Scharfe Zangen Wütende Shrimps glimmen grün

Man kannte es bisher nur vom Comic-Monster "Hulk": Gibt es Ärger, tobt ein grüner Wüterich. Mit dem gleichen Trick schlagen Riesengarnelen im Atlantik ihre Feinde in die Flucht: Sie leuchten grün - und haben außerdem den komplexesten Sehsinn im Tierreich.




Mantis-Shrimp Lysiosquillina glabriuscula: Grünes Licht warnt Feinde
Science

Mantis-Shrimp Lysiosquillina glabriuscula: Grünes Licht warnt Feinde

Eigentlich wollte Charles Mazel nur seine neue Unterwasser-Fotoausrüstung testen, als ihm zwei kleine grüne Scheinwerfer aus einem Schlammloch entgegen lugten. Sie gehörten zu einem Mantis-Shrimp der Art Lysiosquillina glabriuscula, einem 22 Zentimeter langen, recht aggressiven Gesellen mit äußerst kräftigen Scheren. Der Forscher von der US-Firma Physical Sciences in Andover (Massachusetts) war fasziniert - und rückte wenig später mit dem kalifornischen Biologen Roy Caldwell und dessen Team zu einer veritablen Unterwasser-Safari an.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die fluoreszierenden Punkte an den Körpern der Schalentiere vor allem einen Zweck haben: Sie sollen Feinde auf Distanz halten. "Im hellen Licht sind die gelbgrünen Flecken leicht zu erkennen", sagt Caldwell. "Es ist ein typisches Signal, das sagt: 'Hallo, hier bin ich, eine Lysiosquillina glabriuscula'. Aber die Tiere kommen auch in 40 Metern Tiefe vor, wo es kein gelbes Licht gibt, welches das Pigment reflektieren könnte." Also leuchteten die Shrimps selbst, damit ihre Markierungen auch im schummrigen Licht gut sichtbar sind.

Die fluoreszierenden Flecken auf dem Panzer und entlang der Fühler können Feinde in dunklem und tiefem Wasser irritieren, schreiben Caldwell und seine Kollegen im US-Wissenschaftsmagazin "Science". Zwar sei Fluoreszenz im Tierreich keine seltene Erscheinung, doch der jetzt beobachtete Mantis-Shrimp sei das bisher einzige bekannte Tier, das seine Leuchtkraft als wichtigen Bestandteil seines Verhaltens einsetzt.

Seine Nachbarn tun gut daran, zu wissen, mit wem sie es zu tun haben, denn Mantis-Shrimps können recht unangenehme Zeitgenossen sein. Die Schalentiere spießen ihre Beutetiere auf oder erschlagen sie einfach. Einen Gegner können sie mit einem einzigen wohl platzierten Knuff töten. Die Kraftmeier sollen sogar schon Wohnzimmer und Küchen ihrer menschlichen Häscher unter Wasser gesetzt haben: Unter den Hieben ihrer von Kalk überzogenen Zangen gehen laut Caldwell selbst Aquarienscheiben zu Bruch.

Die Körperkraft ist nicht das einzig Bemerkenswerte an Lysiosquillina glabriuscula. Caldwell, Biologie-Professor an der University of California in Berkeley, erforscht mit seinen Kollegen seit 15 Jahren den Sehsinn der so genannten Stomatopoden. Die Mundfüßer, sagt Caldwell, verfügen über die komplexesten Augen im Tierreich. "Menschliche Augen besitzen drei Pigmente, die jeweils auf eine Farbe ansprechen", erklärt der Forscher. "Die Augen mancher Stomatopoden besitzen dagegen acht Pigmente für Licht in verschiedenen Wellenlängen und dazu allein drei Pigmente für ultraviolettes Licht. Darüber hinaus haben sie vier Filter zur Justierung der visuellen Pigmente und sehen außerdem zwei oder drei Ebenen polarisierten Lichts."

Rätselhaft sie bisher, wozu die Shrimps in den schlammigen Tiefen des Westatlantiks einen solchen Sehsinn brauchen. Eine Erklärung könne das räuberische Verhalten der Tiere bieten, meint Caldwell. Möglich sei auch, dass wegen der geringen Größe des Garnelen-Hirns ein Teil der anspruchsvollen Verarbeitung visueller Eindrücke direkt im Auge geschehen muss.

Markus Becker



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