Schaltsekunde Heute ist die längste Nacht des Sommers

Die Nacht zum Mittwoch ist eine Sekunde länger als üblich. Für manches Computersystem wird das eine Herausforderung. Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Mini-Zeitumstellung.
Schaltsekunde am 1. Juli 2015: Software kann durcheinanderkommen

Schaltsekunde am 1. Juli 2015: Software kann durcheinanderkommen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Was passiert überhaupt?

Am Mittwochmorgen folgt auf die Zeit 1:59:59 Uhr nicht wie üblich 2:00:00 Uhr, sondern erst 1:59:60 Uhr und dann 2:00:00 Uhr. Die Hüterin der Zeit in Deutschland, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Braunschweig (PTB), fügt die Schaltsekunde  in das Langwellensignal ein, über das Funkuhren gesteuert werden.

Warum gibt es die Schaltsekunde?

Ein Tag hat 24*60*60 = 86.400 Sekunden. Doch die Erde dreht sich von Jahr zu Jahr immer langsamer. Die Ursache ist Reibung, die wiederum eine Folge der Gezeiten ist. Damit werden die Tage im Laufe der Jahrzehnte immer länger - und das ist langfristig ein Problem. Irgendwann würde die Weltzeit nämlich nicht mehr zum Stand der Sonne passen - 12 Uhr mittags wäre dann beispielsweise vormittags. Um das zu verhindern, könnte man die Definition der Sekunde immer wieder anpassen. Das ist allerdings keine so gute Idee, denn Physiker haben die Sekunde als Konstante definiert. Besser ist, von Zeit zu Zeit an einem Tag im Jahr eine Schaltsekunde einzufügen. Damit fallen die offizielle Weltzeit von 12 Uhr und der Höchststand der Sonne weiterhin zusammen.

Wie oft gibt es eine Schaltsekunde?

Eingeführt wurde die Korrektur im Jahr 1972. Die Schaltsekunde in diesem Sommer ist seitdem die 26. Zuvor hatte es Schaltsekunden 2005, 2008 und 2012 gegeben. Es gilt die Regelung, dass Weltzeit (UTC) und Sonnenzeit (UT1) nie mehr als 0,9 Sekunden voneinander abweichen dürfen. Anfang 2015 lag die Differenz bei 0,5 Sekunden, am 1. Juni bei 0,65 Sekunden. Deshalb wird am 1. Juli 2015 die zusätzliche Sekunde eingefügt.

Warum macht sie Probleme?

Uhren haben in der Regel kein Problem mit der Extrasekunde, bei Software ist das anders. Computerprogramme können im Extremfall abstürzen. Unix-Betriebssysteme wie Linux stellen die Uhr um 2:00:00 um eine Sekunde auf 1:59:59 Uhr zurück . Die Zeit 1:59:59 Uhr kommt dann zweimal hintereinander vor - und das kann Software, welche Zeitstempel auswertet, durcheinanderbringen. Bei der letzten Schaltsekunde im Jahr 2012 gab es bei diversen größeren Websites Störungen, etwa bei Reddit, Foursquare und LinkedIn. Auch das Buchungssystem der Fluglinie Qantas fiel zeitweise aus. Bei einigen IT-Systemen umschiffen Informatiker das Problem der eingefügten Sekunde, indem sie die Computeruhr über einen gewissen Zeitraum minimal verlangsamen. Eine Sekunde ist dann minimal länger. Smear (deutsch: verschmieren) heißt diese Methode, unter anderem genutzt von Google .

Wäre es nicht besser ohne Schaltsekunden?

Wegen der immer größeren technischen Probleme, die Schaltsekunden verursachen, plädieren Länder wie die USA oder Frankreich tatsächlich für deren gänzliche Abschaffung. Statt laufend und in unregelmäßigen Abständen eine Sekunde zu addieren, sollte man lieber mit der minimalen Abweichung vom astronomischen Tag leben, lautet ihr Vorschlag. Möglich wäre beispielsweise alle hundert Jahre eine Schaltminute. Einen entsprechenden Beschluss könnte die International Telecommunications Union (ITU) fassen. Die ITU ist zuständig für die koordinierte Weltzeit UTC. Der Beschluss müsste allerdings einstimmig fallen - und derzeit sieht es nicht danach aus, als wären sich die Länder einig.

Findet sie eigentlich jemand gut?

Gegen eine Abschaffung der Schaltsekunden wehren sich vor allem Großbritannien und Russland. Für die Briten geht es dabei übrigens auch um ein Nationalheiligtum - den Greenwich-Meridian. Dessen mittlere Sonnenzeit war lange maßgeblich für die Weltzeit. Es gibt aber auch rationale Argumente für die Schaltsekunde. Astronomen beispielsweise sind auf präzise Zeitinformationen angewiesen. Wenn die Zeit nicht mehr an die Rotation der Erde gekoppelt ist, könnte dies langfristig für Probleme in astronomischen Daten sorgen.

Korrektur: Die Schaltsekunde führt nicht zur längsten Nacht des Jahres, wie es anfangs in diesem Artikel hieß, sondern zur längsten Nacht des Sommers. Bei der Umstellung von Sommerzeit auf Winterzeit Ende Oktober verlängert sich die Nacht um eine Stunde.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.