Angeblich ausgestorben Schnecke blamiert Wissenschaftler

Eine erfreuliche Entdeckung wird zum Problem für die britische Royal Society. Forscher haben eine Schnecke entdeckt, deren Aussterben die Akademie vermeldet hatte. Experten hatten vor der Fehlentscheidung gewarnt.
Schnecke Rhachistia aldabrae auf dem Atoll Aldabra, Seychellen: "Es ist beeindruckend"

Schnecke Rhachistia aldabrae auf dem Atoll Aldabra, Seychellen: "Es ist beeindruckend"

Foto: AP/ SIF

Hamburg - Da bist du ja wieder, schönes Tier! Rhachistia aldabrae, eine schmucke Schnecke mit schwarz-rot-gestreiftem Gehäuse, lebt seit Urzeiten auf dem Seychellen-Atoll Aldabra. Doch Ende der Neunzigerjahre schien die Schnecke verschwunden zu sein.

Verantwortlich sei wohl der Klimawandel, berichtete ein Forscher 2007 . Wahrscheinlich habe Regenmangel im Westen des Indischen Ozeans Rhachistia aldabrae aussterben lassen, schrieb Justin Gerlach vom Naturschutzverband Nature Protection Trust of Seychelles.

Das Verschwinden des Weichtiers bestärkte den Uno-Klimarat IPCC, in seinem Sachstandsbericht vor einem Artensterben aufgrund des Klimawandels zu warnen. Rhachistia aldabrae galt als eines der wenigen Beispiele für Tiere, die dem Klimawandel bereits zum Opfer gefallen sein könnten.

Rhachistia aldabrae

Rhachistia aldabrae

Foto: AP/ SIF

Umso größer war nun die Freude über die Wiederbegegnung. "Wir wurden schier verrückt, es war so beeindruckend", erzählte Shane Brice, Mitglied einer Seychellen-Expedition der Nachrichtenagentur AP. Experten bestätigten den Fund: Es könne sich nur um Rhachistia aldabrae handeln, sagte der Molluskenforscher Vincent Florens von der University Mauritius der AP.

Die Entdeckung bringt die renommierte britische Wissenschaftsakademie Royal Society in Bedrängnis. In ihrem Fachblatt "Biology Letters" war jene Studie von Justin Gerlach erschienen, die das Aussterben der Schnecke behauptete. Forscher um Clive Hambler von der University of Oxford jedoch widersprachen der Arbeit bereits 2007 - doch die Royal Society habe den Abdruck verweigert, berichtet die "Times" .

"Wir prophezeien die Wiederentdeckung"

Hambler und seine Kollegen hätten geschrieben, es sei nur eine Frage des Aufwands, die Schnecke wiederzufinden. Das Aldabra-Atoll sei schwer zugänglich, weite Teile nicht erforscht. Es sei folglich "unklug", das Aussterben des Tieres zu behaupten, zitiert die "Times" aus dem Widerspruch von Hambler vor sieben Jahren. "Wir prophezeien die Wiederentdeckung, sobald entsprechender Aufwand getrieben wird."

Die Royal Society habe die Arbeit mit dem Hinweis abgelehnt, sie sei bei den Gutachtern durchgefallen. Jetzt aber räumt die Akademie gegenüber der "Times" ein, die Gutachter seien dieselben gewesen, die seinerzeit die Gerlach-Studie akzeptiert hatten. Das Vorgehen sei ein Fehler gewesen, man habe daraus gelernt und die Gutachterpraxis mittlerweile geändert, erklärt die Royal Society. Den nachträglichen Abdruck von Hamblers Widerspruch habe man aber abgelehnt.

Keine Entwarnung

Unangenehm ist der Vorfall auch für den Uno-Klimarat. Zwar hatte der IPCC seine Prognosen für ein klimabedingtes Artensterben aufgrund mangelnder Daten abgeschwächt . Doch weiterhin listet der Rat einige Tiere, deren Verschwinden womöglich auch der globalen Erwärmung anzulasten sei. Nun stellt sich mehr denn je die Frage nach der Glaubwürdigkeit.

"Wehklagen über den Klimawandel lenkt nur ab von den wesentlichen Ursachen des Artensterbens", meint Hambler. Der Mensch treibt viele Lebewesen in die Enge - mit rücksichtsloser Landwirtschaft, Fischerei oder Jagd. Mindestens 77 Säugetierarten verschwanden laut der Roten Liste seit dem Jahr 1500 von der Erdoberfläche und zudem 130 Vogel-, 22 Reptilien- und 34 Amphibienarten.

Auch für Rhachistia aldabrae gibt es keine Entwarnung - trotz ihrer Wiederentdeckung. Der Bestand der Schnecke auf dem Seychellen-Atoll ist seit den Siebzigerjahren erheblich geschrumpft. Ursache unklar.

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boj