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Meteotsunamis: Fluten aus dem Nichts

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Seltenes Naturereignis Luftwirbel spült Tsunami an Englands Küste

Flüsse flossen aufwärts, Fische sprangen, Menschen standen die Haare hoch: Ende Juni überspülte in Südwestengland ein knapp ein Meter hoher Tsunami die Küsten. Es hatte weder Seebeben, noch Unterwasserlawinen gegeben  - was aber hatte den Tsunami ausgelöst? Jetzt liefern Forscher eine Erklärung.

Cornwall - Am 27. Juni gab es im Südwesten Englands eine rätselhafte Überschwemmung. Eine bis zu 80 Zentimeter hohe Flutwelle setzte Buchten unter Wasser; Fischerboote kamen nicht gegen die starke Strömung an, drehten sich im Wasser. Medien meldeten erstaunliche Vorgänge : "Flüsse änderten ihre Richtung, Fische sprangen aus dem Wasser, Menschen standen die Haare zu Berge." Was war geschehen?

Von einem "seltenen Ereignis" sprach ein ratloser Meeresforscher. Experten am EMU-Institut für Ozeanografie in Portsmouth glaubten zunächst, ihre Instrumente seien kaputt. "Die Meerespegel schwankten viel stärker als normal", sagt Robin Newman, ein Forscher am EMU. "Doch bald erkannten wir, dass es eine lange Welle war, die von Ost nach West strömte - wir hatten einen Tsunami entdeckt."

Da kein Seebeben gemessen worden war, glaubten die Experten zunächst an eine Unterwasserlawine vor der Küste Großbritanniens, die die Wellen losgetreten hätte. Doch nun scheint der Fall geklärt: Der Tsunami sei vom Wetter ausgelöst worden, teilt der Britische Geologische Dienst BGS mit  - es handelte sich um einen sogenannten Meteotsunami, ein seltenes Naturphänomen.

Üblicherweise verursachen Seebeben oder Hangrutschungen am Meeresgrund Tsunamis. In den letzten Jahren jedoch mehrten sich Hinweise, dass auch Luftvibrationen Flutwellen auslösen können. Forscher um Ivica Vilibic vom Institut für Ozeanografie im kroatischen Split hatten zahlreiche Flutwellen weltweit als Meteotsunamis identifiziert. So habe 2006 eine solche Flut Buchten der Balearen-Insel Menorca überschwemmt; es entstand erheblicher Sachschaden. Die Berichte aus England scheinen die Meteotsunami-Theorie nun zu bestätigen.

Schlammpakete, Klippen, Böen

Doch in England wurde zunächst eine Klippe im Meer südwestlich der Küste als Quelle möglicher Unterseelawinen vermutet. Wo sich das Flachmeer in die Tiefsee senkt, rutschen bisweilen Schlammpakete ab. Für das Ereignis am 27. Juni jedoch scheide die Region als Verursacher aus, erklärt der BGS: Denn die Tsunamis seien im östlichen Teil Südwestenglands höher gewesen als im Westen - der Ursprung der Wellen liege folglich im Osten der britischen Insel.

Dort jedoch - im Ärmelkanal - gebe es kaum instabile Hänge, die als Quelle für Tsunami-Lawinen in Frage kämen. Flutwellen aus dem Osten hätten zudem den Südwesten der Insel wohl nicht erreicht, meint der BGS - Hangrutschungstsunamis breiten sich nicht so weit aus wie Flutwellen, die von schweren Seebeben losgetreten wurden. Aus dem Ärmelkanal kommend, hätte sie vermutlich nur die Küsten im Südosten Englands getroffen, erklärt der BGS. Überflutet wurden am 27. Juni jedoch Buchten im Südwesten zwischen Portsmouth und Penzance.

Der Blick auf die Wetterkarte brachte die BGS-Experten auf eine neue Spur: Am fraglichen Tag zogen Sturmfronten mit Gewittern über England; das Tennisturnier in Wimbledon musste wegen Regen und Sturm unterbrochen werden. Dass manchen Leuten an überfluteten Buchten die Haare zu Berge standen, sei ein Hinweis auf Gewitterblitze, deren Entladungen bisweilen entsprechende Auswirkungen auf Frisuren hätten, erklärt der BGS: "Unsere Folgerung ist, dass der Tsunami eine meteorologische Ursache hat." Vermutlich habe eine Sturmböe die Flutwelle verursacht.

"Wie ein reißender Fluss strömte die Flut über den Damm"

Wie genau Luftwirbel Flutwellen auslösen, ist allerdings noch nicht geklärt. Klar ist: Das Meer muss bis in große Tiefe in Wallung geraten, um großen Wassermengen mit starker Strömung an die Küsten zu spülen. Vermutlich müsste starker Wind auf Meereswellen treffen, die mit ähnlicher Geschwindigkeit unterwegs seien, meint Vilibic: Dann könnten Luft und Wasser sich gegenseitig aufschaukeln. Um das Meer bis in große Tiefe in Wallung zu bringen, müsste der Gleichklang von Luft und Wasser einige Zeit anhalten.

Gefährdet seien vor allem enge Buchten, in denen der Wasserspiegel normalerweise kaum schwanke, sagt Vilibic: Im Mittelmeer seien vor allem Buchten auf Sizilien, Malta und in der Türkei bedroht. "Meteotsunamis können dort höher werden als sechs Meter", sagt Vilibic. In engen, flachen Buchten werden sie gestaucht - und türmen sich auf.

Auch in England wurden nun vor allem Buchten geflutet, so auch die trichterförmige Mündung des Flusses Yealm östlich von Plymouth. "Auf einmal änderte der Fluss seine Richtung", erzählte ein Zeuge der BBC: "Alle Boote hüpften umher, Fische sprangen aus dem Wasser." Mittlerweile haben Meteorologen in ihren Archiven Hinweise auf ähnliche Tsunamis in Südengland in den Jahren 1929 und 1892 gefunden.

Aufgrund ihrer geringen Höhe wirkten die Meteotsunamis in England zunächst harmlos. Doch nicht ihre Höhe, sondern ihre Länge macht Tsunamis gefährlich. Ein Wanderer in Cornwall staunte: "Wie ein reißender Fluss strömte die Flut über den Damm."

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