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Aluminium-Abfall: Die rote Flut

Foto: Darko Bandic/ AP

Rotschlamm Deutsche Firma nutzt Verfahren von ungarischer Unglücksfabrik

Der Rotschlamm-Unfall in Ungarn hat einen ganzen Landstrich verwüstet. Jetzt liegt erstmals eine Analyse über die Giftbelastung vor - sie warnt vor mehreren potentiell gefährlichen Stoffen. In Deutschland stellt ein Werk Aluminium nach dem gleichen Prinzip her.

Der Fotograf Gerhard Launer ist bekannt dafür, aus der Luft Deutschlands schönste Seiten zu zeigen. Zum Beispiel einen blutroten See mit unwirklich zerklüfteten Inseln darin, manche sandig, manche tiefgrün. In einem Image-Magazin der Metropolregion Hamburg erschienen diese Aufnahmen unter der Rubrik "Natur macht Kunst".

Es sind Bilder des Deponiebeckens der Firma Aluminiumoxid Stade (AOS). Es ist das einzige deutsche Werk, das wie in Ungarn aus dem Erz Bauxit Aluminium herstellt. Per Pipeline wird hier roter Schlamm in ein etwa 1,3 Quadratkilometer großes Areal im Bützflethermoor nördlich von Stade gepumpt. Zwölf Meter hohe Erdwälle halten die Masse zusammen, nach unten dichtet nur der Moorboden das Areal ab. Hinter dem Deich lagern rund 19 Millionen Kubikmeter rote Erde. Das ist das 19Fache dessen, was sich in Ungarn bislang über das Dorf Kolontár ergossen hat.

In diesen Wochen warten die AOS-Geschäftsführer, dass die Aufsichtbehörden die Erlaubnis für eine gewaltige Erweiterung der Deponie geben: Der Wall soll auf 21 Meter Höhe aufgestockt werden und so die Produktion für die nächsten 20 bis 25 Jahre ermöglichen. Das Unglück in Ungarn, bei dem acht Menschen starben, kommt Geschäftsführer Helmuth Buhrfeindt da ungelegen: "Das ist großer Mist, auf Deutsch gesagt."

Greenpeace legt Analyse vor

Am Dienstag veröffentlichte die Umweltschutzorganisation die Ergebnisse einer ersten Analyse des Rotschlamms, der sich in Ungarn über ein Gebiet von 40 Quadratkilometern ergossen hat. Mindestens drei der 37 untersuchten Elemente - Antimon, Nickel und Cadmium - könnten demnach langfristig Umwelt- und Gesundheitsprobleme verursachen. "Jedes dieser Elemente ist sowohl für die Menschen als auch für Tiere und Umwelt problematisch", sagt Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster. Die "kritischste Verunreinigung" sei aber nach wie vor die durch Arsen.

Das "möglicherweise krebserregende" Antimon steckt laut Greenpeace in einer Konzentration von 40 Milligramm pro Kilogramm im Erdreich - das entspreche dem Dreifachen der für Böden zulässigen Belastung. Nickel sei in einer Konzentration von 270 Milligramm pro Kilo nachgewiesen worden und befinde sich damit ebenfalls über dem Bodengrenzwert.

Bei Cadmium lag der Messwert bei sieben Milligramm pro Kilo. Das liege zwar unter dem Grenzwert, stelle aber dennoch ein Problem dar, da die Böden um Kolontár ohnehin von Cadmium belastet seien, etwa durch Kunstdünger. Die Chemiker fanden in der roten Masse aus dem Aluwerk auch Quecksilber. Die Werte liegen aber nur leicht über denen, die noch vor ein paar Jahren in Deutschland für Klärschlamm zulässig waren, der als Dünger auf Felder gebracht wurde.

Gefährlich wird es möglicherweise am ehesten, wenn es im Katastrophengebiet zu trocknen beginnt. Das rote Gestein ist so fein zermahlen, dass es Mehl ähnelt. Menschen könnten mit dem Staub die Schwermetalle einatmen - und auch pur schaden die feinen Partikel der Gesundheit. Greenpeace misst in Ungarn jetzt auch die Feinstaubwerte - "um Klarheit über die Gefahren für die ungarische, aber auch für die österreichische Bevölkerung zu bringen", so Schuster. Erste Messungen in Devecser hätten ergeben, dass die Feinstaubbelastung derzeit zwischen 60 und 300 Mikrogramm pro Kubikmeter liege. Der Grenzwert betrage 50 Mikrogramm pro Kubikmeter und dürfte nur an 35 Tagen pro Jahr überschritten werden.

Gleiches Prinzip in Ungarn und Stade

Die Werke in Ungarn und Stade produzieren Aluminiumoxid nach dem gleichen Grundprinzip: Bauxit - ein rotes, erdartiges Erz aus den Tropen - wird fein zermahlen und dann mit einer stark ätzenden Natronlauge vermischt. Diese löst Aluminiumoxid aus dem Erz, und übrig bleibt feiner roter Schlamm. Das Werk der Firma MAL in Ungarn leitete diesen Schlamm einfach auf die Deponie weiter - mit einem extrem hohen Anteil der stark alkalischen Natronlauge. Genau wie Säuren verätzen konzentrierte Laugen die Haut von Menschen und Tieren. Sie töten Kleinlebewesen und Fische.

Der pH-Wert gibt an, wie sauer oder alkalisch eine Lösung ist. Ein pH-Wert von sieben entspricht einer neutralen Flüssigkeit, ein Wert von null einer extrem starken Säure, während Natronlauge den maximalen alkalischen Wert von 14 erreichen kann. In Stade wird die Lauge aus dem Schlamm herausgewaschen, bevor er auf die Deponie kommt. Deshalb sinkt der pH-Wert auf etwa zehn. "Da kann man die Hand ohne Probleme hineinhalten", sagt Detlef Asmus, Geschäftsführer einer Firma, die schon mehrere Rotschlamm-Deponien in Deutschland saniert hat. "Bei uns schwimmen Enten und andere Wasservögel drauf", prahlt Werkschef Buhrfeindt.

Es ist vor allem die Natronlauge, die den roten Schlamm in Ungarn so gefährlich gemacht hat. Der ätzende Stoff brennt in den Augen, verletzte Helfer und Anwohner und tötete das Leben im Fluss Marcal, in dem die rotbraune Brühe aus dem Werk Richtung Donau trieb. Sobald das Natron aber genügend verdünnt oder verdunstet ist, ist die Gefahr gebannt. "Die Natronlauge ist ein geringeres Übel, die ist irgendwann weg", sagt Sanierungsexperte Asmus.

Osteuropas Bergbau weit entfernt von modernen Standards

In Stade sei die Lage anders, weil sich der Rotschlamm dort absetze und verfestige, sagt Geschäftsführer Buhrfeindt. "Das wird dann so fest, darauf können Sie mit dem Bagger fahren." Deponiespezialist Asmus war bei anderen Werken dafür zuständig zu prüfen, ob die Masse tatsächlich fest und gesichert ist. Allerdings bemühten sich die Firmen auch aus eigenem Interesse darum: Die Sicherheitsauflagen sind für festen Abfall niedriger als für flüssigen.

Die Bestandteile des Urstoffs Bauxit entscheiden, welche Schadstoffe im Rotschlamm stecken. Die 29 Millionen Kubikmeter in Stade etwa sind von den deutschen Aufsichtsbehörden auf einer Skala von 0 bis 4 als Gefahrenklasse 0 eingestuft - "unbelasteter Boden" und "unbelasteter Bauschutt". Einfacher Hausmüll hat die Gefahrenklasse 2.

In Osteuropa nimmt man es mit Normen und Sicherheitsstandards offensichtlich nicht so genau. Zwar wurde das MAL-Werk inzwischen unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt und der Chef der Katastrophenfabrik festgenommen. Doch gerade die osteuropäische Bergbauindustrie, zu der auch Aluminiumoxid-Werke gezählt werden, habe westliche Standards noch längst nicht umgesetzt, sagt Schuster. Die osteuropäischen Werke seien von der Moderne abgekoppelt, meint auch Buhrfeindt. Über das Werk in Ungarn sagt er: "Wir waren der Meinung, dass es das gar nicht mehr gäbe."

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