Samen auf der Autobahn Wie Paprikas Berlin erobern

Pflanzen haben nach Wind und Tier ein neues Fortbewegungsmittel entdeckt: das Auto. In Radkästen und an Stoßstangen trampen Samen Tausende Kilometer weit - auch nach Deutschland, wie sich jetzt herausstellt.

Von Chris Löwer


Autobahn: Pflanzen entdecken die mobile Moderne
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Autobahn: Pflanzen entdecken die mobile Moderne

Nein, es ist keine Schote, sondern wahr: Am Berliner Straßenrand gedeihen neuerdings Paprika. Der Samen, aus denen die Pflanze wächst, ist nicht mit dem Wind in die Hauptstadt gekommen, sondern, ganz modern und bequem, mit dem Auto. Klebte irgendwo im Reifenprofil, an der Stoßstange oder im Radkasten.

Welche Pflanzen von weither per Autostop reisen, haben jetzt Forscher vom Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin (TU) untersucht. Sie wollten wissen, wie sich Pflanzen entlang von Straßen per Auto fortbewegen, welche Arten sich wo finden und wie sie im neuen Lebensraum Stadt zurechtkommen. Das Ergebnis überraschte selbst die Forscher: "Wir haben unerwartet viele Keimlinge gefunden", sagt Projektleiter Moritz von der Lippe. "Von den über 11.000 Pflanzen, die mehr als 200 Arten angehören, gehörte gut die Hälfte zu nicht einheimischen Arten."

Der Straßenrand entpuppte sich als kleine Oase: Neben Paprika keimen Tomatenpflanzen und Exoten wie die allenfalls aus dem Supermarkt bekannte Kapstachelbeere aus Südamerika. "Die Stachelbeeren sind wahrscheinlich mit Fruchttransportern hierher gekommen", vermutet der Landschafts- und Raumplaner.

Eindringlinge aus ganz Europa

Unbemerkt eingeschlichen haben sich auch der Australische Gänsefuß und das Dänische Löffelkraut, das eigentlich ein Küsten- und Salzwiesengewächs ist. Entlang der Autobahn hat es sich schon, quasi als klandestines Urlaubssouvenir, bis in den Norden von Berlin ausgebreitet. Dass es in der kargen und schadstofflastigen Umgebung sprießt, mag auf den ersten Blick verwundern. Aber: "Durch das Streusalz im Boden findet die Küstenpflanze ideale Bedingungen", erklärt von der Lippe.

Berlin: Neuerdings Lebensraum von Paprika
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Berlin: Neuerdings Lebensraum von Paprika

Die bei der Untersuchung entdeckte Artenvielfalt überrascht, ist aber doch nur eine innerhalb eines Jahres gewonnene Stichprobe. Bislang wurden pflanzliche Fremdlinge sehr mühsam nachgewiesen, indem Erdproben von Autos abgekratzt wurden. Um ein halbwegs brauchbares Ergebnis zu erlangen, sind Inspektionen von ganzen Autokolonnen nötig.

Die TU-Forscher waren trickreicher: Sie haben sogenannte Samenfallen entwickelt, zwei Meter lange, trichterförmige Rinnen. 35 davon wurden in drei Berliner Autobahntunneln neben der Fahrbahn fixiert. Die Wissenschaftler haben die von den Autos abgefallenen Erdbrösel einmal im Monat eingesammelt, gefiltert und die so gewonnenen Samen im Gewächshaus zum Keimen gebracht.

Tunnel eignen sich für diese Art des Samenraubs besonders, da weder Vögel noch Wind dazwischen funken. Außerdem wurde noch das Umfeld der Tunnel kartiert, um sicherzugehen, dass nicht doch der ein oder andere Piepmatz für exotisches Saatgut sorgt. So wurde auch offenbar, dass etwa die Robinie auf diese Art weit gereist ist. Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika.

Warnung vor der biologischen Invasion

Dass sich der Baum in Berlin und Brandenburg wohlfühlt, könnte über kurz oder lang zum Problem werden: "Der Straßenbaum bedrängt einheimische Pflanzen. Besonders Trockenrasenpflanzen, die, wie der Name schon sagt, mit sehr wenig Wasser auskommen", sagt von der Lippe. Allerdings möchte er keine Panik verbreiten: "Zwar können sehr expansive, nicht einheimische Arten seltene heimische Pflanzen verdrängen, doch das dürften eher Einzelfälle sein."

Indes warnen Wissenschaftler vor der sogenannten biologischen Invasion. Vor allem, wenn sie auf dem neutralen Boden der Schweiz stattfindet. Die "Neue Züricher Zeitung" hat die Samen-Schlepperei bereits zum "großen ökologischen Problem unserer Zeit" erkoren. Ein Dorn im Auge ist den Eidgenossen besonders die Große Goldrute. Die ursprünglich aus Nordamerika stammende Präriepflanze ist im Laufe der Jahre von der Zierpflanze zum "äußerst aggressiven Unkraut" abgestiegen, das einheimische Lebensgemeinschaften bedrängt.

Gefilzte Importautos

De facto halten sich die feindlichen Übernahmen aber in überschaubaren Grenzen: Nach Angaben der Schweizerischen Kommission für die Erhaltung der Wildpflanzen (SKEW) sind gerade mal sechs fremde Pflanzenarten bekannt, die als "extrem invasiv" gelten. Auf der schwarzen Liste stehen unter anderem der Kaukasische Riesenbärenklau, die Kanadische Goldrute und das Drüsige Springkraut, das, aus dem Himalaja stammend, eine Luftveränderung in den Schweizer Alpen sucht.

Aber auch in den USA würde man am liebsten die Vegetation per Visum steuern, weshalb Kontrollbehörden über Neuankömmlinge in der Flora wachen und sie notfalls bekämpfen. Noch schärfer sind die Regeln in Neuseeland mit seinem sensiblen Ökosystem: Hier wird gleich jedes gebrauchte Importauto von der Lüftungsanlage bis zum Unterboden gefilzt, um unerwünschten Samen den Garaus zu machen.

Gleichwohl: Kein Biologe vermag abzuschätzen, wann aus ein paar Keimlingen eine fiese Invasion wird. Denn oft wird erst nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten klar, ob aus einem vereinzelt auftauchenden Kraut eine alles überwuchernde Plage wird.



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