Schimpansen-Schicksale Insel der Verwaisten

Mitten im Victoriasee liegt Ngamba. Auf der Insel haben junge Schimpansen, deren Familien im Regenwald abgeschlachtet wurden, die Chance auf ein neues Leben. Eines Tages, so hoffen ihre Retter, werden sie auch ihre Freiheit wieder erlangen - doch Experten sind skeptisch.
Von Dominik Baur
Porridge für die Schimpansen: Fütterung auf Ngamba

Porridge für die Schimpansen: Fütterung auf Ngamba

Foto: Dominik Baur


Pasa geht nicht gern zu Fuß. Beim Waldspaziergang auf der Insel Ngamba lässt sich die fünfeinhalb Jahre alte Schimpansendame am liebsten tragen. Während ihr Spielkamerad Okech die Besucher der Insel in wilde Raufereien verwickelt, springt Pasa ihnen einfach auf den Rücken und klammert sich fest.

Ngamba ist ein Waisenhaus mitten im Victoriasee: Hier haben Pasa, Okech und 37 weitere Schimpansen ein Zuhause gefunden. Zuvor hatten sie das Schicksal Tausender Artgenossen geteilt. Als Babys mussten sie mitansehen, wie Wilderer ihre Familie töteten, wurden dann, während das Fleisch von Mutter, Tanten und Onkel als besondere Delikatesse verkauft wurde, irgendwo auf einem Markt als Haustier angeboten. Neun von zehn solcher Waisen sterben noch in den ersten Wochen, Pasa & Co. hatten Glück im Unglück: Sie wurden von der Polizei konfisziert und nach Ngamba gebracht. Hier soll ihnen ein einigermaßen artgerechtes Leben ermöglicht werden.

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Die Schimpansen von Ngamba: Waisenhaus im See

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Einst bewohnte Pan troglodytes die gesamte Äquatorregion in Afrika. Auf zwei Millionen Tiere schätzte man den Schimpansenbestand Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute gibt es in 4 der 25 Anrainerstaaten überhaupt keine Schimpansen mehr, die Gesamtzahl geben auch Optimisten mit kaum mehr als 100.000 an. Kritische Schätzungen liegen eher bei 20.000 Tieren. Viele von ihnen sind weit verstreut in kleinen Populationen, so dass sie von den Folgen der Inzucht bedroht sind. Neben der Jagd auf ihr Fleisch gefährdet vor allem die Zerstörung ihres Lebensraumes, des tropischen Urwalds, das Überleben der Schimpansen.

Nicht alle Wunden heilen

Ngamba ist eine von 84 Inseln der Ssese-Gruppe und liegt 23 Kilometer vor der Küste Entebbes. Hier stehen den Schimpansen rund 40 Hektar tropischen Regenwalds zur Verfügung - eine Fläche etwa so groß wie der Vatikan. 1998 kamen die ersten Affen nach Ngamba, heute sind es insgesamt 39 Tiere. Da Schimpansen nicht schwimmen können, bietet der See eine perfekte, natürliche Einzäunung.

In elendem Zustand seien die meisten seiner Schutzbefohlenen angekommen, erzählt Tierpfleger Gerald Muyingo, 34. Aufgrund von Mangelernährung sei das Fell nicht schwarz, sondern braun gewesen. Bisweilen war es sogar ausgefallen. Aber den meisten Schimpansen geht es mittlerweile gut. Nur einmal war ein Tier so schwach, dass es noch innerhalb von 48 Stunden in der Quarantänestation auf dem Festland starb. Ansonsten, erzählt Muyingo stolz, hätten er und seine Kollegen alle Affenwaisen durchgebracht.

Sicher, nicht alle Wunden heilen: Die zehnjährige Ikuru beispielsweise hat ein ugandischer Soldat gerettet, als sie sich noch an die Brust ihrer toten Mutter klammerte. Oft sitzt sie jetzt stundenlang in einer Hängematte und bewegt den Oberkörper monoton vor und zurück. Mawa, das Alphatier einer der beiden Gruppen auf Ngamba, wirft gern mit Steinen nach Menschen.

Es ist ein Racheakt für das, was man ihm angetan hat, vermutet Muyingo. Erst im Alter von fünf Jahren wurde der heute neunjährige Schimpanse konfisziert. Sein Halter war mit ihm des Abends durch die Bars von Arua, einer Kleinstadt im Nordwesten Ugandas, gezogen. Dabei hatte er dem Affen eine Schlinge um die Hüfte gebunden. Das Seil hatte sich bereits so tief ins Fleisch gefressen, dass die Wunde erst nach Monaten verheilte.

Ngamba wird vom Chimpanzee Sanctuary & Wildlife Conservation Trust (CSWCT) betrieben, der von verschiedenen internationalen Naturschutzorganisationen wie dem Jane Goodall Institute unterstützt wird. Dem Trust geht es um dreierlei, erklärt Direktorin Lilly Ajarova: Zunächst soll Schimpansen in Not eine Zuflucht gewährt werden. Dann will CSWCT Aufklärungsarbeit leisten; regelmäßig kommen Schulklassen auf die Insel und lernen, wie wichtig es ist, unsere nächsten Verwandten vor dem Aussterben zu bewahren - Tiere, die sie zuvor noch nie zu Gesicht bekommen haben. Schließlich will CSWCT aber auch wilden Schimpansen ein besseres Leben ermöglichen. Dazu werden etwa Helfer in den Kibale-Regenwald in Uganda geschickt, um Drahtschlingen von Wilderern zu entfernen, in denen Schimpansen sich oft verfangen und schwer verletzen.

Bahati wollte nicht

Doch es gibt noch ein viertes, weniger offen ausgesprochenes Ziel: Eigentlich wäre es den Schimpansenrettern in Uganda am liebsten, sie könnten ihre Schützlinge eines Tages wirklich in die Wildnis entlassen. "Langfristig prüfen wir die Möglichkeit der Auswilderung", sagt Ajarova vorsichtig. Der Wald auf Ngamba wäre von seiner Größe her gerade einmal in der Lage, zwei Schimpansen genügend Nahrung zu geben. Deshalb werden die Tiere auf der Insel mehrmals täglich gefüttert, nachts kommen sie ohnehin in ihre Käfige zurück.

Da der Platz auf Ngamba schon eng wird, dürfen sich die Affen auch nicht fortpflanzen - für den Artenschutz sind sie verloren. Nur einmal hat sich eine der älteren Schimpansendamen das empfängnisverhütende Implantat aus der Haut gekratzt, ohne dass es die Pfleger merkten. Eines Tages war dann plötzlich Kyewuunyo da. Das inzwischen dreijährige Schimpansenmädchen ist der einzige Affe, der auf Ngamba zur Welt kam. Kyewuunyo heißt in der lokalen Sprache Luganda "Überraschung".

Grzimeks Arche und eine misslungene Auswilderung: Warum die neue Freiheit dem Artenschutz nicht unbedingt hilft

Doch die Auswilderung von Schimpansen ist kein leichtes Unterfangen. Bahati hat das schon einmal mitgemacht. Auch sie wurde als kleine Schimpansenwaise im April 1994 im Alter von vier oder fünf Jahren von den Behörden beschlagnahmt. Man brachte sie zur Feldstation der Makerere-Universität im Park, wo auch Richard Wrangham arbeitet, ein Primatologe aus Harvard, der dort seit 1987 das Verhalten einer wilden Schimpansengruppe beobachtet. Wrangham wagte ein Experiment: Er wollte Bahati in seine an die Anwesenheit von Menschen gewöhnte Forschungsgruppe integrieren.

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Die Schimpansen von Kibale: Wild und beobachtet

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Zwei Studenten Wranghams schlugen zunächst gemeinsam mit Bahati am Waldrand ihr Lager auf. "Wir wollten, dass sie wieder zu Kräften kommt und selbst nach Nahrung suchen kann", erklärt Wrangham. Früher als geplant jedoch stießen Bahati und ihre beiden menschlichen Begleiter auf die wilden Schimpansen. Alphamännchen Stocky näherte sich der kleinen Artgenossin und streckte die Hand nach ihr aus. Anfangs suchte Bahati noch Schutz bei den beiden Studenten, nach einer Weile jedoch brach das Eis. Nach nur anderthalb Stunden umarmten sich Stocky und Bahati. Schließlich zog das Waisenkind mit den anderen Affen von dannen. Mission erfüllt, so schien es.

Doch nachdem Bahati drei Wochen lang mit den anderen im Wald gelebt hatte und vollends in die Gruppe integriert schien, tauchte das Schimpansenmädchen immer öfter im Camp und in umliegenden Dörfern auf und ließ sich dort mit Bananen verwöhnen. Der Grund: Die Saison, in der der Regenwald manche Lieblingsfrüchte der Schimpansen im Überfluss lieferte, war vorüber. Für Bahati war die Futtersuche in den Dörfern leichter. Das Experiment musste abgebrochen werden. "Wenn die Gegend abgelegener gewesen wäre", vermutet Wrangham, "hätte es geklappt." Heute lebt Bahati auf Ngamba.

Was mit einem kleinen Affenmädchen nicht funktioniert hat, ist mit einer ganzen Gruppe von Schimpansen noch viel schwieriger. "In Uganda ist eine Auswilderung fast unmöglich", sagt Richard Ssuna, Tierarzt und stellvertretender Chef des CSWCT. Es gebe nur zwölf größere Waldgebiete, und die seien alle schon von Schimpansen bevölkert. Setzte man hier eine neue Gruppe wie etwa die Schimpansen von Ngamba aus, käme es unweigerlich zum Krieg mit den Alteingesessenen. "Dann gibt es Tote."

Arche Grzimek

Bernhard Grzimek war dennoch erfolgreich. Der damalige Direktor des Frankfurter Zoos ließ zwischen 1966 und 1969 auf der Insel Rubondo 17 Schimpansen aus Zoos frei - gemeinsam mit Nashörnern, Elefanten, Giraffen und Kolobusaffen. Das Projekt "Arche Noah" sollte zeigen, wie die Tiere in der ungewohnten Freiheit zurechtkamen. Das zu Tansania gehörende Eiland liegt im Victoriasee, rund 250 Kilometer von Ngamba entfernt. Rubondo ist groß genug, dass die Schimpansen auf sich allein gestellt - ungestört von Menschen und wilden Schimpansen - überleben konnten. Inzwischen, so haben Tierfilmer festgestellt, leben dort mehrere Dutzend der Tiere, zum Teil in dritter Generation.

Doch solche Refugien lassen sich heute kaum noch finden. Dass Schimpansen, die in Menschenobhut aufgewachsen sind, der Respekt vor ihren zweibeinigen Verwandten fehlt, macht Auswilderungsversuche besonders heikel. Da ausgewachsene Schimpansen siebenmal so stark sind wie Menschen und nicht selten aggressiv werden, kommt eine Auswilderung nur in weit abgelegenen Gebieten in Frage. Veterinär Ssuna folgert: Wenn überhaupt, wäre eine Auswilderung allenfalls im Kongo möglich. Nur dort gibt es noch riesige und entlegene Waldgebiete.

In der Tat läuft im Kongo derzeit die einzige erfolgreiche Auswilderungsaktion. Der 1989 gegründete Verein HELP (Habitat Ecologique et Liberté des Primates) der Französin Aliette Jamart bereitet zunächst Schimpansen, die bislang in Gefangenschaft gelebt hatten, in der Bucht Conkouati im Süden des Landes auf ein Leben in Freiheit vor. Die Tiere werden hier zwar noch zugefüttert, der Kontakt zu Menschen jedoch minimiert. Sobald die Schimpansen fit genug für ein Überleben in der Wildnis erscheinen, werden sie per Boot ins Conkouati-Douli-Reservat gebracht. 36 Tiere erlangten so seit 1996 ihre Freiheit zurück, die meisten von ihnen sind heute noch wohlauf.

Doch garantiert das schon den Erfolg? Wrangham ist da nicht so sicher. "Das ist sehr problematisch. Das Gebiet könnte jetzt überbevölkert sein", befürchtet der Harvard-Professor. "Wenn man Schimpansen erfolgreich auswildern will, muss man zuerst die schon bestehende Population in dem Gebiet genau untersuchen. Wildert man fünf Schimpansen in einem Gebiet aus, verursacht das möglicherweise den Tod von fünf Tieren, die dort vorher gelebt haben." Es könne auch dazu führen, dass sich der vorhandene Bestand weniger stark fortpflanzt. "Auswilderung birgt die Gefahr, dass es aussieht wie eine gute Sache, ohne dass es dem Artenschutz wirklich etwas bringt."

Auffangstationen wie Ngamba sind in Wranghams Augen dennoch sehr wichtig. Zum einen wegen ihrer aufklärerischen Funktion, zum anderen als ein mögliches "Schimpansenreservoir" für spätere Zeiten. "Ich halte es für möglich, dass es intakte Lebensräume gibt, in denen die Schimpansen von Wilderern ausgerottet wurden. Dort könnte man dann Gruppen wie die in Ngamba auswildern - vorausgesetzt, man hat zuvor das Problem der Wilderei in Griff bekommen."

Der Schweizer Primatologe Christophe Boesch ist da skeptischer. Auffangstationen wie Ngamba könnten zwar Aufklärung leisten, darüber hinaus nützten sie dem Artenschutz aber wenig. Boesch, einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, plädiert daher dafür, alle Ressourcen in den Schutz der Art zu stecken, also vor allem den Kampf gegen die Abholzung der Wälder, gegen die Wilderei und gegen Epidemien wie Ebola. "Die Lage ist heute noch nicht so dramatisch. Wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen, können wir Tausende von Tieren retten."

Man müsse sich jedoch entscheiden, ob man sich für Tierschutz, also die Rettung einzelner Individuen in Auffangstationen, oder den Artenschutz einsetzen möchte. "Man kann aber so viel mehr Tiere retten, wenn man in den Artenschutz investiert."

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