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Polydaktylie: High Six!

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Fund in New Mexiko Das Privileg des sechsten Fingers

In den Ruinen von Chaco Canyon fanden die Archäologen ungewöhnlich viele Skelette mit einem zusätzlichen Finger oder Zeh. Offenbar genossen diese Menschen besonderes Ansehen - es gab sogar spezielle Schuhmode für sie.

In Mittelamerika benutzten viele Völker gleiche Wörter für "Hand" und für die Zahl Fünf. Auch die Wörter für "Mensch" und für die Zahl Zwanzig ähneln sich oft - da die meisten Menschen insgesamt 20 Finger und Zehen ihr Eigen nennen.

Was aber ist dann ein Mensch, der an Händen oder Füßen überzählige Finger oder Zehen hat? Übermenschlich? So zumindest scheinen die mesoamerikanischen Völker gedacht zu haben: Auf Bildern in Teotihuacan, in Monte Albán und in Palenque tauchen immer wieder göttliche Gestalten mit sechs Fingern oder Zehen auf.

Perlen im Überfluss

Auch weiter nördlich, bei den Bewohnern des Chaco Canyon im heutigen US-Bundesstaat New Mexico, genossen Leute mit sechs Fingern oder Zehen einen besonderen Status, wie ein Team um die Anthropologin Patricia Crown von der University of New Mexico nachweisen konnte. Ganz besonders traf dies wohl auf den Toten mit der Begräbnisnummer 13 zu, der unter dem Bodenbelag von Raum 33 lag. Aus den erhaltenen Knochen konnte die Anthropologin Kerriann Marden von der Eastern New Mexico University rekonstruieren, dass diese Person sechs Zehen am rechten Fuß getragen haben muss.

Es ist eine der reichsten Bestattungen in der ganzen Siedlung - und eine der frühesten. Der oder die Tote gehörte möglicherweise zum Kreis der Gründungselite, die zu Beginn des achten Jahrhunderts in den Chaco Canyon zog. Um den rechten Fußknöchel fanden die Archäologen 698 tellerförmige Perlen aus Türkis, um das rechte Bein herum noch einmal 2997 weitere Türkis-Perlen. Der linke fünfzehige Fuß ging dagegen leer aus.

Auch eine sechszehige Frau, die in Raum 326 bestattet wurde, wurde zu Lebzeiten wohl sehr geschätzt, sie lag neben einem weiteren Individuum sorgsam auf einer gewebten Matte platziert. Beim dritten Fall, einem jungen Mann oder einer jungen Frau, ist die ursprüngliche Bestattung nicht klar. Damit schenkte man aber bereits mindestens zwei der drei Sechszehenfüßler aus Chaco Canyon nach ihrem Tode besondere Beachtung und ließ ihnen eine spezielle Form der Bestattung zukommen.

Große Begeisterung für Hände und Füße

Drei Fälle unter insgesamt 96 bekannten Toten aus der gesamten Siedlung mag nicht viel erscheinen. Doch mit 3,1 Prozent liegt die Rate der sechszehigen Individuen damit deutlich höher als bei der heutigen indigenen Bevölkerung der Vereinigten Staaten, in der auf 100 Geburten nur 2,4 Kinder mit zusätzlichen Fingern oder Zehen kommen. Bei den kaukasischen US-Amerikanern sind es sogar nur 0,13 und bei der schwarzen Bevölkerung 1,4 von 100 Kindern.

Dass wir Menschen in der Regel fünf Finger an einer Hand haben, ist ein Erbe der Evolution. Vor Hunderten Millionen Jahren gab es auch Lungenfische mit sieben oder acht sogenannten Strahlen, wie Biologen Finger und Zehen allgemein bezeichnen. Doch durchgesetzt haben sich am Ende fünf. Warum, das weiß niemand so genau. Fest steht aber: Die Anzahl der Finger und Zehen ist Basis unseres Zahlensystems, das auf der Zehn beruht.

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Ausgegraben: Bilder und Geschichten aus der Archäologie

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Egal ob sie fünf- oder sechsgliedrig waren - die Menschen im Chaco Canyon legten eine große Begeisterung für Hände und Füße an den Tag. Überall an den Wänden hinterließen sie Abdrücke davon - sowohl in ihren Häusern als auch an den Canyonwänden. Mit fast 800 bekannten Darstellungen gehört der Fuß zu den am häufigsten dargestellten Objekten in der Kunst des Tales.

Die sechszehigen Hände und Füße tauchen dabei häufig in der Nähe besonderer Orte auf. In Raum 28 beispielsweise, der in unmittelbarer Nähe von Raum 33 mit den beiden besonderen Bestattungen aus den Gründertagen liegt, hinterließ in etwa 110 Zentimetern Höhe ein sechszehiger linker Fuß einen Abdruck. Auch die Außenwand von der Kiva in Raum drei, die zeremoniellen Zwecken diente, ist mit Hand- und Fußabdrücken dekoriert, darunter ein Handabdruck mit sechs Fingern. Die Räume, deren Wände mit Hand- und Fußabdrücken geschmückt wurden, datieren allesamt in die Zeit zwischen 860 und 1082 nach Christus.

Sandalen mit Platz für den Extra-Zeh

Im Schuhwerk der Siedlung haben die Extra-Zehen ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Gängigstes Modell war zu allen Zeiten die Sandale. Doch statt gleichmäßig geschwungener Seiten haben einige Exemplare eine Ausbuchtung an der Außenseite - dort, wo sich in den meisten Fällen ein sechster Zeh befinden würde.

Und nicht nur die tatsächlichen Sandalen waren mit Platz für den Extra-Zeh erhältlich - auch Modelle aus Stein oder Holz, die wahrscheinlich rituelle Bedeutung hatten, kamen in der extrabreiten Variante. Ähnliches gilt für kleine Fußamulette aus Keramik. Von den zwölf aus Chaco Canyon bekannten Exemplaren, bei denen einzelne Zehen unterschieden sind, haben die Hälfte der Keramikfüßchen sechs Zehen.

Wenn vielleicht auch keinen göttlichen, so genossen die Sechszehenfüßler vom Chaco Canyon wohl zumindest einen besonderen Status. Polydactylie, wie das Vorkommen von zusätzlichen Fingern oder Zehen medizinisch heißt, kann erblich bedingt sein. "Möglicherweise stellte die Geburt mit sechs Zehen ein Individuum in Zusammenhang mit dem Toten aus Raum 33 als fiktivem Vorfahren", spekulieren die Forscher in ihrem Aufsatz  in der Zeitschrift "American Antiquity" - sozusagen als quasi-göttliches Erbe.

Zur Autorin
Foto: Sabine Bungert

Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.Homepage von Angelika Franz