Schimpansen Sinnloses Verhalten wird Tradition

Scheinbar sinnlose Handlungen schauen sich Schimpansen von ranghöheren Gruppenmitgliedern ab, ganz ähnlich wie sie auch fundamentale Fähigkeiten erlernen. Obwohl das keinerlei Vorteil bringt, kann daraus ein echter Brauch werden.


Nicht alles muss einen Sinn haben: Ob ein Schimpanse eine aufgelesene Münze in einen Eimer oder in den Schlitz eines Containers wirft, scheint egal zu sein. Und doch steckt etwas - nicht ganz Unsinniges - dahinter. Denn selbst wenn Handlungen und Tätigkeiten keinen erkennbaren Sinn ergeben, Schimpansen ahmen diese ihren Artgenossen nach. Das mehr oder weniger unsinnige Verhalten kann sogar zur Tradition innerhalb der Gruppe werden, haben Primatenforscher beobachtet.

Schimpansen: Auch offensichtlich unnütze Handlungen können zum Brauch werden
Dominik Baur

Schimpansen: Auch offensichtlich unnütze Handlungen können zum Brauch werden

Gruppeninterne Traditionen sind bei Schimpansen weit verbreitet. So lernen beispielsweise die Schimpansenbabys von ihren Müttern, wie Werkzeuge benutzt werden und wie möglichst schnell möglichst viel Futter eingesammelt wird. Das sind offensichtlich sinnvolle Tätigkeiten, funktionell und zielgerichtet: Wenn ein Schimpanse etwa einen Stein auf eine Nussschale fallen lässt, hat er das Ziel, die Nuss zu fressen - und dazu muss er zuerst die Nussschale knacken.

Doch bilden sich in Schimpansengruppen auch Rituale und Traditionen, die nicht direkt zu einem Ziel führen? Es gab bislang einige Hinweise darauf. Nachgewiesen werden konnte eine solche Entwicklung jedoch nicht.

Deswegen entwarf ein Team um Kristin Bonnie vom US-amerikanischen Yerkes National Primate Research Center nun ein Szenario, mit dem sie die Bildung einer solchen Tradition direkt beobachten konnten. Dazu brachten sie jeweils einem Weibchen der beiden Gruppen bei, eine Kunststoffmarke vom Boden ihres Geheges aufzuheben, damit zu einem von zwei Containern zu gehen und die Marke in eine kleine Öffnung zu werfen. Eines der Testweibchen wurde dabei darauf trainiert, die Marken ausschließlich in einen Eimer zu werfen, während das andere nur einen röhrenförmigen Behälter benutzen durfte. Anschließend brachten die Forscher die trainierten Tiere wieder mit ihrer Gruppe zusammen und beobachteten, wie sich die anderen Schimpansen verhielten.

Schimpansen lernen eher von ranghohen Gruppenmitgliedern

Alle Gruppenmitglieder - mit einer Ausnahme - entschieden sich ausschließlich für den Container, den auch das zweite trainierte Weibchen benutzte. Das zeige, dass Schimpansen sehr wohl in der Lage seien, auch willkürliche aneinandergereihte Handlungsabfolgen zu erlernen und sie sogar zu einer Tradition innerhalb der Gruppe zu machen, schreiben die Forscher in dem Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society of London" (Online-Vorabveröffentlichung).

Dabei lernen die Tiere hauptsächlich von ranghohen Gruppenmitgliedern: Das Weibchen, das die Marken konsequent in den falschen Behälter steckte, hatte in seiner Gruppe einen niedrigen Rang - und fand keine Nachahmer.

"Jetzt können wir besser verstehen, wie menschliche Verhaltensbräuche und wie die Kultur und das Verhalten des Menschen sich entwickelt haben", sagte Frans de Waal aus dem Forschungsteam. Ähnlich willkürliche Rituale gebe es nämlich nicht nur beim Schimpansen, sondern auch beim Menschen. Der Forscher wählt ein sehr prägnantes Beispiel für scheinbar sinnlose Traditionen beim Menschen: Männer tragen in manchen Kulturen Hosen und in anderen Röcke, ohne dass darin ein Sinn erkennbar wäre.

fba/ddp



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