Schmelzende Eisriesen Antarktis verliert an Anziehungskraft

Schmilzt das Eis der Westantarktis, könnte der Meeresspiegel in manchen Weltregionen noch stärker steigen als bisher berechnet. Einer der Gründe ist ein verblüffender Effekt: Die Eispanzer sind so riesig, dass sie Wasser in der Umgebung anziehen - und es freigeben, wenn sie schmelzen.


Die Antarktis erwärmt sich seit mindestens 50 Jahren, das haben Klimaforscher kürzlich belegt. Vor allem der Westteil ist bedroht, immer wieder brechen große Stücke des Schelfeises ab. Das Abschmelzen der gigantischen Eismassen der Antarktis hätte gravierende Folgen: Die Meeresspiegel würden rapide ansteigen, manche Forscher rechnen mit einem Plus von fast 60 Metern. Was geschähe, wenn nur der Westteil verloren ginge, hat der Weltklimarat IPCC in seiner aktuellen Bestandsaufnahme prognostiziert: Die Meeresspiegel würden weltweit um durchschnittlich fünf Meter ansteigen.

Wissenschaftler um Jerry Mitrovica und Natalya Gomez von der University of Toronto berichten nun im Wissenschaftsmagazin "Science", dass die Pegelanstiege regional unterschiedlich ausfallen werden. Denn die riesigen Eismassen haben einen Gravitationseffekt und ziehen umgebendes Wasser an.

Schmilzt das Eis, strömt es als Wasser davon - die Masse verteilt sich, der Gravitationseffekt verschwindet. Wo früher Eis war, sinkt dadurch zunächst der Wasserspiegel, schreiben Mitrovica und seine Kollegen. Erst ab einer Entfernung von 2000 Kilometern steigt der Pegel allmählich. Dieser Effekt übersteigt sogar den durch Tauwetter bedingten Anstieg des Meeresspiegels, so die Forscher. Jedes Eisreservoir habe seinen ganz spezifischen regionalen Gravitationseinfluss auf den Meeresspiegel. Hinzu kommt, dass sich auch der Meeresboden, der zuvor von Eis bedeckt war, nach dem Abfließen heben kann.

Mitrovica und seine Kollegen haben errechnet, dass in den Ozeanbereichen um Nordamerika und im südlichen Teil des Indischen Ozeans - also um Westafrika und Ostaustralien - die Anstiege höher ausfallen werden als im Rest der Welt. Und zwar um etwa 30 Prozent.

Würden die Meere weltweit im Schnitt um fünf Meter ansteigen, so müsste sich die US-Hauptstadt Washington auf einen Anstieg von 6,30 Metern einstellen, prophezeien die Forscher. In der Antarktis würde der Anstieg um etwa 30 Prozent geringer ausfallen.

lub



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