Schweinegrippe Deutschland kämpft besonnen gegen das Virus

Wie gefährlich ist die Schweinegrippe wirklich? Politiker mahnen zur Ruhe, Mediziner warnen davor, das Virus zu unterschätzen. Die Bundesregierung will Ärzte zu Grippe-Warnmeldungen zwingen - Schulschließungen oder Einschränkungen des Flugverkehrs stehen aber nicht zur Diskussion.

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Hamburg - Die Parallele zur Wirtschaftskrise liegt auf der Hand: Kein Experte weiß genau, wie lange Börsen und Unternehmen noch schwächeln werden. Die einen sagen, es könnte noch viel schlimmer kommen, die anderen glauben an eine baldige Erholung. Ganz ähnlich ist die Lage derzeit bei der Schweinegrippe. Es gibt Hinweise darauf, dass der Erreger womöglich nicht gefährlicher ist als ein normales Grippevirus. Deutsche Experten raten zu Gelassenheit. Zugleich warnen Mediziner aber davor, die Infektionen zu unterschätzen.

Laboranalyse von Schweinegrippen-Viren: Experten raten zu Gelassenheit
REUTERS

Laboranalyse von Schweinegrippen-Viren: Experten raten zu Gelassenheit

Auch die verantwortlichen Politiker verbreiten ambivalente Botschaften: "Es gibt keinen Grund zur Panik", sagte Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder, "aber Grund zur Besorgnis". Söder sagt damit nichts anderes als: Wir haben die Schweinegrippe in Deutschland, aber wohin das noch führt, wissen wir auch nicht. Der Minister hatte am Mittwochvormittag auf einer Pressekonferenz in München über die zwei bestätigten Schweinegrippe-Fälle in Bayern berichtet. Beide Personen seien nach einer Mexiko-Reise in Deutschland erkrankt, befänden sich aber bereits auf dem Weg der Genesung . Gleiches gilt für die 22-jährige Frau, die in Hamburg nach einer Infektion behandelt wurde. Insgesamt gibt es damit derzeit drei bestätigte Schweinegrippe-Patienten in Deutschland.

"Die medizinischen Protokolle greifen", lobte der Politiker seine Kollegen und damit auch ein bisschen sich selbst. Zweifel, ob die deutschen Behörden auf die Gefahr der Seucheneinschleppung richtig reagiert haben, gab es keine. Drastischere, aber durchaus mögliche Maßnahmen, wie etwa das Erfassen aller ankommenden Fluggäste mit Wärmekameras, um fiebrige Personen zu erkennen, lehnen Politiker wie Wissenschaftler hierzulande ab. Nicht effektiv genug, lautet die Begründung. Auch über Einschränkungen des Flugverkehrs nach Mexiko oder das Schließen von Schulen, wie in Washington und Paris vorgeschlagen, wird hierzulande nicht diskutiert.

Als Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) am Mittwochmittag vor die Presse trat, war viel von "Beruhigung" die Rede. Die Regierung will Ärzte zu Grippe-Warnmeldung zwingen. Zugleich warnte Schmidt vor eventuellen dramatischen Wendungen: "Niemand von uns weiß, wie die Ausbreitungen weitergehen." Und: "Niemand weiß, ob in den nächsten Stunden noch neue Fälle dazukommen." Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: "Wir sind in allen Fragen gut vorbereitet, so dass sich die Menschen in Deutschland darauf verlassen können, dass die Regierung das Mögliche und Notwendige tut".

Wie schwer eine Einschätzung der Gefahren des Schweinegrippe-Virus ist, zeigt die Situation in Mexiko, dem mutmaßlichen Ursprungsland des Erregers. Die mexikanischen Behörden haben immer wieder die Zahl von 159 Todesfällen genannt, hinzu kommen angeblich 2500 Verdachtsfälle. Inzwischen hat das Gesundheitsministerium in Mexiko-Stadt diese Zahlen drastisch nach unten korrigiert - auf ganze 26 Infektionen, von denen nur sieben zu Todesfällen geführt hätten.

Experten wie Alexander Kekulé, Mikrobiologe an der Universität Halle, erklären die Diskrepanzen mit den Mängeln des mexikanischen Gesundheitssystems. Um den WHO-Kriterien zu genügen, hätten die Infektionen nicht in Mexiko selbst, sondern in kanadischen Laboren bestätigt werden müssen, sagte er. Dabei seien die Fallzahlen rapide geschrumpft. Nicht jeder, der an einer Lungenerkrankung sterbe, sei gleich ein Epidemieopfer, sagte Kekulé.

Betrachtet man die mittlerweile korrigierten Zahlen aus Mexiko zusammen mit den Fällen aus anderen Ländern, dann ist die Schweinegrippe bislang ein vergleichsweise kleines Problem: Insgesamt gibt es in den USA 64 bestätigte Fälle. In Mexiko ist das Virus nach neuesten Angaben bisher bei 26 Patienten nachgewiesen, von denen sieben starben. 13 Fälle gibt es in Kanada, jeweils zwei in Israel und Großbritannien. In Neuseeland steigt die Zahl der Infizierten auf 14. Spanien meldet vier Infizierte, Deutschland drei. Österreich bestätigt den ersten Infizierten. Erste Verdachtsfälle gibt es in Afrika.

Die herkömmliche Grippe kostet üblicherweise 5000 bis 8000 Menschen in Deutschland das Leben - pro Saison wohlgemerkt. Von Zahlen dieser Größenordnung ist die Schweinegrippe derzeit glücklicherweise noch weit entfernt. Allerdings weisen Forscher auch immer wieder auf die Wandelbarkeit des Virus A/H1N1 hin. Die Gefahr einer weltweiten Ausbreitung besteht nach wie vor.

Mit Material von dpa

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

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