Schatzkiste Arktis Die stillen Profiteure des Klimawandels

Ölmultis finden die Klimakatastrophe gar nicht so katastrophal. Im Gegenteil: Die Erderwärmung macht den Weg frei zu den riesigen Energiereserven der Arktis und verkürzt die globalen Tankerrouten um viele tausend Kilometer.

Von Erich Wiedemann


Bad news für die Eisbären von Manitoba, good news für Pat Broe aus Denver, Colorado. Wenn in der Arktis das Eis schmilzt, müssen die Petze sich neue Reviere suchen, weil sie in den alten nicht mehr genug zu fressen finden. Aber Pat Broe macht dann Kasse. Er hat ausgerechnet, dass ihm die Erderwärmung jedes Jahr hundert Millionen Dollar einbringen wird.

Satellitenfoto der Arktis: Eis schmilzt immer schneller
AFP

Satellitenfoto der Arktis: Eis schmilzt immer schneller

Seine Freunde haben ihn ausgelacht, als Pat 1997 die gammeligen Hafenanlagen von Churchill kaufte. Ein ausgemusterter Hafen in einem menschenleeren Gebiet Kanadas, der den größten Teil des Jahres zugefroren ist – was wollte er damit?

Abwarten, sagte Pat. Er hatte nur einen symbolischen Preis von sieben Dollar bezahlt, und das war wirklich kein Geld für einen Hafen. Er wusste, dass die Zeit für ihn arbeiten würde. Auf der nördlichen Halbkugel steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie auf der südlichen. Die Sommer werden länger, das Packeis wird dünner. Um das Jahr 2015 herum wird der Nordpol für normale Schiffe sechs Monate im Jahr befahrbar sein. Dann kommen goldene Zeiten für Churchill.

Quer durch die arktischen Gewässer braucht ein Erdöltanker von Murmansk an der Barents-See bis zur kanadischen Ostküste nur eine Woche. Weniger als halb so lange wie von Abu Dhabi nach Galveston, Texas. Und von Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba nach Chicago ist es über die "Hudson Bay Railway" nicht viel weiter als von Galveston nach Chicago. Tanker von Venezuela nach Japan können auf der Polroute sogar 12.000 Kilometer sparen.

Zwar steigt mit der Wassertemperatur auch die Zahl der Eisberge. Doch dafür liegen die arktischen Ölquellen in politisch stabilen Gebieten. Keine Selbstmordattentäter, kein Kidnapping, keine Bomben. Das bisschen Havarierisiko nehmen die Ölmultis gern in Kauf.

Über die Nordroute soll zunächst russisches Erdöl von den sibirischen Ölfeldern in Ostsibirien nach Nordamerika gebracht werden. Die Eisschmelze wird auch den Weg zu den Öl- und Erdgaslagern freimachen, die jetzt noch vom Packeis blockiert sind.

Freie Fahrt am Nordpol

Die Arktis ist eine riesige eiskalte Schatzkiste. Unter dem längst nicht mehr ewigen Eis wird ein Viertel der Welt-Erdöl- und Gasreserven vermutet. Geschätzter Wert nach gültigen Marktpreisen: anderthalb bis zwei Billionen US-Dollar. Sogar unmittelbar am Nordpol sind Ölvorkommen nachgewiesen worden.

Vielleicht kommt der Durchbruch noch schneller, als Pat Broe erwartet. Im August letzten Jahres überquerte der russische Dampfer "Akademik Fyodorow" als erstes Schiff in der Seefahrtsgeschichte den Pol ohne Hilfe eines Eisbrechers. Es lief ganz reibungslos.

Demnächst wollen die staatlichen norwegischen Öl- und Gasgesellschaften Statoil und Hydro und die russische Gazprom das "Stockman Field" anstechen, das größte Erdgaslager der Welt, dessen Volumen auf 3,2 Billionen Kubikmeter geschätzt wird. Das Gas wird in unterseeischen Pipelines zu den Warmwasserhäfen Murmansk auf der Kola-Halbinsel und Hammerfest im hohen Norden von Norwegen gepumpt. Von Murmansk wird es nach Westeuropa weitergeleitet, auf einer Teilstrecke auch durch die umstrittene Ostsee-Pipeline, für deren Bau sich der deutsche Exkanzler Gerhard Schröder engagiert hat.

Vor dem Ölboom war Murmansk eine sterbende Stadt, die jedes Jahr 10.000 Einwohner verlor. Die Teildemontage der russischen Nordflotte hatte ihre Lebensgrundlage zerstört. Mit der Entdeckung und der Erschließung neuer Öl- und Gasquellen zieht in die graue Stadt am Polarkreis neue Hoffnung ein. Allein die neue Gasverflüssigungsfabrik wird Tausende von Arbeitsplätzen schaffen.

Streit um den eisigen Honigtopf

Die russische Duma hat das Kyoto-Protokoll zur Bekämpfung der Klimakatastrophe ratifiziert. Nicht ohne die Missbilligung von Staatschef Wladimir Putin. Die Erderwärmung lässt den Präsidenten kalt. Sie sei kein Grund zur Aufregung, sagt er. Wenn Russland zwei, drei Grad wärmer würde, könnten in Teilen von Sibirien blühende Landschaften entstehen, und die Russen bräuchten  nicht mehr so teure Wintermäntel zu kaufen.

Reichen Segen bringt das Tauwetter auch den reichen Norwegern. In Hammerfest ist eine sechs Milliarden Euro teure Gasverflüssigungsanlage im Bau, die vor allem den nordamerikanischen Markt versorgen soll. Projektname: Snohvit, zu Deutsch: Schneewittchen.

Fünf Anrainer haben die Finger in dem eisigen Honigtopf: Norwegen, Russland, Dänemark, Kanada und die USA. Doch die Claims, die sie rings um den Nordpol abgesteckt haben, bergen  eine Menge Konfliktstoff. Nach Artikel 76 der Seerechtskonvention verlaufen die Grenzen der Wirtschaftszonen am Kontinentalsockel. Unklar ist aber, wo der Sockel endet und wo das offene Meer beginnt.

Der erste Rohentwurf des arktischen Katasters geht zurück auf Generalissimus Josef Stalin. Er hatte Ende der vierziger Jahre auf einer Weltkarte vom Nordpol aus einen geraden Strich nach Murmansk gezogen, ungefähr im rechten Winkel dazu einen zweiten zur Tschuktschen-Halbinsel im äußersten Osten der Sowjetunion und von da einen dritten Strich wieder zum Nordpol. In die riesige Leerfläche dazwischen schrieb er: "Sowjetische Arktis".

Kürzere Wege für Handelsschiffe

Die russischen Ansprüche stoßen auf den Widerstand vor allem bei den Norwegern. Die Ölquellen in der Nordsee, die ihren Wohlstand begründen, werden in den nächsten Jahrzehnten versiegen. Dann ruhen die norwegischen Hoffnungen auf den Quellen im Eismeer.

Auch die Erfüllung des alten Seefahrertraumes von der Nordpassage rückt näher. Sie wird die Strecke Hamburg-Yokohama beinahe halbieren. Statt durch den Suez-Kanal wird der Verkehr zwischen Europa und Ostasien dann vorwiegend über die Polroute oder durch die Küstengewässer vor Nordsibirien laufen.

Die Folgen sind für die vom globalen Wettbewerb gebeutelte europäische Industrie schmerzhaft: verringerte Transportkosten, billigere Waren, noch mehr Druck auf westliche Märkte. Um sich den Vorteil der kürzeren Wege zu sichern, wollte die Volksrepublik China noch vor zehn Jahren eine Flotte von Eisbrechern bauen, die chinesischen Handelsschiffen den Weg durchs Eis des Nordpolarmeeres bahnen sollten. Das ist nun nicht mehr nötig. 

Unerfüllt bleibt bis auf weiteres die arktische Vision des früheren bayerischen Kraftpolitikers Franz-Josef Strauß. Er hatte 1977 erklärt, er werde lieber als Ananaspflanzer nach Alaska denn als Regierungschef nach Bonn gehen. Soviel ist sicher: Für Ananasplantagen ist die Arktis auch in hundert Jahren noch zu kalt.



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christian_g., 12.04.2005
1.
Ich denke, wenn man sich Seiten wie diese hier - http://www.lifeaftertheoilcrash.net/ - durchliest, sind Klimakatastrophen in den nächsten Jahren eines unserer geringsten Probleme. Ich bin eigentlich ein Optimist, aber so etwas macht einen dann doch schon etwas nachdenklich :)
C_Kulmann, 13.04.2005
2. Noch ist Zeit zum Bremsen
Aktuelle Wetterereignisse als Vorboten des Klimawandels zu sehen ist ohnehin Blödsinn. Das Jahreswetter verläuft in Wellen, jeder Sommer und jeder Winter hat seine Höhen und Tiefen. Der Klimawandel wird sich dadurch bemerkbar machen, dass sich das ganze System langsam, in der Größenordnung von Jahrzehnten, verschiebt. Auf die leichte Schulter nehmen sollten wir das trotzdem nicht. Im Februar 2005 gab es eine große Konferenz zu diesem Thema in England. Was diese Konferenz von ihren vielen Vorgängern unterschied war die Frage, was genau man denn als "gefährlichen Klimawandel" einschätzen muss. Ein Beitrag befasste sich mit der Eiskappe von Grönland. Das Grönlandeis ist im Augenblick noch stabil, aber wenn sich der Kohlendioxidgehalt der Luft ca. vervierfacht, fängt die Eiskappe an zu schmelzen. Das große Problem dabei ist, dass dieser Vorgang unumkehrbar ist, selbst wenn mittendrin das Klima wieder in seinen heutigen Zustand zurückkehrt. Weil die Oberfläche der Eiskappe beim Schmelzen in immer tiefere und wärmere Luftschichten absinkt, würde sie, wenn dieser Vorgang einmal begonnen hat, vollständig verschwinden. Der Meeresspiegel wäre dann um sieben Meter höher, und Hamburg und Bremen wären die neuen Traumziele von Unterwasser-Touristen. Auf dieser Konferenz wurden noch mehrere andere Beispiele für solche "gefährlichen Klimaveränderungen" genannt. Was mich persönlich erschreckt hat war die Tatsache, dass bei der Hälfte dieser Phänomene derzeit niemand weiss, ob sie eventuell schon begonnen haben. Es sind auf jeden Fall ziemlich heftige klimatische Schneebretter, die wir möglichst nicht lostreten sollten. Das Thema zu verharmlosen halte ich daher für unangebracht, unbegründet und sehr leichtsinnig. Bei der Klima-Diskussion ist mir auch noch ein weiterer Punkt immer wieder sauer aufgestoßen. Die meisten Berichte enthalten irgendwo den Satz "...es wird eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um 2°C / 5°C / 11°C etc. erwartet." Schön, könnte man meinen, dann werden die Sommer eben 2°C wärmer und die Winter etwas milder. Alles kein Problem? Nur die wenigsten Leser bedenken dabei, dass der Unterschied zwischen der heutigen Welt und dem Höhepunkt der letzten Eiszeit als "globale Durchschnittstemperatur" betrachtet gerade mal 5°C betrug. Es waren "nur 5°C", die darüber entschieden, ob z.B. hier in Bremen ein mild-maritimes Klima wie heute oder ein voll entwickeltes arktisches Klima wie vor 20.000 Jahren herrschte. Die Veränderungen in den Ozeanen und der Atmosphäre sind leider erheblich komplizierter, als einfach nur die "Suppe" etwas wärmer zu machen. Das sollten wir dabei bedenken. Ich möchte damit keine Katastrophen herbeireden und auch niemandem den Tag verderben - ganz im Gegenteil. Wenn man sich mal ein bisschen breiter über das Thema informiert wird deutlich, dass wir auch jetzt immer noch eine ganze Menge zu unserem eigenen Vorteil unternehmen können. Der Klimawandel ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass wir zwangsläufig in eine Katastrophe geraten. Immerhin hieß es bei der Hälfte der "gefährlichen Klimaveränderungen" auf der Konferenz, dass sie noch nicht begonnen haben. Es ist also immer noch Zeit zum Bremsen.
Abakan, 14.04.2005
3. ups and downs and our wallets
Und wer sagt das es sich dabei eben NICHT um ein natürliches Phänomen handelt? Eiszeiten und Hitzeperioden hat es schon vor dem Menschen gegeben. Ich persönlich glaube das die ganze Klimageschichte nur aufgezogen wird um uns die Kohle aus den Taschen zu ziehen ( zumindest beim Staat ist das offensichtlich )
C_Kulmann, 15.04.2005
4.
Moin Abakan, Ob natürliches Phänomen hin oder her, bedrohlich ist es allemal und wir wären dämlich, nicht darauf zu reagieren. Aber für meinen Geschmack kämen dabei zuviele Zufälle auf einmal zusammen; zumal der Temperaturtrend der letzten 8.000 Jahre zumindest für die Nordhalbkugel eher auf eine Abkühlung hinlief. Die meisten Prognosen sind bisher lediglich Computermodelle, aber immer mehr von diesen Vorhersagen scheinen sich zu bestätigen. Die Welt verändert sich, und wir müssen uns irgendwie darauf einstellen. Und was ich vor allem sagen wollte war, dass wir lieber nicht die Hände in den Schoß legen und einfach abwarten sollten, bis die schlimmsten Prognosen eingetreten sind. Denn manche dieser Vorgänge würden die Erde unwiderruflich und sehr zu unserem Nachteil verändern. Christoph
C_Kulmann, 19.04.2005
5. Menschengemacht?
Zur Frage, inwieweit die jüngste Erderwärmung von Menschen mitverursacht wird, gibt es bei SPIEGEL Online gerade einen interessanten Artikel: http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,351110,00.html Christoph
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