Neue Studie Die Welt hat deutlich mehr Baumarten als bisher gedacht

In Deutschlands Wäldern herrscht wenig Abwechslung, global gibt es mehr Vielfalt: Mehr als 9000 Spezies von Bäumen auf der Erde sind wohl noch nicht entdeckt. Wo sie vermutlich zu finden sind, zeigt eine aktuelle Studie.
Wald in brasilianischen Amazonasgebiet

Wald in brasilianischen Amazonasgebiet

Foto: Ignacio Palacios / Getty Images

Im Jahr 1994 gab sich Robert May, ein theoretischer Ökologe an der Universität im britischen Oxford, optimistisch: Bis zum Jahr 2044 werde die Menschheit die Anzahl der derzeit auf der Erde existierenden Arten ungefähr kennen. Davon sind wir allerdings auch bei so wichtigen und gut untersuchten Lebensformen wie den Bäumen noch ein gutes Stück entfernt. Nun zeigt sich: Die Zahl der Baumarten auf der Erde ist vermutlich um einiges größer als bisher gedacht.

Einer aktuellen Untersuchung zufolge gibt es weltweit rund 73.000 Arten von Bäumen – etwa 9200 davon sind noch gar nicht entdeckt und beschrieben. Bisher gingen Experten von rund 60.000 Baumarten weltweit aus. Zur Einordnung der Zahl: In Deutschlands Wäldern gibt es nur rund 40 Baumarten , auf einem Großteil der Fläche wachsen die Nadelbäume Fichte und Kiefer sowie die Laubbäume Buche und Eiche.

Weltweit ist die Zahl deutlich höher – auch wenn neue Spezies nicht immer leicht zu entdecken sein dürften. Etwa ein Drittel der unentdeckten Arten seien vermutlich sehr selten und räumlich nur sehr begrenzt verbreitet, berichtet ein Team von Forschenden um Roberto Cazzolla Gatti von der Universität Bologna in Italien im Fachmagazin »Proceedings of the National Academy of Sciences« . Vor allem diese seltenen Arten seien anfällig für Eingriffe des Menschen in die Natur, etwa Klimawandel oder Abholzung.

Bäume seien an sich nicht gerade kleine oder grundsätzlich seltene Lebewesen, die leicht zu übersehen seien, schreiben die Forschenden. Sie lieferten Bau- und Brennstoffe, säuberten die Luft, bremsten den Klimawandel, schützten vor Erosion und Überflutung und böten nicht zuletzt zahlreiche Möglichkeiten der Erholung, beim Wandern, Jagen oder Campen. Dennoch fehlten grundlegende Informationen über die Zahl der Arten. Um das Wissen zu erweitern, fasste die Gruppe für ihre Studie Datensätze zum weltweiten Vorkommen und zur Häufigkeit von Bäumen zusammen.

»Wir haben die einzelnen Datensätze zu einem riesigen globalen Datensatz kombiniert«, erläutert Co-Autor Jingjing Liang von der Purdue University in West Lafayette (US-Bundesstaat Indiana). Jeder Datensatz entstehe, wenn jemand in einem Wald die einzelnen Bäume vermesse und Informationen über Art, Größe und andere Merkmale sammele. »Die Anzahl der Baumarten weltweit zu zählen ist wie ein Puzzle mit Teilen, die über die ganze Welt verteilt sind.«

Fahndung mit dem Laser

»Die europäischen Wälder kennen wir besser, hier ist die Artenvielfalt relativ gut erforscht«, sagt Co-Autor Martin Herold vom Deutschen GeoForschungsZentrum Potsdam (GFZ). Insbesondere in den Tropen, wo die Artenvielfalt weltweit am größten ist, gebe es jedoch noch viele Gebiete, die bislang nicht systematisch erfasst wurden. »Wichtig ist, dass wir in der Wissenschaftscommunity das gemeinsame Ziel haben, auch die unbekannten Arten künftig systematisch zu erfassen«. Wichtige Grundlage sei die nächste Generation an Messmethoden, zu der unter anderem das Laserscanning vom Boden, via Drohne oder Satellit gehöre.

Der weltweite Datensatz umfasst aktuell insgesamt 64.100 Baumarten. Das sei nahe an den Ergebnissen einer früheren Untersuchung, die auf rund 60.000 Baumarten weltweit gekommen war, so das Team um Cazzolla Gatti. Um die Zahl bisher unentdeckter Arten in einer Region zu schätzen, nutzten die Forscher statistische Methoden, vor allem sogenannte Arten-Akkumulationskurven. Diese Kurven geben – vereinfacht gesagt – an, wie viele Arten in einer bestimmten Region und Fläche bei welchem Sammlungsaufwand entdeckt werden. Grob gesagt werden zunächst mehr Arten gefunden, je länger man sucht. Nach einiger Zeit flacht der Anstieg der Kurve allerdings ab.

Die Forscher kamen so auf eine Gesamtzahl von 73.300 Baumarten – und damit auf rund 9200 noch unentdeckte Arten. Etwa 40 Prozent davon wachsen der Studie zufolge in Südamerika. Dort sind auch die meisten seltenen Arten zu finden (8200) und die meisten endemischen Arten. Das sind Spezies, die nur dort vorkommen. Ebenfalls eine hohe Zahl seltener Arten gibt es in Eurasien (6100) und Afrika (3900). In tropischen und subtropischen Feuchtwäldern finden sich die meisten Arten. Dort dürften auch die meisten noch unbekannten Arten zu entdecken sein, vermuten die Forscher.

chs/dpa
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