Schweinegrippe WHO ruft zweithöchste Alarmstufe aus

Alarmsignal der WHO: Die Weltgesundheitsorganisation hat ihre Pandemie-Warnstufe von 4 auf 5 hochgestuft. Damit reagierte sie auf die Ausbreitung der Schweinegrippe in den USA. Doch Mediziner sind uneins, wie gefährlich das Virus tatsächlich ist.

Aus Genf berichtet Marco Evers


Das Signal der WHO ist deutlich: Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, hat am Mittwochabend die Alarmstufe für eine Influenza-Pandemie überraschend von vier auf fünf erhöht. Die höchstmögliche Stufe beträgt sechs. Damit gilt die Schweinegrippe-Pandemie nun offiziell als nicht mehr abwendbar, auch wenn weiterhin unklar bleibt, ob das Krankheitsbild, das dieses Virus verursacht, prinzipiell als bedrohlich einzustufen ist. "Wir kennen noch nicht alle Antworten", sagte Chan auf der eilig einberufenen Pressekonferenz, "aber wir werden sie kriegen".

Die Aufstockung auf 5 bedeutet, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch zur Ausbreitung in mindestens zwei Ländern derselben Region geführt hat, was mit den USA und Mexiko der Fall ist. Bei der höchsten Alarmstufe 6 wird von einer weltweiten Übertragungsgefahr - einer Pandemie - ausgegangen.

Laboranalyse von Schweinegrippe-Viren: Experten raten zu Gelassenheit
REUTERS

Laboranalyse von Schweinegrippe-Viren: Experten raten zu Gelassenheit

Erst am Montagabend hatte die Weltgesundheitsorganisation ihre Alarmstufe von 3 auf 4 erhöht. Doch seither hat sich das Virus über weitere Erdteile ausgebreitet und seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, von Mensch zu Mensch zu springen. Die Mitgliedstaten der WHO sind nun angewiesen, ihre eigenen Pandemie- und Katastrophenpläne zu aktivieren und ihre Vorräte an antiviralen Medikamenten zu erweitern beziehungsweise diese Arzneimittel im jeweiligen Land zu verteilen.

Die WHO empfiehlt nicht, dass gesunde Menschen nun generell Atemschutzmasken tragen sollen. Grenzschließungen und Reiseverbote hält die Organisation ebenfalls nicht für sachdienlich. Doch sie rät von großen Menschenansammlungen ab, etwa bei Sport- und Kulturveranstaltungen, aber auch im gedrängten Öffentlichen Personennahverkehr.

Die Schweinegrippe war in den vergangenen Wochen in Mexiko ausgebrochen. Dort hat sie mindestens 27 Menschen infiziert, sieben sind nachweislich daran gestorben. Mexikanische Mediziner vermuten, dass das Virus mittlerweile über tausend Personen infiziert hat und glauben, dass es für mindestens 159 Todesfälle verantwortlich ist. Auch in den USA hat sich das Virus ausgebreitet. Ein Todesfall und 64 Infektionen gelten als gesichert.

Rasend schnell ist das Virus mit dem weltweiten Flugverkehr jetzt aber auch in weiteren Ländern aufgetaucht. Spanien meldet vier durch Laborbefunde eindeutig identifizierte Infektionen, Großbritannien zwei, Deutschland drei, Neuseeland drei und Israel zwei Fälle. Russland, Hongkong und Taiwan haben angeordnet, dass ankommende Passagiere mit Grippesymptomen sofort in Quarantäne zu bringen sind.

"Wir können den weiteren Verlauf der Epidemie nicht vorhersagen", sagte am Abend der stellvertretende WHO-Generaldirektor Keiji Fukuda. Die Infektionskette "könnte einfach aufhören", doch das sei zu diesem Zeitpunkt "unwahrscheinlich". Es gebe im Gegenteil keinerlei Hinweise darauf, dass das Virus seine Ausbreitung verlangsame. Chan warnte die Staaten der Welt davor, die Bedrohung nicht ernst zu nehmen. "In einer Pandemie ist die ganze Menschheit bedroht." Die WHO und viele Länder der Welt seien jedoch hervorragend vorbereitet auf diese Situation. Seit Jahren arbeiteten sie detaillierte Pandemiepläne aus.

Wie gefährlich ist das Virus?

Unter Experten ist die Gefahr des Schweingerippe-Virus indes umstritten: Die einen sagen, es könnte noch viel schlimmer kommen, die anderen glauben an eine baldige Erholung. Es gibt Hinweise darauf, dass der Erreger womöglich nicht gefährlicher ist als ein normales Grippevirus. Deutsche Experten raten zu Gelassenheit. Zugleich warnen Mediziner aber davor, die Infektionen zu unterschätzen.

Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass in Bayern zwei Personen nach einer Mexiko-Reise in Deutschland erkrankt seien, sich aber bereits auf dem Weg der Genesung befänden . Gleiches gilt für die 22-jährige Frau, die in Hamburg nach einer Infektion behandelt wurde. Insgesamt gibt es damit derzeit drei bestätigte Schweinegrippe-Patienten in Deutschland.

"Die medizinischen Protokolle greifen", lobte Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder seine Kollegen und damit auch ein bisschen sich selbst. Zweifel, ob die deutschen Behörden auf die Gefahr der Seucheneinschleppung richtig reagiert haben, gab es keine. Drastischere, aber durchaus mögliche Maßnahmen, wie etwa das Erfassen aller ankommenden Fluggäste mit Wärmekameras, um fiebrige Personen zu erkennen, lehnen Politiker wie Wissenschaftler hierzulande ab. Nicht effektiv genug, lautet die Begründung. Auch über Einschränkungen des Flugverkehrs nach Mexiko oder das Schließen von Schulen, wie in Washington und Paris vorgeschlagen, wird hierzulande nicht diskutiert.

In den USA wurde unterdessen in Kalifornien und Texas der Notstand wegen der Schweinegrippe ausgerufen. In Texas war der erste Todesfall in den USA bekanntgeworden. Ein Sprecher der texanischen Gesundheitsbehörde erklärte, es gebe 16 bestätigte Fälle der Krankheit. Kalifornien und Texas grenzen an Mexiko, wo bislang die meisten und schwersten Fälle der Grippe aufgetreten sind.

Mit Material von dpa, AP und Reuters

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

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