Schlimmer als Pompeji Der Vesuv spuckte bis Neapel

Vor einigen tausend Jahren hat der Vesuv ein Gebiet verwüstet, das auch die Gegend des heutigen Neapel einschließt. Forscher warnen nun, dass die Millionenstadt nicht sicher ist - die jetzt beschriebene Eruption stellt die Pompeji-Katastrophe leicht in den Schatten.


Die Zerstörung währte Jahrzehnte, wenn nicht länger. Nachdem Lava- und Ascheregen abgeklungen waren, versuchten sich die Überlebenden zwar in der Wiederbesiedlung. Doch heute finden sich im Gestein um den italienischen Vulkan Vesuv herum Spuren des Misserfolgs: Nach der "Avellino-Eruption" haben bronzezeitliche Bewohner versucht, einige ihrer Siedlungen wieder zu errichten. Sie gaben aber rasch auf - zu groß muss die Umweltzerstörung gewesen sein.



Ein Forscherteam aus Geologen und Archäologen aus Italien und den USA hat im Norden, Osten und Süden des Vulkans gegraben. Sie konnten die These eines gewaltigen Ausbruchs um das Jahr 1780 vor Christus bestätigen. Dazu dienten ihnen  geologische Analysen, die zeigen, wie weit sich Lava und Asche nach dem rund 4000 Jahre zurückliegenden Ausbruch über die Region ausgebreitet haben.

Neu sei die Erkenntnis, dass dieser Ausbruch sogar das Stadtgebiet des heutigen Neapel erreicht habe, sagte der Geologe Michael Sheridan von der University of Buffalo. Er führte das zwei Jahre dauernde Projekt an, dessen Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht wurden.

Die eindrucksvollsten Spuren der Katastrophe fanden die Wissenschaftler nahe des heutigen Dorfes Avellino, rund 15 Kilometer nordöstlich des Vulkans. Dort befand sich bis zur Eruption eine bronzezeitliche Siedlung. Die Archäologen des Teams fanden die Zeichen einer Massenpanik vor 4000 Jahren: Tausende von Fußabdrücken in der Asche, die vom Vulkan wegführen. Die Menschen flüchteten aus ihren Hütten, ließen Essen auf dem Tisch und Vieh in Ställen und auf Weiden zurück. Von "Skeletten trächtiger Ziegen" berichten die Wissenschaftler.

Zeichen einer vergeblichen Flucht vor dem Ascheregen

Verbrannte Knochen und Schädel zeigen, dass viele dennoch vergeblich zu fliehen versuchten. Zusammengenommen seien die Folgen des Ausbruchs weit schlimmer gewesen als die des Ausbruchs von 79 nach Christus, den Plinius der Jüngere für die Nachwelt aufgezeichnet hat - und der Pompeji zu einem versteinerten Museum römischen Lebens machte.

Für die Forscher sind die Funde in der alten Asche auch ein Warnsignal. "Eine ähnliche Eruption könnte heute Neapel und Umgebung zerstören", schreiben sie in ihrem Artikel. Italienische Experten warnen immer wieder vor einer solchen Katastrophe durch einen neuerlichen Ausbruch - bis zu 600.000 Menschen könnten dabei in Lebensgefahr geraten, rechnen sie vor. Bei der jüngsten stärkeren Eruption im Jahr 1944 starben 26 Menschen, bei einem weiteren Ausbruch im 17. Jahrhundert rund 4000. Bei der Zerstörung Pompejis wurden vermutlich 2500 Einwohner unter einer sechs bis sieben Meter dicken Ascheschicht begraben.

Für die Forscher um Sheridan sind ihre Funde ein Beleg, dass der Vesuv, der als am wenigsten berechenbarer Vulkan in Europa gilt, auch heute noch eine reale Gefahr besonders für die Neapolitaner darstellt. Noch 25 Kilometer vom Krater entfernt fanden sie Spuren der Zerstörung - damit würde das heutige Neapel bei einem Ausbruch teilweise verwüstet. "Wir wussten nicht, dass Neapel so in Gefahr ist", sagte Sheridan im Gespräch mit der Presseagentur AP. "Diese Ergebnisse zeigen, dass Neapel nicht weiterhin darauf vertrauen kann, vor einem Vesuv-Ausbruch relativ sicher zu sein."

cis/stx/dpa/AP



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