte. "Wir wissen, dass sich die gut mineralisierten Zonen unter den Deckschichten entlang ziehen", sagt Gutzmer. "Wir haben da nur nie danach gesucht." Eine gezielte Exploration unter Überdeckung habe Geologen zum Beispiel auf die Spur des Lausitzer Kupferschiefers gebracht. Er liegt rund einen Kilometer tief unter den Braunkohlelagerstätten der Region. In anderen Teilen des Landes könnten ähnlichen Untersuchungen vielleicht auch attraktive Funde bringen. "Da ist noch viel, viel Potential", sagt Gutzmer.

Irland ist Vorbild für Suchprogramm

Er verweist auf Irland, wo die Regierung aus der Luft eine umfassende Suche nach Bodenschätzen gestartet habe. Im Boden verborgene Metalle steigern die elektrische Leitfähigkeit des Untergrundes sprunghaft. Mit elektromagnetischen Messsonden lässt sich das aus der Luft gut erkennen. Zwar hätten einige irische Bauern während der Überflüge ihre beunruhigten Rinder von den Weiden nehmen müssen, sagt Gutzmer, doch dafür verfüge die Regierung nun über eine detailreiche Übersicht, was wo zu holen sein könnte. "So etwas fehlt uns komplett", stöhnt der Forscher resigniert.

Andere Fachleute sehen das ähnlich. Jörg Negendank, ehemaliger Direktor des Deutschen GeoForschungsZentrums Potsdam, fordert zum Beispiel: "Es ist dringend nötig, dass wir hier in Deutschland Karten im Maßstab 1 : 50.000 herstellen, die auch dreidimensional den tiefen Untergrund erfassen." Die Geologischen Dienste der Bundesländer müssten sich mit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zusammentun und wahrscheinlich auch noch einige Universitäten mit ins Boot holen.

Das Projekt wäre aufwendig, keine Frage. Vielleicht auch deswegen mag sich Titus Gebel von der Deutschen Rohstoff AG dem Ruf nach einem staatlichen Explorationsprogramm nicht anschließen: "Der Preis des gesuchten Rohstoffs muss nur hoch genug sein, dann wird auch unter der Überdeckung nachgesehen." Da müsse ein Unternehmen "vielleicht auch mal ein paar Millionen in die Hand nehmen für einen Blindschuss" - also eine tiefe Bohrung in geologisch vielversprechendem Gebiet.

Gebel verweist darauf, dass die Explorationsausgaben für die Suche nach Rohstoffen weltweit höchst unterschiedlich verteilt sind: Obwohl sie über eine riesige Gesamtfläche verfügen, liegen Kanada und Australien mit etwa 90 Dollar pro Quadratkilometer und Jahr weit vorn, Europa kommt im Schnitt gerade einmal auf zwölf Dollar - "und Deutschland liegt wahrscheinlich noch darunter", sagt der Rohstoffmanager. "Auch daran sieht man, wie unterexploriert Deutschland ist."


Dieser Text ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Deutschlands verborgene Rohstoffe" von Christoph Seidler, das am 27. August im Hanser-Verlag erschienen ist.

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