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24. April 2007, 15:27 Uhr

Schleswig-Holstein

Erster Wolf im Norden wird überfahren

Nach mehr als 100 Jahren ist erstmals wieder ein junger Wolf in Schleswig-Holstein aufgetaucht - und überfahren worden. Woher das Tier stammt, ist unklar. Nun soll eine genetische Analyse Aufschluss geben.

Hamburg/Süsel - Das Tier war am Montag auf einer Bundesstraße in der Nähe des ostholsteinischen Eutin angefahren und tödlich verletzt worden. Eine erste Untersuchung durch Tiermediziner der Universität Kiel ergab, dass es sich um einen einjährigen Wolfsrüden handelt.

Wolf im Tierpark (Archivbild): Zu zersiedelt, zu viele Straßen in Deutschland
DPA

Wolf im Tierpark (Archivbild): Zu zersiedelt, zu viele Straßen in Deutschland

"Wir wissen nicht, woher er kommt", erklärt die Veterinärin Dorit Feddersen-Petersen SPIEGEL ONLINE, "deshalb werden wir genetische Analysen vornehmen." Dabei vergleichen die Wissenschaftler das Erbgut des Wolfes mit dem seiner Artgenossen, die sich in den vergangenen Jahren in der sächsischen Muskauer Heide angesiedelt haben. Da Wölfe schon in jungem Alter lange Streifzüge vornehmen, muss das Revier des Jungtieres nicht unbedingt in Schleswig-Holstein liegen. Er könnte sogar aus Polen eingewandert sein.

In Deutschland wurden sämtliche großen Raubtiere vor 150 bis 100 Jahren ausgerottet. 1995 jedoch tauchte ein erster Wolf auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz auf. Seit 2000 gibt es in der Gegend mehrere Wolfswelpen und zwei Rudel. Seit Anfang 2006 lebt zudem ein einzelner Wolf im Zschornoer Wald in Südbrandenburg.

Vergangenes Jahr machte auch der Braunbär Bruno Schlagzeilen, der im Grenzgebiet zwischen Bayern und Österreich umherzog. Bruno wurde erschossen, nachdem er mehrere Schafe gerissen hatte. Tatsächlich ist der Angriff auf Nutztiere der Grund, weshalb auch die Ansiedlung von Wölfen in den betroffenen Gebieten teils kritisch gesehen wird. Auch in der Oberlausitz griffen Wolfsrudel in unregelmäßigen Abständen Schafsherden an.

Vor wenigen Tagen waren auch in der Nähe des schleswig-holsteinischen Woosmer zwölf Schafe gerissen worden. Ob dies auf das Konto des nun gefundenen Jungtiers geht, ist unklar. "Es gibt in Deutschland immer noch das Rotkäppchensyndrom, das Wölfe als böse Raubtiere stigmatisiert", vermutet Feddersen-Petersen, die eine Ansiedlung von Wölfen in Schleswig-Holstein begrüßen würde.

Doch ob es flächendeckend dazu kommen wird, bleibt fraglich. Denn der Unfalltod des Jungwolfs zeigt, wie viel sich in den letzten 100 Jahren geändert hat. "Deutschland ist zum Großteil viel zu zersiedelt, es gibt zu viele Straßen", glaubt Feddersen-Petersen, "ein Wolf muss hier viel Glück haben, um lange überleben zu können."

joh/dpa

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