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Russland Einsame Jagd auf die Tiger-Killer

In Russlands fernem Osten haben Tiger ihre vielleicht letzte Chance auf ein Überleben in Freiheit. Doch die seltenen Raubkatzen sind kostbar - und begehrt. Wildhüter führen einen oft aussichtslosen Kampf gegen Schmuggler und korrupte Behörden.

Juri Darman hat eine pragmatische Einstellung zu Amur-Tigern. Steht man der größten Raubkatze des Planeten Auge in Auge gegenüber, gebe es eines, was man besser sein lasse: die Waffe benutzen. "Man schießt auf den Tiger und verwundet ihn", sagt Darman. "Dann stirbt man." Um einen Amur-Tiger zu töten, müsse die Kugel in den Kopf oder die Wirbelsäule einschlagen - eine knifflige Aufgabe in einer Stresssituation. "Selbst bei einem Herzschuss lebt der Tiger noch drei bis fünf Sekunden - das genügt völlig, um einen Menschen zu töten", sagt Darman, der für die Filiale der Umweltorganisation WWF in der Amur-Region im fernen Osten Russlands leitet.

Dabei ist der Mensch für den Tiger weit gefährlicher als umgekehrt. Nach aktuellen Zahlen werden jährlich bis zu zehn Amur-Tiger erlegt. In den neunziger Jahren, als mit der Sowjetunion auch die Kontrolle der Jagdverbote zusammenbrach, stürmten Wilderer die Schutzgebiete - ein Dutzend Jäger kam dabei ums Leben.

Inzwischen locken Wilderer Tiger mit Ködern an und erschießen sie aus sicherer Entfernung. Im fernen Osten Russlands schert sich kaum jemand um den Schutz von Raubkatzen. Denn die sind keinesfalls populär, auch wenn die Region Primorje und ihre größte Stadt Wladiwostok den Tiger im Wappen führen. Der Tiger gilt als Konkurrent bei der Jagd auf Wild und als Gefahr für das Vieh. Er wird nicht geliebt, bestenfalls wird er gefürchtet. Das bedeutet eine Menge Arbeit für die Wildhüter, die Tiger und Leoparden in der Amur-Region zu schützen versuchen.

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Tiger und Leoparden: Das langsame Sterben der Großkatzen

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Naturschutz mit dem Sturmgewehr

Sergej Aramilew steht auf einer Waldlichtung. Ein paar Meter von ihm entfernt knistert ein Feuer, über dem Fische braten. Aramilew und seine Männer haben sie kurz zuvor aus einem Netz geholt, das Wilderer in einem Fluss ausgelegt hatten. Wenig später wird auch das Netz im Feuer schmoren und den Gestank brennenden Plastiks verbreiten.

Am Ohr hat Aramilew sein Handy. Auf seiner Schulter balanciert er ein Sturmgewehr. Aramilew ist Biologe - einer, der im Tarnanzug arbeitet.

Der 27-Jährige hantiert mit dem Gewehr, einem halbautomatischen Imitat einer Kalaschnikow. Das Magazin ist mit Hohlspitzgeschossen gefüllt, die beim Eindringen in den Körper aufpilzen und grässliche Wunden reißen. Aramilew steckt das Magazin ins Gewehr zurück, klemmt sich die Waffe unter den Arm. Eigentlich sei sie für die Jagd gedacht, sagt er und zeigt sein zurückhaltendes, beinahe schüchternes Lächeln. "Aber man kann auch Wilderer damit erschrecken."

Es wäre ein Fehler, in dem stillen Russen etwas anderes als einen äußerst zähen Burschen zu sehen. Seit seiner Kindheit geht er auf die Jagd. Mit zwölf wurde er zum ersten Mal von seinem Vater auf Tiger-Patrouille durch die Wälder geschickt, während seines Biologiestudiums absolvierte er militärisches Training, seine Doktorarbeit schrieb er über Sika-Hirsche in russischen Wäldern.

Für die Umweltorganisation WWF schützt er gemeinsam mit rund 60 Wildhütern die Natur der Amur-Region - und das kann ein gefährlicher Job sein. Die Menschen leben hier in unmittelbarer Nachbarschaft mit zwei der seltensten Großkatzen des Planeten: dem Amur-Leoparden und dem Amur-Tiger. Und die sind nicht nur bei Naturfreunden beliebt: Wer ein Exemplar töten und verkaufen kann, hat in der bettelarmen Region für Jahre ausgesorgt.

Massaker unter Raubkatzen

Die Amur-Region reicht von Russlands Pazifikküste über weite Teile Nordost-Chinas, Nordkoreas und der Mongolei. Mit 2,1 Millionen Quadratkilometern ist sie fast sechsmal so groß wie Deutschland, ihre Wälder wirken selbst aus der Luft endlos. Genügend Platz, so könnte man meinen, für die wenigen Tiger und Leoparden, die den Menschen entgangen sind.

Im Jahr 1900 gab es weltweit rund 100.000 Tiger. Doch dann richtete der Mensch binnen kürzester Zeit ein ungeheures Massaker an. Drei der ursprünglich neun Tigerarten  wurden ausgerottet, von den restlichen sechs gibt es heute nur noch rund 3000 Exemplare.

Auch der Amur-Tiger war in den dreißiger Jahren schon so gut wie ausgerottet. 50 Tiere, vielleicht weniger, waren in freier Wildbahn übrig. Erst im letzten Moment stellte die sowjetische Regierung die größte Raubkatze der Welt unter Schutz - der Bestand erholte sich, fiel nach dem Ende der Sowjetunion kurzzeitig unter 400 Tiere und liegt heute relativ stabil bei rund 450 Exemplaren. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Forscher spüren den Katzen mit Kamerafallen und Hunden nach, sie lesen Spuren und führen DNA-Analysen an Exkrementen durch. Doch ein ausgewachsener Amur-Tiger beansprucht ein Gebiet von rund 100 Quadratkilometern. Entsprechend selten ist er anzutreffen.

Beim Amur-Leopard ist dagegen klar, dass er nach wie vor am Rande der Ausrottung steht: Keine 40, so schätzen Experten, gibt es noch in freier Wildbahn, weit weniger als in Zoos. Schon das Erlegen eines einzelnen Tieres hat gravierende Folgen, die Inzucht lässt Jungtiere mit Missbildungen zur Welt kommen.

Tigerspuren im Schlamm

Nach einer abenteuerlichen Fahrt im Geländewagen durch Flussbetten und knietiefe Schlammlöcher ist Sergej Aramilew in der Wildnis fündig geworden. Er bückt sich und beäugt den matschigen Boden, in den ein Tier seine Tatze gedrückt hat. Der Abdruck besitzt einen Durchmesser von deutlich mehr als acht Zentimetern und kann deshalb nur von einem Tiger stammen. "Die Spur ist etwa einen Tag alt", sagt Aramilew. Das macht dem deutschen Großstadtmenschen auf beklemmende Weise klar, dass ihm hier theoretisch jederzeit ein Tiger über den Weg laufen könnte - was durchaus wörtlich zu verstehen ist, denn anders als Leoparden gelten Tiger als recht bequem. Sie benutzen gern die Wege des Menschen, anstatt sich mühsam durchs Dickicht zu schlagen.

Zwischenfälle gibt es immer wieder. Panthera tigris altaica hat vor allem Hunde zum Fressen gern - aber auch Rinder, Schafe, Pferde, Wildschweine und Hirsche. Den Menschen werden Amur-Tiger dagegen so gut wie nie gefährlich: Nach Angaben des WWF gab es in den vergangenen zehn Jahren lediglich drei Todesopfer in der Region.

Bis heute ist der Hauptgrund für Tigerattacken auf Menschen, dass das Raubtier zuvor verwundet wurde. Gefährlich kann es auch werden, wenn man einen Tiger beim Fressen überrascht oder seinen Jungtieren zu nahe kommt. "Begegnet man einem Tiger in der Wildnis, ist es das beste, sich möglichst groß zu machen und laut zu rufen", sagt WWF-Außenstellenchef Darman. "Dabei kann man gerne auch schmutzige Worte benutzen." Ob der Tiger angreife, "hängt dann von seiner Laune ab". Ist sie mies, steht es schlecht um den Menschen. Ein ausgewachsener Amur-Tiger wiegt bis zu 300 Kilogramm, kann binnen Sekunden auf 60 Stundenkilometer beschleunigen und aus vollem Lauf bis zu 25 Meter weit springen.

Korrupte Behörden, wildernde Ordnungshüter, illegales Holzfällen - der oft aussichtslose Kampf der Ranger für den Schutz der Raubkatzen

Ineffizienz der Behörden, verbreitete Korruption und die Armut der Menschen lassen den Kampf für Leoparden und Tiger oft aussichtslos erscheinen. Nicht selten werden Wildtiere in Naturschutzgebieten von Männern erlegt, die nicht wissen, wie sie ihre Familie sonst ernähren sollen. Verspeist werden längst nicht nur Hirsche oder Wildschweine. Selbst Kleintiere wie Frösche sind vor hungrigen Wilderern nicht sicher. Da der Grenzzaun auf russischer Seite stellenweise bis zu zehn Kilometer weit im Landesinneren steht, haben auch Eindringlinge aus Nordkorea und China leichtes Spiel.

Ein Vermögen für einen toten Tiger

Neben der Wilderei aus Hunger gibt es die aus Profitgier - und an ihr sind oft auch Offiziere, Beamte und Milizionäre beteiligt. Die Abscheu darüber strömt aus jeder Pore des massigen Körpers von Anatoli Below. Der Wildhüter - kantiger Schädel, riesige Pranken, ein Mann wie ein Bär - hat auch dann noch weitergearbeitet, als die Sowjetunion zusammenbrach und er kein Geld mehr bekam. Jetzt kommandiert eine Ranger-Einheit, die ziemlich erfolgreich ist. Dennoch ist Below zutiefst frustriert. Allein 2008 habe er mit seiner Truppe 294 Wilderer gestellt - und in nur 28 Fällen sei es zu Verfahren gekommen.

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Tiger und Leoparden: Das langsame Sterben der Großkatzen

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Laut Gesetz drohen einem Wilderer beim Abschuss eines Tigers 1500 Rubel Bußgeld (37 Euro), 500.000 Rubel Entschädigung (12.400 Euro) und eine mehrjährige Haftstrafe. Doch dafür muss zweifelsfrei bewiesen werden, dass der Täter den Tiger eigenhändig umgebracht hat. Wer nur mit einem Fell oder Knochen erwischt wird, kommt meist mit wenigen Hundert Rubel Strafe davon. "Ich kann diese Woche einen Wilderer schnappen, und nächste Woche erwische ich ihn wieder, mit demselben Gewehr", sagt Below, der sich beeindruckend schnell in Rage reden kann. Zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Wilderern ist es bisher nicht gekommen - was aber laut Below nicht zuletzt am entschlossenen Auftreten seiner Truppe liegt, die zu großen Teilen aus Veteranen des Tschetschenien-Kriegs besteht. "Das sind harte Jungs", meint Below.

Die Bußgelder, mit denen Wilderer rechnen müssen, sind winzig im Vergleich zu den möglichen Gewinnen. Der Schwarzmarktpreis für einen kompletten Tiger liegt bei 20.000 Dollar, rund 16.000 Euro - eine ungeheure Summe in der Amur-Region, in der viele Familien mit umgerechnet 25 Euro im Monat auskommen müssen.

Solche Preise kommen zustande, weil im nahen China der Wunderglaube an Tigerprodukte weit verbreitet ist. Die Knochen des Raubtiers sollen gegen rheumatische Beschwerden helfen, Zähne gegen Tollwut und Asthma wirken, der Penis die Potenz steigern. Sogar die Schnurrbarthaare sind gefragt - als Mittel gegen Zahnschmerzen. Ob Tabletten, Tee, Balsam, Pflaster oder Salben: Tigerextrakte stecken in zahlreichen Wirkstoffen der sogenannten Traditionellen Chinesischen Medizin.

Korruption erschwert Kampf gegen Wilderer

Während Wilderei in China drakonisch bestraft wird, bleiben in Russland selbst spektakuläre Fälle ohne größere Folgen. Vor zwei Jahren hat Belows Trupp 14 Wilderer auf frischer Tat mit einem Tigerkadaver erwischt - eigentlich ein glasklarer Fall. "Aber dann sind Beweisstücke verschwunden, Verfahren sind im Sande verlaufen, die Wilderer bekamen sogar ihre Jagdlizenzen zurück", sagt Below mit donnerndem Bass. Einige der Verdächtigen seien eben bei der Miliz oder sogar bei der Staatsanwaltschaft angestellt gewesen. Einige Milizionäre verloren anschließend ihren Job, ein Oberst ging vorzeitig in Ruhestand - mehr ist bisher nicht geschehen.

Tatjana Aramilewa, Sergej Aramilews Mutter und Chefin der Jagdbehörde in der Provinz Primorje, kennt den Fall ebenfalls, wie sie nach einigen Fragen einräumt. Kommentieren will sie ihn nicht: Die Gerichte seien zuständig. Was das wiederum bedeutet, machen aktuelle Zahlen deutlich: 1850 Vergehen hat Aramilewas Behörde im Jahr 2009 erfasst. Ganze 20 davon landeten vor Gericht, die restlichen knapp 99 Prozent nicht. Die Effektivität ihrer Behörde möchte Aramilewa auch gar nicht an der Zahl der Verurteilungen messen, sondern an den Wildbeständen - und die seien stabil. "Wenn die Tiger den Siedlungen nicht zu nahe kommen, ist alles in Ordnung."

Allerdings ist es meist der Mensch, der dem Tiger zu nahe kommt - und das nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Bulldozern und Kettensägen. Erst beim Hubschrauber-Rundflug wird das Ausmaß des Problems deutlich: Überall sind größere und kleinere Lücken in den Wäldern zu erkennen. Wo einst Eichen und Kiefern standen, wachsen jetzt hellgrüne Espen nach und lassen den Wald mitunter wie einen Flickenteppich erscheinen.

Die meisten dieser Löcher sind auf ungesetzliche Art entstanden. Umweltorganisationen wie der WWF gehen davon aus, dass in der Amur-Region größere Holzmengen illegal als legal gefällt werden. Am Ende werden die Schutzprogramme für Tiger und Leoparden von jenen westlichen Ländern finanziert, deren Bewohner ihre Häuser mit Holz aus Russland möblieren. Dabei wäre die Rettung der Tiger, wie eine aktuelle Studie ergab, für 63 Millionen Euro pro Jahr zu haben - eine vergleichsweise lächerliche Summe, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Hälfte davon schon heute in den Tigerschutz investiert wird. Zudem könnte Russlands ferner Osten nach Meinung von Experten die letzte Chance der Tiger sein, langfristig in freier Wildbahn zu überleben - aus dem schlichten Grund, weil es hier weniger Menschen gibt als in den Tigergebieten Indiens, Chinas oder Südostasiens.

Was vom Schmuggel übrig blieb

Manchmal landen die traurigen Reste von Tigern, Leoparden und anderen seltenen Tieren bei Sergej Ljapustin. Der grauhaarige Russe hat nach einer 20-jährigen Karriere in der Marine beim Zoll angeheuert, wo er inzwischen als Ausbilder arbeitet. Seine Asservatenkammer ist voll von dem, was Schmuggler nach China, Korea oder Japan bringen: Cognac aus Bärengalle, Wildkatzen-Handschuhe, Tigerfelle und sogar meterlange Barten großer Wale.

Es sind Trophäen seltener Erfolge. Im Februar 2010 etwa, sagt Ljapustin, habe man mehrere Tonnen Felle konfisziert. Doch das meiste von dem, was die Kriminellen aus der Natur rauben, findet seinen Weg zum Abnehmer. Ljapustin ist lange genug im Geschäft, um das zu wissen.

"Die Schmuggler arbeiten international, sind gut ausgerüstet und haben viel Geld", sagt er - Geld genug, um das Wohlwollen russischer Grenzer zu kaufen. 800 bis 10.000 Rubel, umgerechnet 20 bis 250 Euro - das sei der Preis für das Wegsehen, je nach Tierart, Menge und Größe des Schmuggelguts. Bestechung sei oft nicht einmal nötig, sagt Ljapustin: "Die Schmuggler haben gute Kontakte zu den russischen Behörden. Oder sie waren früher selbst Ermittler."