Schildkröten-Embryonen Wanderung im Ei kann über Geschlecht entscheiden

Schildkröten regulieren schon im Ei ihre Körpertemperatur selbst - sie bewegen sich der Wärme nach. Das zeigen Brutexperimente. Mit der Wanderung bestimmen die Embryonen auch über ihr Geschlecht.

Haben ihre Körpertemperatur gut im Griff: Kleine chinesische Dreikielschildkröten
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Haben ihre Körpertemperatur gut im Griff: Kleine chinesische Dreikielschildkröten


Ein morgendliches Sonnenbad bringt den Körper in Schwung, eine Pause im Schatten kühlt ihn ab. Fische, Reptilien, Amphibien und auch Insekten regulieren auf diese Weise ihre Körpertemperatur. Sie sind ektotherme Tiere und müssen ihren Körper aktiv bei einer konstanten Temperatur halten. Offensichtlich gelingt das sogar schon den Kleinsten, und zwar bevor sie überhaupt geschlüpft sind.

Die Embryonen der Chinesischen Dreikielschildkröte (C. reevesii) bewegen sich bereits im Ei dorthin, wo die Temperatur am angenehmsten für sie ist. Das berichten chinesische Forscher jetzt im Fachmagazin "Biology Letters" der Royal Society. Damit untermauern sie Ergebnisse einer früheren Studie, die ein ähnliches Verhalten bei der Chinesischen Weichschildkröte Pelodiscus sinesis beschrieben hatte.

Welchen Temperaturen Schildkröten-Embryonen während ihrer Entwicklung im Ei ausgesetzt sind, beeinflusst ihr Leben entscheidend: Nicht nur die spätere Fitness hängt davon ab, sogar das Geschlecht entscheidet sich mit der Bruttemperatur.

Aus wärmeren Eiern schlüpfen eher Weibchen

Doch ist das beobachtete Verhalten tatsächlich mit dem erwachsener Tiere zu vergleichen? Dann müssten sich die Embryonen nicht nur zur Wärme hin, sondern auch von extremer Hitze wegbewegen. Oder sind die Bewegungen im Ei zufälliger Natur?

Um das herauszufinden, haben die Wissenschaftler 125 Eier von einer chinesischen Schildkrötenfarm bebrütet – bei unterschiedlichen Temperaturen von 26°C bis 33°C. In der Natur sind Schildkrötennester meist kühler als 33°C. Aus Eiern, die konstant Temperaturen über 32°C ausgesetzt sind, schlüpfen in der Regel keine Nachkommen. Im Experiment hatte jedes Ei ein heißes und ein kaltes Ende. Das Ergebnis: Die Embryonen bewegten sich zu Wärmequellen hin, die die Oberfläche des Eis auf etwa 29°C bis 30°C erhitzten. Von heißeren Temperaturen jedoch bewegten sie sich weg.

Außerdem konnte das Team belegen, dass dieses Phänomen bei toten Embryonen nicht auftritt. Der Prozess muss also aktiv vom lebenden Organismus gesteuert werden und hat keine anderen, etwa physikalischen, Ursachen. So hatten die Forscher zunächst vermutet, dass unterschiedliche Temperaturen womöglich die Zähigkeit der Eiflüssigkeit verändern und der Embryo sich deshalb im Ei hin und her bewegt.

Die Experimente zeigten eindeutig, dass schon Embryonen ihre Körpertemperatur wie die Eltern beeinflussten, schreiben die Wissenschaftler. Damit ergibt sich eine beeindruckende Möglichkeit: Könnten Schildkröten in der Lage sein, ihr eigenes Geschlecht zu bestimmen? Aus wärmeren Eiern schlüpfen eher Weibchen.

dal



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