Schadstoffe im Schnee Leise rieselt der Staub

Dass man schmutzigen Schnee nicht in den Mund stecken soll, weiß jedes Kind. Forscher aber raten nun auch von Schnee im Allgemeinen ab, jedenfalls in der Nähe von Großstädten.
Schnee im Mund: Gesundheitsschädliche Substanzen angereichert

Schnee im Mund: Gesundheitsschädliche Substanzen angereichert

Foto: Corbis

Experimente mit Schnee haben gezeigt, dass der Stoff erhebliche Mengen an Feinstaub und andere Schadstoffe aufnimmt. In einer sogenannten Schneekammer haben Forscher von der McGill University in Kanada untersucht, wie sich Schnee in abgasreicher Luft verändert.

Das Ergebnis: Bereits nach einer Stunde hatten sich zahlreiche gesundheitsschädliche Substanzen angereichert, berichten die Chemiker im Fachmagazin "Environmental Science" . Darunter Feinstaub und Kohlenwasserstoffe wie Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylole, die teils als krebserregend gelten.

Die Wissenschaftler hatten frisch gefallenen Schnee in eine kleine Kammer gelegt, der sie Abgasluft zuführten. Erstaunt waren die Forscher, wie schnell sich die Gase und Partikel im Schnee ablagerten. Ihre Menge im Schnee hatte sich binnen einer Stunde verdoppelt.

Liege Schnee, ändere sich unmittelbar die Zusammensetzung der Luft, schreiben die Forscher. Die Kälte des Schnees sorge dafür, dass Luft absinke. Die variantenreiche Oberfläche der Schneekristalle biete winzigen Feinstaubpartikeln eine riesige Andockfläche und zahlreiche Wege ins Innere.

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Foto: Joe Raedle/ Getty Images

Auch die Löchrigkeit des Schnees hat Einfluss: Wind treibe Partikel durch die Poren zwischen den Kristallen, tief hinein in den Schnee; die Forscher sprechen von einer Windpumpe. Zudem wirkten physikalische Prozesse, die Partikel aus der Luft regelrecht anziehen, beispielsweise elektrostatische Kräfte.

Die Erkenntnis sei insbesondere für Länder mit extremer Luftverschmutzung bedeutend, etwa für China. Dort würden sich der Studie zufolge erhebliche Mengen Giftstoffe im Schnee sammeln.

"Was passiert, wenn der Schnee geschmolzen ist?", fragt Anna Lea Rantalainen, Umweltchemikerin an der Universitär Helsinki in Finnland. Die im Schnee angereicherten Partikel würden in konzentrierter Weise freigesetzt, sagte sie der "Chemistry World" .

Gesundheitsrisiken seien zwar spekulativ, sagt Parisa Ariya, Mitautorin der Studie, aber mehrere Szenarien gäben Anlass zur Sorge:

  • Bei Schneefall könnte man vermehrt Feinstaub einatmen, weil dieser auch an kleinsten Eiskristallen haftet.
  • Trinkwasser, das von Schmelzwasser gespeist werde, könnte mit Giftstoffen angereichert sein.
  • In Getreide, Obst oder Gemüse, das stark mit Schmelzwasser bewässert wird, könnten vermehrt schädliche Substanzen gelangen.
  • Schließlich sei abzuraten, Schnee in den Mund zu stecken, jedenfalls in abgasreichen Regionen.

Die Entdeckung hat indes eine positive Seite: Schnee reinigt die Luft.

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boj
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