Seehäfen Milliardenpoker um die Containerriesen

Von Jochen Bölsche

2. Teil: "Wir spucken Hamburg nicht in die Suppe": Wie Politiker um Milliardeninvestitionen für Häfen und Infrastrukturen kungeln


"Conti Everest": Mit einer Kapazität von 8238 Standardcontainern eines der größten Containerschiffe der Welt
DPA

"Conti Everest": Mit einer Kapazität von 8238 Standardcontainern eines der größten Containerschiffe der Welt

Im Konkurrenzkampf um die Containerriesen, in dem es um Milliardeninvestitionen geht, wird trickreich operiert, offenbar selbst unter Parteifreunden. So schlossen die christdemokratischen Regierungschefs von Hamburg und Niedersachsen, Ole von Beust und Christian Wulff, zwar im Juni einen Pakt, den der Hannoveraner vor der Presse auf die Kurzformel brachte: "Wir spucken Hamburg nicht in die Suppe bei der Elbvertiefung und umgekehrt Hamburg uns nicht beim neuen Hafen in Wilhelmshaven."

Seither aber hat Wulff kaum eine Gelegenheit ausgelassen zu signalisieren, dass sein Spuckverzicht an eine Bedingung geknüpft ist: Die Folgen der Elbvertiefung für die Deichsicherheit müssten gründlich und "ergebnisoffen" geprüft werden.

"Irgendwann ist das Deichvorland weg"

Auch der starke Mann hinter Wulff, Landtagsfraktionschef David McAllister, beteuert immer wieder, es werde "keine Elbvertiefung um jeden Preis" geben. McAllister, dessen Wahlkreis direkt an der Niederelbe liegt, zeigt sich erkennbar beeindruckt von den Argumenten der Vertiefungsgegner. Die kritisieren, dass die Hansestadt ihr Versprechen gebrochen habe, erst einmal die Auswirkungen der letzten Aktion in einem Zehn-Jahres-Programm zu analysieren.

AGU-Vorsitzender Jan Erik Bohling, CDU-Bürgermeister der Samtgemeinde Am Dobrock im Kreis Cuxhaven, zeigt sich "wütend, dass die Folgen offenbar nicht interessieren". Schon jetzt richteten der Schwell und die Vibrationen der vorüberziehenden XXL-Schiffe Zerstörungen an den Deichen an, schlimmer als jedes Karnickelloch.

Steinbefestigungen werden herausgeschwemmt und eigens aufgespülte Wattflächen um bis zu 15 Meter pro Jahr abgetragen, wie Torsten Heitsch vom Hadelner Deich- und Uferbauverband berichtet: "Wenn das so weitergeht, ist das Deichvorland irgendwann weg."

Ein "Bremsklotz" quer über den Flussgrund

In Stade hat Kreisbaurat Friedrich Tönjes jüngst am Atomkraftwerk und im Industriegebiet Bützfleth "massive Uferabbrüche" festgestellt: "Der Zusammenhang mit der Elbvertiefung und der Schifffahrt ist für uns eindeutig." Im Cuxhavener Ortsteil Altenbruch kennt Wasserbau-Experte Andreas Taubert Deichabschnitte, die begonnen haben, "wie ein Pudding zusammenzusacken".

Niedersachsens Ministerpräsident Wulff: "Wir spucken Hamburg nicht in die Suppe"
DPA

Niedersachsens Ministerpräsident Wulff: "Wir spucken Hamburg nicht in die Suppe"

Das allein führt noch nicht zur Katastrophe, doch, so Taubert, "bei hoher Wellenbelastung und Sturmflut könnte der Deich brechen". Während früher der einst seichte Mündungstrichter der Elbe den Wasserdruck minderte, jagen die Fluten nunmehr etwa bei Nordweststürmen aufgrund "verringerter Seegangsabdämpfung" mit nie gekannter Wucht in den Strom, wo sie vor allem am niedersächsischen Ufer zu gefährlich hohen Wasserständen auflaufen.

Die Vertiefungsplaner beteuern, beim nächsten Mal werde alles anders. So plant Jörg Osterwald vom Wasser- und Schifffahrtsamt Hamburg, in der Elbmündung, in Höhe der so genannten Medemrinne, mit gewaltigen Aufspülungen einen "Bremsklotz" quer über den Flussgrund zu legen.

"Schlickmassen rund um den Erdball"

Das Versprechen, die nächste Baggeraktion werde ganz gewiss "hochwasserneutral" sein, weckt schon wegen der gewaltigen Dimensionen des Vorhabens Zweifel. Der Naturschutzbund Deutschland hat errechnet, dass bei der Aktion, die sich über mehr als 100 Stromkilometer erstreckt, dreimal so viel Schlickmassen bewegt werden müssten wie beim letzten Mal: "Würde man die gesamte Baggermenge auf Lastwagen verteilen, die Stoßstange an Stoßstange stehen, so erhielte man eine Kette, die einmal um den Erdball reicht."

Dass der tiefe Eingriff in die Dynamik des Stroms völlig ohne Auswirkungen auf die Umwelt bleibt, mag auch der Hamburger Senat nicht behaupten. In einer internen Machbarkeitsstufe heißt es, der "weiteren Fahrrinnenanpassung" werde ein "mittleres Umweltrisiko" zugeordnet.

Zwar entlastet der Gütertransport auf der Elbe die Straßen im Umland. Diesem Umwelt-Vorteil steht aber als Nachteil gegenüber, dass alle Güter über das schmale Elbfahrwasser tief ins Binnenland geschippert werden müssen - und, sofern die bunten Kisten in der Containerschleuse Hamburg lediglich auf kleinere Schiffe ("Feeder") umgeladen werden, erneut die deichgesäumte Rinne zu passieren haben, Richtung Nordsee oder Nord-Ostsee-Kanal.

"Den Elbtunnel tiefer legen"

Selbst altgediente Fahrensleute hassen den schmalen Schlauch, in dem sie bei einer Havarie "praktisch manövrierunfähig sind und zu einer Gefahr für die Allgemeinheit werden" - so der Ex-Kapitän Thomas Wieken, einer der Wortführer der Vertiefungsgegner. Wieken hat die Elbe oft mit einem Supertanker, fast 400 Meter lang und 50 Meter breit, befahren, oft mit Gefahrgut und immer in Furcht vor einem Motorschaden oder einer Kollision: "Da schlottern einem die Knie."

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust: Pakt mit Hannover
DPA

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust: Pakt mit Hannover

Dass die Elbe aus Gründen der Deichsicherheit womöglich nicht endlos vertieft werden kann, obgleich die Pötte immer größer werden, glaubt auch ein Kapitänskollege von Wieken. "Wenn das so weitergeht, muss der Elbtunnel bald tiefer gelegt werden", spottet Egon Ohlrogge, lange Zeit Ausbilder an der Schifffahrtsschule Grünendeich an der Elbe.

Den Kritikern wäre wohler, wenn die relativ wenigen übergroßen Containerschiffe künftig in Tiefwasserhäfen wie Wilhelmshaven abgefertigt werden könnten und dadurch eine neuerliche Elbvertiefung überflüssig würde. Niedersachsen und Bremen, die den Ausbau des JadeWeserPorts mit 600 Millionen Euro fördern wollen, suchen zur Zeit einen Partner, der die noch fehlenden 300 Millionen Euro in Hallen und Anlagen investiert; findet er sich, können von 2010 an auch am Jadebusen Container umgeschlagen werden.

"Hafenkonzept aus einem Guss"

Während Hamburgs Regierungschef Ole von Beust versprochen hat, die Wilhelmshaven-Pläne seines hannoverschen Kollegen und Parteifreundes Wulff zu unterstützen, warnt die hanseatische Handelskammer seit langem davor, am Jadebusen "im schifffahrtsmäßigen Niemandsland ein Milliardengrab zu schaufeln". Die Umwelt- und Naturschützer wiederum reagieren auf all die Aktivitäten entlang der Waterkant mit Entsetzen, zumal zugunsten von Containerterminals in Bremerhaven auch die Weser ausgebaggert werden soll. Sie kritisieren, die "Kirchturmpolitik" der konkurrierenden Hafenstandorte - Gesamtkosten aller Ausbauvorhaben: zwei Milliarden Euro - gehe vor allem zu Lasten der Natur und der Steuerzahler. Notwendig sei, appellierten jüngst vier große Umweltverbände in einer gemeinsamen Erklärung an die Bundesregierung, ein nationales "Hafenkonzept aus einem Guss".

Vor einem "kurzsichtigen Konkurrenzkampf" der Länder um die großen Containerschiffe hat auch Umweltminister Jürgen Trittin schon gewarnt und auf die leeren Staatskassen hingewiesen. Das Gerangel, so der grüne Niedersachse und Wilhelmshaven-Freund, schade dem Standort Deutschland: "Wenn weiterhin jeder alles machen will, laufen die Hafenstandorte Gefahr, dass am Ende alle leer ausgehen."

Lesen Sie auch den ersten Teil dieser Serie:

"Die Gischt muss hochspritzen" - wie der Anstieg des Meeresspiegels, die Landabsenkung und eine verfehlten Schifffahrtspolitik die Gefahr von Katastrophen steigern



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.