Satellitenatlas Die Welt mit Astronauten-Augen sehen

Ein neuer Satellitenatlas zeigt unseren Planeten aus 700 Kilometern Höhe: Bergmassive werden zu zweidimensionalen Mustern, reißende Ströme zu Bächen. "Atlantica" gleicht einem geografischen Magazin, manchmal sogar einem Reiseführer für Astronauten.
Von Jan Brandt

Kontinente sind grün oder weiß oder braun, Städte rot und Flüsse blau. Eisenbahnlinien, das weiß jedes Kind aus dem Geografieunterricht, sind schwarz und Straßen entweder gelb oder orange. Das ist die Farbenlehre physischer Karten in Schulatlanten. Aber so sieht die Welt nicht wirklich aus. Städte sind nicht rot, sondern grau, und Flüsse nicht blau, sondern meistens braun.

Wie zum Beispiel der Song Hong, auch Roter Fluss genannt, der durch die vietnamesische Metropole Hanoi fließt, oder die Kanäle, Klongs genannt, die Bangkok zerteilen. Und der Nordpol ist kein Punkt, von dem sternförmig hellblaue Längengrade abgehen, sondern ein weißer Schneeklecks, umgeben vom Polarmeer und von spärlich bewachsener Tundra.

Jetzt ist in dem zu Bertelsmann gehörenden Wissen-Media-Verlag mit "Atlantica" ein Atlas erschienen, der die Welt so zeigt, wie ein Astronaut sie mit einem großen Fernrohr bei gutem Wetter sehen könnte: mal als grüngelber Flickenteppich, auf dem Wolkenformationen wie Schafe zu grasen scheinen, mal als graue Vulkaninsel oder ockerfarbene, hell und dunkel schraffierte Wüste.

Das 500-Seiten-Buch ist mehr geografisches Magazin als Atlas. Karten und Satellitenbilder sind einander in maßstabsgetreuen Ausschnitten gegenübergestellt. Begleittexte erzählen von Geschichte, Vegetation und Kultur der jeweiligen Region.

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Satellitenatlas "Atlantica": Hoch über den Wolken

Foto: Wissen Media Verlag/ SpaceImaging Inc.

Die Kamera, die die Satellitenbilder aufgenommen hat, rast in 681 Kilometer Höhe um die Erde, angebracht an "Ikonos". Der Satellit liefert Bildddaten mit Auflösungen zwischen 60 Zentimetern und 60 Kilometern pro Pixel. Die Informationen werden auf der Erde von der US-Firma SpaceImaging und dem kanadischen Unternehmen WorldSat zu Bildern zusammengesetzt und eingefärbt. Auf ihnen wären theoretisch sogar Menschen noch als solche zu erkennen, wären die Bilder nicht für den gedruckten Atlas verkleinert worden.

Die Pfoten der Sphinx

"Atlantica" ist dennoch fast immer nah dran. In London kann man, wenn man genau hinschaut, die vom Sonnenlicht bestrahlten Dächer der roten Doppeldeckerbusse sehen. In Athen erheben sich die Schatten einzelner Säulen über die Agora, und in Gizeh sieht man einen platten Hund mit ausgestreckten Pfoten nach Osten schauen. Es könnte die Sphinx sein, die mit 20 Metern Höhe und 74 Metern Länge größte jemals von Menschenhand erschaffene Plastik.

Aber die Astronautenperspektive lässt eben vieles, was auf der Erde bedeutsam und mächtig wirkt, weniger gewaltig erscheinen. Bergmassive werden zu zweidimensionalen Mustern, Hochhäuser zu architektonischen Modellen und reißende Ströme zu Bächen.

Eitel Sonnenschein

Manche Bilder hätte man ebenso gut oder noch besser von einem Flugzeug aus machen können, wie die Stadtansicht von Toronto oder die Aufnahmen des Grand Canyon und der Halbinsel Labrador. Hier wirkt die Nachbearbeitung künstlich, die Konturen verschwimmen, die Farben sind überzeichnet wie bei einer schlechten Computersimulation.

Nach längerem Stöbern im Atlas stellt sich trotz dieser Schwäche das Gefühl ein, überall einmal gewesen zu sein, von jeder Weltgegend etwas mehr zu wissen, als viele herkömmliche Schulatlanten in der Vergangenheit vermittelt haben.

Das gute Gefühl mag aber auch daher rühren, dass "Atlantica" nur einen Teil der Wirklichkeit abbildet. Auf fast allen Bildern scheint die Sonne, nur über Moskau, den Komoren und Seychellen und über dem indonesischen Ujungpangdang schweben ein paar Wolken.

Atlantica - Der neue große Satelliten-Weltatlas, Bertelsmann Lexikon-Institut, Wissen Media-Verlag, 490 Seiten, 68 Euro