Satelliten-Video Tropenstürme im Zeitraffer

Der Hurrikan "Wilma" hat das Festland noch nicht erreicht, aber Meteorologen sprechen schon jetzt von der heftigsten Sturmsaison seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Die Nasa hat jetzt ein Video erstellt, das den Wettlauf der Tropenstürme zeigt.


Am 9. Juni war die diesjährige Hurrikan-Saison eröffnet - mit A wie "Arlene": Fast zwei Monate früher als in der Vorjahressaison bildete sich ein verdächtiges Tiefdruckgebiet nördlich von Honduras und wuchs zum Tropensturm. "Arlene" wanderte über den Westzipfel Kubas nach Florida. Sie wird nur mit einem Todesfall in Verbindung gebracht: Eine russische Austauschstudentin soll am Strand von Miami Beach von einer Welle erfasst und ins Meer gezogen worden sein.

Ausschnitt aus dem Nasa-Video, Hurrikan "Katrina": Drei Monsterstürme der Kategorie fünf in einem Jahr
NASA

Ausschnitt aus dem Nasa-Video, Hurrikan "Katrina": Drei Monsterstürme der Kategorie fünf in einem Jahr

Mit "Wilma" sind die Meteorologen jetzt bei W angelangt - und mit ihrem Latein buchstäblich am Ende. Sollte noch ein Sturm kommen, der wegen seines Ausmaßes einen Namen erhält, folgen die griechischen Buchstaben. Ein durchschnittliches Jahr kommt nur bis J. Doch diesmal ist ein Hurrikan namens "Alpha" durchaus möglich, denn die Saison dauert noch bis zum 30. November. Zuletzt geschah es 1933, dass während einer Saison 21 Tropenstürme gezählt wurden, aber es waren nicht fünf Hurrikane der Kategorien vier und fünf dabei wie in diesem Jahr.

Hurrikane im Zeitraffer

Die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa hat nun ein Video erstellt, das die gesamte bisherige Hurrikan-Saison seit Juni in knapp zwei Minuten zeigt. Zu sehen ist, wie etwa "Dennis", der erste Katastrophenhurrikan der Saison, quer über Kuba prescht. Er hatte mit "Emily" einen weiteren Sturm der Kategorie vier im Schlepptau - und das im Juli. Damit begann die Saison ungewöhnlich aktiv.

Mittlerweile sind 21 Stürme von A bis W über den Atlantik und den amerikanischen Kontinent gefegt. Der elfte hieß "Katrina" und brachte eine Katastrophe nahezu biblischen Ausmaßes über New Orleans. Das Video zeigt auch, wie unmittelbar nach dem Monstersturm gleich drei Tropentiefs zur gleichen Zeit existieren - "Marta", "Nate" und "Ophelia". Zum Glück für die Menschen auf dem Festland hauchten sie alle über dem Meer ihr Leben aus. Kurz darauf aber brach "Rita", wie auch "Katrina" zeitweise ein Sturm der höchsten Kategorie fünf, über Texas und Louisiana herein und schmetterte die US-Ölförderung auf das Niveau von 1943 zurück. "Stan" und seine sintflutartigen Regenfälle verwüsteten wenig später Teile Mittelamerikas.


Nun zieht der Hurrikan "Wilma" auf die US-Küste zu. Der Sturm, der am 15. Oktober in der östlichen Karibik entstanden ist, hat sich binnen weniger Tage zum heftigsten Hurrikan in der Geschichte der Wetterkunde ausgeweitet. In seinem Zentrum wurden konstante Geschwindigkeiten von bis zu 281 Kilometern pro Stunde gemessen, Spitzenböen erreichten sogar 340 km/h. Der Druck im Zentrum des Sturms betrug zeitweise 882 Millibar, der niedrigste je registrierte Wert.

Der Golf von Mexiko färbt sich wie Blut

"Warmes Oberflächenwasser im Golf von Mexiko und schwache tropische Winde scheinen zu dieser außergewöhnlich rauen Saison beigetragen zu haben", sagt Jeffrey Halverson, ein Hurrikanforscher am Goddard Space Flight Center der Nasa. Genau diesen Zusammenhang stellt das Nasa-Video dar: Temperaturdaten und Wolkenaufnahmen stammen von zwei verschiedenen Satelliten, "Aqua" und "GOES-12". Orange und rote Farben stellen Temperaturen über 28 Grad Celsius dar. Sie ist erforderlich, damit sich Hurrikans bilden können. Im späten August färbt sich der Golf von Mexiko auf den Temperaturkarten rot wie Blut.

Hurrikan "Rita": Warme Wasserwirbel als Antriebsmaschine
NASA

Hurrikan "Rita": Warme Wasserwirbel als Antriebsmaschine

Das warme Wasser wirkt nach Meinung von Experten wie ein riesiger Treibsatz für die Wirbelstürme. Bei hohen Temperaturen verdunsten große Mengen Wasser und pumpen immer mehr Energie in den Hurrikan. Auch Sturm "Rita" war vor seinem Auftreffen auf den amerikanischen Kontinent direkt über einen warmen Wasserwirbel hinweg gezogen. Durch die Wärme des Wirbels habe er möglicherweise an Energie gewonnen, teilte die National Science Foundation der USA mit.

Ist also eine vom Menschen verursachte Klimaerwärmung mitschuldig an der Rekord-Sturmsaison? "Es ist vielleicht ein bisschen zu früh, um schon einen spezifischen Einflussfaktor zu benennen", sagt Nasa-Meteorologe Marshall Shepherd. Diese Saison gebe den Wissenschaftler Diskussionsstoff auf Jahre. Tatsächlich sind sie uneins, was den Zusammenhang zwischen Klimaveränderung und Wirbelstürmen angeht.

Die allgemeine These lautet: Je wärmer Atmosphäre und Ozeane werden, desto mehr Wasserdampf gerät in die Luft. "Generell ist dadurch mehr Energie für Wirbelstürme da", bestätigte Ulrich Cubasch vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zwar ist Cubasch vorsichtig, einen direkten Zusammenhang zwischen "Katrina" und der globalen Erwärmung herzustellen. Allerdings deuten einige Daten darauf hin, dass die Intensität von tropischen Wirbelstürmen zunimmt.

Ausweitung der Sturmzone

Der US-Forscher Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology etwa schrieb Anfang August im Fachblatt "Nature", Windgeschwindigkeit und Sturmdauer seien in den vergangenen 30 Jahren im Schnitt um 20 Prozent gestiegen. Zugleich betonte der Forscher, dass nicht die viel zitierte Häufigkeit der Wirbelstürme, sondern ihre Intensität ausschlaggebend für ihre Zerstörungskraft sei. Die Erwärmung der Erde sei zumindest mittelfristig nicht mehr zu stoppen. Und so werde auch die Zerstörungskraft der Stürme weiter zunehmen.

Warmwasser-Eddys (orange) im Golf von Mexiko am 27. September: "Antriebsmaschine" für Hurrikane
RSMAS / NOAA

Warmwasser-Eddys (orange) im Golf von Mexiko am 27. September: "Antriebsmaschine" für Hurrikane

Unumstritten sind solche Prognosen nicht. Lennart Bengtsson, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, hat eine Klimasimulation erstellt, der zufolge im globalen Trend trockene Regionen trockener und feuchte Gebiete feuchter werden. Aber die Wirbelstürme, so die neueste Analyse des Hamburger Großrechners, werden dadurch wohl eher geschwächt.

"Unsere nördlichen Breiten erwärmen sich schneller als die subtropischen Regionen", erklärte Bengtsson kürzlich dem SPIEGEL. "Deshalb nimmt der Temperaturgegensatz ab und damit die Energie, von der sich diese Stürme ernähren." Einerseits führten wärmere Ozeane den Hurrikanen mehr Energie zu, so Bengtsson. Andererseits aber könnten sich im Treibhaus Erde auch die höheren Atmosphärenschichten erwärmen, was die Kraft der Wirbelstürme schwächen würde.

Außerdem könne eine Erwärmung der Wasseroberfläche sogar dazu führen, dass Wirbelstürme gar nicht erst entstünden. Denn wärmeres Wasser verursache stärkere Winde, die das fragile Wirbelgebilde zerstörten, "noch ehe der Hurrikan irgendeinen Schaden angerichtet hat", so Bengtsson.

Eine Ausweitung der Sturmzone ist in jedem Fall schon eingetreten. Der Bildausschnitt des neuen Nasa-Videos ist zu klein, um "Vince" zu zeigen. Er war ein eher kleiner und kurzlebiger Sturm, dafür aber der erste, der bis nach Spanien zog. Vince hatte sich so weit nordöstlich nahe Madeira gebildet, dass man ihn zunächst als subtropischen Sturm einstufte. Aber er gewann doch kurzzeitig Hurrikan-Stärke und wischte am 11. Oktober mit letzter Puste über die spanische Küste bei Huelva.

Thomas Mader



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