Schwefel-Nebel Forscher zweifeln an Vulkan-Methode gegen Klimakollaps

Der Plan ist schon älter, aber für manchen Klimaforscher hochaktuell: Tonnenweise in der Stratosphäre ausgebrachter Schwefel soll die Erderwärmung stoppen, ähnlich wie ein Vulkanausbruch. Nun haben Wissenschaftler ein solches Szenario durchgerechnet - mit ernüchternden Ergebnissen.

Von Volker Mrasek


Ein russischer Wissenschaftler hatte die Idee bereits vor rund 30 Jahren: Michael Budyko fabulierte von "künstlichen Vulkan-Schleiern", in die man den Globus hüllen könne. Ein Chemie-Nobelpreisträger griff den abstrus scheinenden Vorschlag im Vorjahr wieder auf: Der niederländische Ozonforscher Paul Crutzen hielt die Zeit für reif, sich Gedanken über die Injektion riesiger Mengen Schwefel in die Stratosphäre zu machen, um damit dieselbe klimakühlende Wirkung zu erzielen wie der großräumig verteilte Fallout von Vulkanausbrüchen.

Vulkan Gamkonora (Indonesien, Juli 2007): Schwefelwolken zur Kühlung des Klimas?
AFP

Vulkan Gamkonora (Indonesien, Juli 2007): Schwefelwolken zur Kühlung des Klimas?

Ein Russe ist es nun wiederum, der Crutzens Empfehlung einer wissenschaftlichen Bewertung unterzieht, und dabei etliche Schwachpunkte des technokratischen Planspiels aufdeckt. Nach taufrischen Modellrechnungen von Victor Brovkin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist das Konzept ziemlich realitätsfern, da die "Operation Schwefelkühlung" für eine halbe Ewigkeit und ohne Unterbrechung beibehalten werden müsste. Gebe man das Mammutprojekt frühzeitig auf, drohte der Erde erst recht ein fataler Hitzeschock.

Die neue Studie hat der Mathematiker zusammen mit fünf Fachkollegen von der University of Chicago, vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie und vom PIK soeben zur Veröffentlichung im Wissenschaftsjournal "Climatic Change" eingereicht. Sie lässt erkennen, wie illusorisch es wohl ist, der gegenwärtigen Klimaerwärmung mit großtechnischen Methoden des sogenannten Geo-Engineerings zu begegnen.

In ihrem Modell-Szenario unterstellen die Forscher, dass die Menschheit bis zum Jahr 2300 sämtliche Erdöl-, Erdgas- und Kohlevorräte verfeuert, die weltweit verfügbar sind; in ihnen stecken schätzungsweise fünf Billionen Tonnen Kohlenstoff. Niemand unternimmt etwas, um die damit verbundenen Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid zu drosseln oder zu unterbinden.

Aerosole gegen Sonneneinstrahlung

Stattdessen schaltet man den Schwefel-Thermostaten ein: Ballone befördern das Element in stratosphärische Höhen um 20 Kilometern, wo das Gas zu Schwefeldioxid verbrannt wird. Daraus entstehen wiederum Sulfat-Schwebteilchen, sogenannte Aerosole, die ganz in der Manier von Vulkanstaub einfallendes Sonnenlicht in den Weltraum zurückwerfen und so die bodennahen Luftschichten kühlen.

"Uns interessierte vor allem die Frage, wie lange das ganze CO2 in der Atmosphäre bleibt", sagt Brovkin. Die Antwort, ausgespuckt von dem Potsdamer Klimamodell: auf jeden Fall 10.000 Jahre, vermutlich sogar noch länger. Denn im Ozean, obwohl natürliche Senke für atmosphärisches Kohlendioxid, ist für derart große Mengen des Treibhausgases kein Platz. Im PIK-Modell verfünffacht sich daher der CO2-Gehalt der Außenluft bis zum Jahr 2300; erst danach nimmt er ab, aber nur schleichend, über Jahrtausende. "Genauso lange müsste man dann auch Schwefeldioxid injizieren, um den Planeten zu kühlen", folgert Brovkin. "Hat man einmal damit begonnen, kann man praktisch nicht mehr aussteigen."



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