Untersuchung in Hannover Schweinswale werden bei Munitionssprengungen oft tödlich verletzt

Schweinswale sind Deutschlands einzige Walart und stark gefährdet. Wissenschaftler aus Hannover haben jetzt herausgefunden, dass viele Tiere infolge von Unterwassersprengungen in der Nord- und Ostsee verenden.
Der Schweinswal ist ein Meeresbewohner mit empfindlichem Gehör

Der Schweinswal ist ein Meeresbewohner mit empfindlichem Gehör

Foto: Nature Picture Library / IMAGO

Blutungen im Kopfgewebe, gebrochene Gehörknochen – bei der Untersuchung von 24 toten Schweinswalen haben Fachleute der Tierärztlichen Hochschule charakteristische Verletzungen festgestellt, die nur durch starke Druckwellen entstanden sein können. Diese Ergebnisse lieferten erstmals einen Nachweis, dass Unterwasserexplosionen durch die Sprengung von Munition tatsächlich eine tödliche Gefahr für die Tiere darstellen.

Der Hörapparat der Wale ist empfindlich

Vor einem möglichen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Zahl toter Schweinswale, die an den Küsten Norddeutschlands angespült werden, und Sprengungen von Munition hatten Expertinnen und Experten seit einiger Zeit gewarnt. So hatte etwa ein Gutachten des Bundesamts für Naturschutz aus dem Jahr 2020 gezeigt, dass der Schalldruck einer unterseeischen Sprengung so groß war, dass er potenziell zum Tod der Wale in dem betroffenen Gebiet führen könnte.

Die Forscherinnen und Forscher aus Hannover untersuchten nun 24 tote Schweinswale, die zwischen September und November 2019 an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste gefunden worden waren. Einige der Kadaver waren nach Angaben der Universität nur wenige Wochen nach einer Sprengung von 42 britischen Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe des Schutzgebietes Fehmarn entdeckt worden.

Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift »Environmental International«. 

Bei zehn Tieren stellten die Fachleute charakteristische Verletzungen an den akustischen Organen fest: krankhafte Auskugelungen und Frakturen der Mittelohrknochen, Blutungen im akustischen Fett des Unterkiefers, des Gehörapparates und der sogenannten Melone. Die Melone, die aus Fettgewebe besteht, ist für die Echoortung der Tiere und damit für Orientierung, Kommunikation und Beutefang wichtig. Diese Verletzungen können nur durch starke Druckwellen entstanden sein, lautet das Urteil der Ärztinnen und Ärzte.

»Hohes direktes und indirektes Schadenspotenzial«

Ein Schweinswal hatte zusätzlich Blutungen und Hämatome in Muskel- und Fettschichten. Das deute auf ein »stumpfes Explosionstrauma« hin. Ein weiteres Tier, das Explosionsverletzungen aufwies, wurde als Beifang aufgefunden. Man könne vermuten, dass die Orientierungsfähigkeit dieser beiden Schweinswale durch die Verletzungen erheblich eingeschränkt worden sei – was ebenfalls zum Tod führte. »Dies unterstreicht das hohe direkte und indirekte Schadenspotenzial der Sprengungen«, sagte Ursula Siebert, die das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule leitet.

In den Gewässern der Ost- und Nordsee liegen große Mengen an alter Munition. Die Minen und Bomben wurden dort während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs platziert oder entsorgt. Wenn es nicht möglich ist, die Munition zu bergen, wird sie gesprengt, weil sie eine Gefahr für Schiffsrouten und im Bau befindliche Windparks  darstellt. Bei Detonationen unter Wasser entstehen allerdings extreme Druck- und Schallwellen, die sich kilometerweit ausbreiten und die Tiere schwer schädigen können.

Möglichkeiten, die Tiere zu schützen, werden außer Acht gelassen

Zwar gibt es technische Schutzmaßnahmen, die das Risiko senken. Zum Beispiel können »Vorhänge« aus aufsteigenden Luftblasen die Ausbreitung der Schockwellen deutlich einschränken. Man kann auch versuchen, die Tiere aus den betroffenen Bereichen vor der Sprengung durch akustische Störungen zu verjagen. Doch nicht immer werden diese Möglichkeiten genutzt. Bei der Sprengung im Jahr 2019 seien keine Schallschutzmaßnahmen getroffen worden. In jenem Jahr sollen an der deutschen Ostseeküste mindestens 180 tote Schweinswale gefunden worden sein.

Schweinswale sind Deutschlands einzige Walart. Sie gelten als stark gefährdet. In der zentralen Ostsee ist der Schweinswal vom Aussterben bedroht.

vki/dpa/AFP
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