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Rätselhafte Verschmutzung: Kunststoffschwemme in der Schlei

Foto: Carsten Rehder/ dpa

Umweltskandal Warum pumpte das Klärwerk Plastikmüll in die Schlei?

Die Schleswiger Stadtwerke haben über Monate gehäckselte Kunststoffabfälle ins Wasser des Ostseearms Schlei geleitet. Das Landeskriminalamt ermittelt.

Die Ufer der Schlei sehen aus wie mit Konfetti übersät. Auf den Stränden, im Schilf, in den Gräben: überall fingernagelgroße Kunststoffschnipsel. "Die werden wir nie wieder ganz los", schwant es Werner Kuhr, Vogelwart der Halbinsel Reesholm.

Gerade haben Aufräumtrupps die Nistplätze von drei seltenen Blaukehlchen-Paaren durchkämmt. "Wenn die Vögel im April aus Südafrika heimkehren", sagt der Naturschützer, "können die hier nicht mehr brüten."

Die Säuberungskolonnen haben die Stadtwerke Schleswig hergeschickt. Schon seit Ende Januar wissen die örtlichen Behörden, dass monatelang Plastikmüll aus der kommunalen Kläranlage in die Schlei drang. Doch die Sache blieb zunächst geheim.

Anfang März schlug der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Alarm. Erst dadurch erfuhr auch der Umweltminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck von den Grünen, von der Sauerei.

Jetzt ermittelt das Landeskriminalamt gegen die Stadtwerke wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung.

Stadtwerke wiegeln ab

Der Umweltskandal ist bundesweit einzigartig: Die Stadtwerke gewinnen Energie über den Faulturm ihrer Klärwerke. Dem Gärprozess dürfen sie seit 2006 bis zu 49 Prozent Lebensmittelreste zusetzen. Mindestens seit Januar 2017 aber sollen nun diese organischen Abfälle "Fremdkörper" enthalten: geschredderte Verpackungen von Schinken, Joghurt oder Tiefkühlpizza.

Davon wollen die Stadtwerke nichts gewusst haben. "In unserem Liefervertrag steht ausdrücklich, dass der Lieferant jegliche Fremdbestandteile vorab maschinell zu entfernen hat", sagt Wolfgang Schoofs, Geschäftsführer der Stadtwerke Schleswig. "Uns wird dort zugesichert, dass die Ware dieselbe Qualität habe wie in den vorausgegangen Jahren." Niemals, beteuert Schoofs, hätte er wissentlich kunststoffbelastete Abfälle angenommen.

Lieferant der mit Plastik durchsetzten Biomasse ist die Firma Refood, die wie der Entsorgungskonzern Remondis zur Rethmann-Gruppe gehört. Refood sammelt deutschlandweit Abfälle bei Supermärkten und Restaurants gegen Gebühren ein, um sie selber in Energie zu verwandeln oder an Energielieferanten verkaufen.

"Völlig unklar"

"Laut Vertrag vom 1. Januar 2017 trägt der Kunde die Verantwortung dafür, die Fremdbestandteile abzutrennen, bevor er etwaige Überreste an die Umwelt abgibt", sagt Refood-Sprecher Marcel Derichs. Dem Entsorger zufolge sind ganz allein die Stadtwerke schuld an dem Debakel.

Es steht Aussage gegen Aussage - und der Vertrag ist geheim. Das Umweltministerium in Kiel nennt die Lage "völlig unklar". Möglicherweise habe es noch "andere Eintragswege" gegeben.

Über den Fall selbst zeigt sich Minister Habeck, zugleich neuer Bundesvorsitzender der Grünen, entgeistert. "Die Verschmutzung mit diesen Mengen an Plastik ist unfassbar", sagt der Schleswig-Holsteiner. "Der Fall zeigt, dass wir als Gesellschaft ein grundlegendes Problem haben: Wir müssen Plastikmüll reduzieren."

Die Tourismusbranche der strukturschwachen Region trifft die Sache hart. Die Ostseeförde lockt jährlich Hunderttausende in das Segelrevier mit seinen Sandstränden. Was, wenn Kleinkinder die bunten Plättchen auflesen und an den messerscharfen Kanten lutschen?

Anwohnerin alarmiert Landkreis

Max Triphaus, Chef der Ostseefjord Schlei GmbH, mag daran gar nicht denken. "Plastik ist nicht nur Gift für unsere Umwelt", sagt er, "sondern auch für den Tourismus."

Wie viel gehäckselter Kunststoff in die Schlei gelangt ist, ist unbekannt. Bis zu 16.000 Tonnen Gärreste pro Jahr bezogen die Stadtwerke von Refood. Den Verpackungsanteil in den Abfällen kenne man nicht, behauptet die Firma. Die Stadtwerke wiederum ließen die in Tankwagen angelieferte Pampe direkt in die Faultürme pumpen - ohne Eingangskontrolle.

Die Wasserproben, die der Landkreis regelmäßig am Ausgang der Kläranlage zog, waren tadellos. "Das Messverfahren war allerdings nicht auf Plastikpartikel ausgerichtet", räumt Thorsten Roos ein, der Leiter des Kreisumweltamts.

Als Anfang Januar eine Anwohnerin den Landkreis wegen der seltsamen Schnipsel am Ufer alarmierte, hatte Roos' Team zunächst ein Recyclingwerk in Verdacht. Der für die Klärwerke zuständige Ingenieur nahm dann die Schleswiger Anlage Station für Station unter die Lupe: vom Faulturm, aus dem vergorener Schlamm in Form von Trübwasser in die Anlage eintritt, bis zum Abflussrohr, das kilometerlang unterirdisch verläuft, bevor es seine Fracht in eine schwer zugängliche Schlei-Aue im Wald einleitet.

"Natürlich erstaunt"

Erst in der letzten Klärungsstufe, einem vier Meter dicken Sandfilter, sah der Mann etwas Verdächtiges. Er veranlasste den Einbau einer Lochplatte. Als sich das Plastik hier bald in rauen Mengen ansammelte, war der Verursacher der mysteriösen Ufer-Beschneiung gefunden.

Seitdem dürfen die Stadtwerke keine Lieferungen von Refood mehr annehmen. Das noch in der Anlage befindliche Plastik werde vollständig herausgesiebt, sagt Roos. Seine Behörde hat einen Sachverständigen mit einem Gutachten beauftragt, um die Abläufe im Klärwerk jetzt ganz genau zu klären. "Wir sind natürlich erstaunt, dass bei den Stadtwerken niemand gemerkt hat, was im Gange war", sagt Roos.

Der Umweltminister nimmt indes auch die Entsorgungsbranche in die Pflicht. Es sei völlig absurd, so Habeck, dass Lebensmittel zusammen mit ihren Verpackungen entsorgt würden. Er werde sich "politisch für Änderungen" einsetzen. Kontrolle scheint nötig: Allein der Entsorger Refood beliefert nach eigenen Angaben bundesweit zwölf Kläranlagen mit seiner plastikdurchsetzten Biomasse.

Umweltschützer Ole Eggers vom BUND, der den Skandal publik gemacht hat, sieht den Fall als Menetekel. "An der Schlei wird sichtbar, was wir ununterbrochen der Natur zumuten", sagt Eggers. Überall gelangte Plastik in die Umwelt, auch über Kläranlagen: unsichtbare "Nano"-Partikel aus Kosmetika, Fleece-Pullis, Reifen-Abrieb.

Anmerkung: Wir haben den Namen des Unternehmens Refood im Artikel korrigiert.