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Säugetiere: Warum Männchen fremden Nachwuchs töten

Foto: Alice Baniel

Kindstötung Der Feind im eigenen Rudel

Unter manchen Säugetieren töten dominante Männchen den Nachwuchs, den sie nicht selbst gezeugt haben. Forscher wissen jetzt, wie sich dieses Verhalten entwickelte. Und die Weibchen haben eine Strategie gegen die Kindstötungen.

In Säugetierrudeln herrschen zuweilenraue Umgangsformen: So tötet ein neuer Chef gern die Jungtiere, die er nicht selbst gezeugt hat. Forscher haben nun festgestellt, dass solche Kindstötungen am häufigsten in Gruppen vorkommen, in denen wenige Männchen nur für eine relativ kurze Zeit das Chefprivileg erlangen, sich fortzupflanzen. Unter diesen Bedingungen setzen die Männchen alles daran, ihre Gene zu verbreiten. Das Verhalten sei also eine Folge der Sozialstruktur einer Gruppe - und nicht umgekehrt, wie bisher oft vermutet, schlussfolgern die Forscher in ihrer Studie im Fachmagazin "Science".

Gruppenleben fördert Kindstötungen

Das Töten fremder Jungtiere durch ausgewachsene Männchen ist unter Säugetieren eine weitverbreitete Sitte - unter anderem bei Bärenpavianen, Hanuman-Languren und Löwen. In einigen Populationen sei es sogar die Hauptursache der Sterblichkeit unter Jungtieren, berichten Dieter Lukas und Elise Huchard von der University of Cambridge. In ihrer Studie hatten sie insgesamt 260 Arten von Säugetieren betrachtet: 119, bei denen Kindstötungen vorkommen, und 141, bei denen sie unbekannt sind. Die Forscher analysierten in ihrer Studie, bei welchen Arten und in welchen Sozialstrukturen im Verlauf der Stammesgeschichte das Verhalten entstanden ist.

Sie fanden zunächst, dass Kindstötungen hauptsächlich dort vorkommen, wo Weibchen das ganze Jahr über paarungsbereit sind und ständig mit den Männchen in Kontakt sind. Weniger verbreitet ist dieses Verhalten in Tiergruppen, in denen in der meisten Zeit ausschließlich Weibchen zusammen sind, sowie unter vornehmlich alleinlebenden Tieren oder solchen in festen Paarbindungen. Das Geschlechterverhältnis spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle, berichten die Forscher. Mit größerer Konkurrenz um die Weibchen nehme das Risiko von Kindstötungen zu.

Eine Frage der Größe

Aber die Weibchen haben eine Gegenstrategie entwickelt: Promiskuität. Wenn sie sich mit möglichst vielen Männchen paarten, bleibe unklar, wer der Vater des Nachwuchses sei. Diese Strategie wird auch "Vaterschaftsverwässerung" genannt. In diesen Gesellschaften verlagere sich die Konkurrenz unter den Männchen auf die Zeit nach der Kopulation: Das erfolgreichste Männchen sei hier das, dessen Spermien die der anderen ausstechen könne, berichten die Forscher. Die Folge: In solchen Gruppen produzieren Männchen immer mehr Sperma und bekämen immer größere Hoden.

"Bei Arten, in denen es zu Kindstötungen kommt, nimmt die Hodengröße über die Generation hinweg zu, was darauf hindeutet, dass die Weibchen eine zunehmende Promiskuität an den Tag legen, um die Vaterschaft zu verschleiern", erläutert Dieter Lukas. Wenn aber die Spermienkonkurrenz erst einmal so groß geworden ist, dass kein Männchen sich seiner eigenen Vaterschaft mehr sicher sein könne, verschwinden die Kindstötungen wieder. "Schließlich besteht das Risiko, dass die Männchen ihren eigenen Nachwuchs töten, und vielleicht bekommen sie nicht die Chance, den nächsten Nachwuchs zu zeugen."

khü/dpa
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